Theologischer Souffleur
Fragt man Matthias Zeindler nach den spannendsten Herausforderungen als Leiter des Bereichs Theologie bei den Berner Kirchen, kommt er schnell auf die «Ehe für alle» zu sprechen. Die Einführung von kirchlichen Trauungen vor drei Jahren war ein kontroverses Thema, das in einigen Kantonalkirchen für wüste Grabenkämpfe sorgte. Auch in den Berner Kirchen standen schätzungsweise 30 Prozent der Pfarrschaft und der Mitglieder dem Anliegen skeptisch gegenüber.
Zeindler und sein Team waren gefordert. Sie erarbeiteten ein Diskussionspapier und empfahlen, im Vorfeld der Abstimmung eine Gesprächssynode abzuhalten. Eine Strategie, die sich auszahlte. Mit deutlicher Mehrheit sprachen sich die Abgeordneten schliesslich für gleichgeschlechtliche Trauungen aus. «Durch unser Vorgehen fühlten sich alle Beteiligten angehört, dadurch konnten auch die Gegnerinnen und Gegner der Vorlage das Ergebnis akzeptieren», sagt Zeindler.
In seiner Funktion war Zeindler so etwas wie der theologische Kopf der Berner Kirchen. Er war gefragt, wenn es galt, Synodalrat und Kirchenparlament in theologischen Fragen zu beraten und kirchenpolitische Entscheide theologisch wasserdicht zu machen. Daneben war Zeindler dafür verantwortlich, die Pfarrschaft landeskirchlich zu begleiten – das reichte von der praktischen Ausbildung bis zur Pensionierung von Pfarrpersonen. Nach rund fünfzehn Jahren in diesem Amt geht er im Herbst nun in Pension.
Eigene Impulse geben
Während Zeindler als Universitätsprofessor beispielsweise über die Trinität oder die Lehre von der Schöpfung forschte, hatte er es in den Berner Kirchen mit praktischeren Fragen zu tun. Das war zum Beispiel der Fall, als ihm vor einigen Jahren ein Pfarrkollegium mitteilte, dass es immer mehr Fragen zum Umgang mit assistiertem Suizid gebe, etwa in der Seelsorge oder bei Bestattungen. Pfarrpersonen wünschten sich Unterstützung dabei, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollten. «Wir wollten zunächst eine handliche Broschüre schreiben, merkten dann aber, dass wir mehr in die Tiefe gehen mussten», erinnert sich Zeindler.
Gemeinsam mit zwei Co-Autoren entstand ein Buch über seelsorgerliches Handeln im Zusammenhang mit assistiertem Suizid. Zudem unterbreitete Zeindler dem Synodalrat eine Positionierung zu dem Thema, die von der Exekutive schliesslich auch verabschiedet wurde. Es sei ihm immer wichtig gewesen, eigene theologische Impulse zu liefern und nicht nur auf Aufträge zu warten. «Unsere Position zum assistierten Suizid war damals pionierhaft und wurde von anderen Kantonalkirchen aufgenommen», sagt Zeindler.
Bei praktischen Fragen anzuknüpfen, machte für ihn den Reiz seiner Arbeit aus. Es sei spannend gewesen, gesellschaftspolitische oder andere aktuelle Fragen in einen Bezug zur reformierten Tradition und die biblischen Grundlagen zu bringen. «Und das Überraschende ist, dass es solche Anknüpfungspunkte immer gab», sagt Zeindler.
Sorge um die Pfarrpersonen
Matthias Zeindler studierte Theologie und Philosophie in Bern und trat nach einem Doktorat 1991 seine erste Pfarrstelle in Gerlafingen (SO) an. Nach vier Jahren als Assistent an der Theologischen Fakultät Bern teilte er sich in Erlach (BE) eine Pfarrstelle mit seiner Frau. Zeindler ist seit 2010 Leiter des Bereichs Theologie der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, im Jahr darauf wurde er zum Titularprofessor für Dogmatik an der Universität Bern ernannt. Er publizierte rund 25 Bücher und zahlreiche Aufsätze zu theologischen Themen. Zeindler ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt in Erlach am Bielersee. (no)
Im Gespräch wirkt Matthias Zeindler ruhig, bedacht und bescheiden. Man muss nachhaken, um mehr über seine Verdienste zu erfahren. Ein Nebeneffekt seiner Arbeit sei gewesen, dass das Verhältnis der Landeskirche zur Theologischen Fakultät vertieft worden sei. Aufgrund seiner Verortung in beiden Institutionen konnte Zeindler so etwas wie ein Brückenbauer sein. «Früher war dieses Verhältnis etwas angespannt. Inzwischen arbeitet man eng zusammen – insbesondere bei der Nachwuchsförderung.»
Gerade in diesem Bereich hat Zeindler aber auch das Gefühl von Machtlosigkeit erfahren. In Zusammenarbeit mit anderen Kantonalkirchen sei viel Mühe und Geld in die Nachwuchsförderung im Pfarrberuf investiert worden. Eine Trendumkehr habe es dadurch nicht gegeben, stellt Zeindler fest. «Wir haben es mit gesellschaftlichen Megatrends zu tun, die man als Kirche nicht einfach umkehren kann.»
Sorge macht ihm, dass es den Pfarrpersonen schlechter geht als noch vor 20 Jahren. Die Entflechtung von Kirche und Staat im Kanton Bern sei für Pfarrer und Pfarrerinnen psychologisch ein Einschnitt gewesen. Hinzu komme, dass der Beruf nicht mehr den gleichen Status wie früher geniesse. «Als Pfarrperson ist man heute nicht mehr automatisch Respektsperson, das muss man sich erst hart erarbeiten.» Auch die Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinderäten sei mancherorts schwieriger geworden. Erschöpfung, Burnout und Verzweiflung sind oftmals die Folgen davon.
In das Lamento über den Bedeutungsverlust der Kirche will Zeindler dennoch nicht einstimmen. Er habe in den vergangenen Jahren viel Innovation in der Kirche erlebt, etwa in der Seelsorge, im Gottesdienst oder im Religionsunterricht. «Es stimmt nicht, dass die Kirche nicht auf der Höhe der Zeit ist. Es wird im Gegenteil viel tolle Arbeit geleistet», sagt er.
Wieder einmal die Bibel ganz lesen
Etwas Bedauern mischt sich aber doch in seine Aussagen. Dass sich immer weniger junge Menschen für Theologie begeisterten, findet Zeindler schade. Kein anderes Studienfach habe eine solche Breite. Zudem könne Theologie in einer pluralen Gesellschaft einen wichtigen Bildungsauftrag erfüllen. «Pluralität setzt Bildung voraus. Um die Religionen und Kulturen zu verstehen, die unter uns leben, braucht es Wissen», ist Zeindler überzeugt.
Wer die Titel seiner Publikationen durchliest, merkt schnell, dass ihm noch ein anderes Thema am Herzen liegt: Die Frage nach Gott und dem Glauben. Die Gottesfrage sei auch heute kein Luxus, jeder Mensch sollte sich damit befassen. «Mir selbst hat die Beschäftigung damit geholfen, die Welt tiefer und schöner zu erleben», sagt Zeindler.
Dazu hat Zeindler ab Herbst, wenn er in Pension geht, wieder mehr Zeit und Musse. Er freut sich darauf, endlich ausschlafen zu können, sich mehr zu bewegen und seine Frau vermehrt im Haushalt zu unterstützen. Und natürlich wird ihn auch die Theologie nicht loslassen. «Mein Plan ist, die Bibel wieder einmal von vorne bis hinten durchzulesen», sagt er.