Zum Tod von Jürgen Moltmann

«Dankbarkeit für sein Leben überwiegt die Traurigkeit über seinen Tod»

Der Tod Jürgen Moltmanns markiert für viele das Ende einer Ära. Theologinnen und Theologen aus der Schweiz erinnern sich an ihre Begegnung mit dem Denker.

Jürgen Moltmann gab 2013 zuhause in Tübingen dem heutigen Theologieprofessor Benjamin Schliesser ein Interview. Dieser war beeindruckt von der Energie und Visionskraft des Gelehrten. (Bild: Benjamin Schliesser/ zvg)

Benjamin Schliesser

Professor für Literatur und Theologie des Neuen Testaments, Universität Bern

Wer wie ich Ende der 90er Jahre in Tübingen studierte, konnte Jürgen Moltmann leibhaftig begegnen – wenn er nicht auf einer seiner vielen Reisen war. Manchmal traf man ihn zusammen mit seinen Freunden Walter Jens, Eberhard Jüngel und Hans Küng. Das war für einen jungen Studenten höchst beeindruckend. 

Auch wenn er bis zuletzt in der schwäbischen Kleinstadt Tübingen lebte: Jürgen Moltmann war das Gegenteil von provinziell. Er war in der weltweiten Christenheit zuhause, seine Theologie war ökumenisch weitherzig und doch profiliert, seine Sprache auch jenseits des theologischen Elfenbeinturms verständlich und relevant.

Angesichts seines Todes erinnere ich mich an das Interview, das ich mit dem damals 87-Jährigen führte. Ich fragte:  «Welche Verheissungen Gottes haben Sie in Ihrem persönlichen Leben am meisten geprägt?» Seine spontane Antwort: «Die Auferstehung! Der auferstandene Christus ist die Fleisch gewordene Verheissung Gottes. Die Welt im Horizont der Auferstehung zu sehen, dafür habe ich gelebt und gestritten, und dies würde ich gerne weiter verbreiten.»

Es war eindrücklich, wie der sich in seinem ledernen Ohrensessel zurücklehnte und eine Energie und Visionskraft versprühte, der wir uns nicht entziehen konnten. Er wusste im Interview auch zu provozieren – etwa wenn er meinte, dass die Zukunft der Kirche eine freikirchliche sei. Oder wenn er sagte, «dass es heute eine Wiederentdeckung des Missionarischen braucht. Das Dialogische ist so langweilig. Ihnen, den jungen Theologen und der Gemeinde vor Ort, gehört die Zukunft. Träumen und leben Sie doch Kirche fröhlich nach vorne. Seien Sie risikofreudiger und revolutionär. Sie sind doch nicht die Sklaven der Oberkirchenräte.»

Magdalene L. Frettlöh

Professorin für Systematische Theologie, Universität Bern

Zunächst bin ich Jürgen Moltmann in seinen Büchern «Theologie der Hoffnung» und «Der gekreuzigte Gott» begegnet. Ich stand vor dem Beginn meines Theologiestudiums und war geradezu süchtig nach guter theologischer Literatur. Persönliche Begegnungen mit Jürgen Moltmann folgten bald, vor allem auf den Tagungen der Gesellschaft für evangelische Theologie, deren langjähriger Vorsitzender er war.

Erst aus Moltmanns Autobiographie «Weiter Raum. Eine Lebensgeschichte» erfuhr ich, dass er sein Vikariat in meinem Heimatkirchenkreis Wittgenstein gemacht hatte. Als universitäre Theologin lese ich mit den Studierenden häufiger Texte Jürgen Moltmanns in meinem Dogmatik-Grundkurs.

Moltmanns Theologie ist eminent politisch. Ihr liegt das prophetische Amt der Kirche am Herzen, die Stellung bezieht zu kontrovers diskutierten gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen. Dogmatik und Ethik gehören für ihn konstitutiv zusammen.

Er hat den Stimmen der Leidenden, der Zukurzgekommenen, der Entrechteten, der Armen und Unterdrückten Ausdruck gegeben. Und damit an Walter Benjamins Überzeugung erinnert: «Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.»

Die Dankbarkeit für und das Staunen über sein reiches internationales und ökumenisch profiliertes Leben, überwiegt deutlich die Traurigkeit über seinen Tod. Wer Jürgen Moltmann in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit erlebt hat, etwa bei seiner letzten Ehrenpromotion an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal am 1. November 2022, hat ihm wohl gegönnt, dass sein Wunsch, nicht 100 Jahre alt werden zu müssen, in Erfüllung gegangen ist.

Der Tod Elisabeth Moltmann-Wendels, die ihm in 64 Ehejahren eine ebenbürtige Weggefährtin und herausfordernde Gesprächspartnerin war, stellte eine deutliche Zäsur in seinem Leben dar. Einen Bruch, der die Verletzlichkeit dieses grossen Theologen deutlich zeigte. Und zugleich hat dieser Tod seine Auferstehungshoffnung noch mehr befeuert.

Christine Schliesser

Studienleiterin am Zentrum für Glaube und Gesellschaft, Universität Freiburg

Jürgen Moltmann war mein Doktorvater. Ich studierte einige Semester in Pasadena, USA. Dort wurde Moltmann sehr geschätzt. Glen Stassen, einer der dortigen Professoren, hatte mit ihm ein Buch geschrieben. Bevor ich für meine Dissertation zurück nach Tübingen ging, brachte mich Stassen mit Moltmann in Kontakt. Es war ein ungeheures Privileg, dass er meine Dissertation zu Dietrich Bonhoeffer betreut hat. Jürgen Moltmann gehört zu den Theologen, die mich am meisten geprägt haben. 

Mich beeindruckte vor allem seine ökumenische Weite und Offenheit. Einmal sagte er mir: «Ich trinke aus vielen Quellen.» Er hatte keinerlei Berührungsängste. Für ihn gab es Schätze in allen Traditionen zu heben.

Moltmann konnte sich ganz auf seine Zuhörerschaft einlassen. Er nahm auch kritische Argumente ernst, liess sich auf sie ein und scheute sich nicht, seine eigene theologische Position deutlich zu machen. Von dieser konstruktiven Dissensfähigkeit können wir bis heute lernen.

Die Nachricht von seinem Tod berührt mich sehr. Ich habe zwei Wochen vorher noch Briefe mit ihm ausgetauscht. Seine Briefe waren immer akkurat auf der Schreibmaschine geschrieben und allfällige Tippfehler handschriftlich korrigiert. Ein Satz aus seinem letzten Brief ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: «Mein Geburtstag fällt in die Osterzeit. Ich nehme die Auferstehung Christi in mein Leben hinein. Ich liebe das Leben. Hier das zeitliche Leben und dort das ewige Leben. In meinem Geburtstag feiere ich das sterbliche Leben und in meinem Tode begrüsse ich das ewige Leben.» Diese Lebensfreude, Christuszentriertheit und Auferstehungsgewissheit – das wünsche ich uns auch heute.

Ralph Kunz

Professor für praktische Theologie, Universität Zürich

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit intensiver mit dem Thema Hoffnung. In diesem Zusammenhang setzte ich mich mit Moltmanns Werk auseinander. Dadurch ergab sich ein Austausch mit ihm persönlich. Das war für mich sehr bereichernd und schön. 

Denn Jürgen Moltmann hat mich als Theologe geprägt. Er gehörte zusammen mit Dorothee Sölle und anderen zum Leitgestirn der neuen politischen Theologie. Beeindruckt und beeinflusst haben mich seine auferstehungszentrierte Kreuzestheologie, seine Sicht der Schöpfung als Gaia, seine Betonung der Freude und vieles mehr.

Vor einiger Zeit versuchte ich, ihn noch einmal zu einem Auftritt zu überreden und zu einer Klimatagung nach Winterthur zu locken. Er nahm sich die Mühe, mit mir zu telefonieren und erklärte mir, er sei schon zu schwach für eine solche «Übung». Ich erinnere mich, dass ihm das Sprechen schwerfiel. Ich wusste, dass es gegen das Ende zuging und bin sicher, dass er sich auf die Welt freute, für die er hellhörig war. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir ihn als Lehrer der Kirche lesen, der die Weltliebe Gottes ins Zentrum seiner Theologie stellte.

Albrecht Grözinger

emeritierter Professor für praktische Theologie, Universität Basel

Ich habe Jürgen Moltmann während der ersten drei Semester meines Theologiestudiums in Tübingen in den Jahren 1969-1970 erlebt. Bei ihm habe ich zum ersten Mal gelernt, dass die Dimension des Theologischen und des Politischen zusammengehören – und zwar nicht in einer vordergründigen Politisierung der Theologie, sondern in der kritischen und selbstkritischen Befragung der biblischen Botschaft hin auf ihre politischen Implikationen.

In Moltmanns Denken waren stets auch die grossen intellektuellen Kontroversen des 20. Jahrhunderts präsent. Ich würde mich nicht scheuen, ihn als den «exemplarischen deutschsprachigen Theologen des 20. Jahrhunderts» zu bezeichnen. Aktuelle Debatten ordnete er immer in den grossen Horizont der gesamten christlichen Überlieferung ein.

Der Tod Moltmanns hat mir vor Augen geführt, wie stark ich von der Theologie meiner Studienzeit geprägt bin. Es war die Zeit der grossen theologischen Entwürfe. Wir denken heute in unserer Theologie bescheidener und in gewisser Weise auch kleinteiliger. Ich denke das ist gut so. Aber es schadet nicht, ab und zu einen Blick auf die grossen theologischen Leuchttürme zu werfen, zu denen die «Theologie der Hoffnung» von Jürgen Moltmann zweifellos gehört.

Matthias Zeindler

Titularprofessor für Dogmatik, Universität Bern

Bekannt geworden ist Jürgen Moltmann mit seinem Buch «Theologie der Hoffnung», mit welchem er für eine entschiedene Hinwendung  des Glaubens und der Kirche zum kommenden Reich Gottes optiert hat. Nichts mehr als dies brauchen heute unsere Kirchen, die ich als enorm selbstbezogen, zaghaft und hoffnungslos erfahre.

Die kirchliche Atemlosigkeit und Erschöpfung ist im Tiefsten eine theologische Krise. Konkret: Eine Kirche, die darauf vertraut, dass sie ihre Zukunft nicht selbst sichern muss, sondern sie Gott und dem Kommen seines Reiches überlassen kann, eine solche Kirche könnte gelöster, entspannter und vor allem fröhlicher sein. Der Verweis auf das Reich Gottes ist ohne Zweifel der wichtigste Impuls Moltmanns, den es heute zu beherzigen gilt.