Der Umkrempler
Einmal hat Lukas Kundert die Überstunden ausgerechnet, die er in den 20 Jahren an der Spitze der Baselstädtischen Kirche geleistet hat. «Ich bin auf ungefähr sechs Jahre Überzeit gekommen», sagt er lachend. Wir sitzen in Kunderts Büro in unmittelbarer Nähe zum Münster. Der Raum ist mit antiken Skulpturen und moderner Kunst ausgestattet. Hier ist die Schaltzentrale, aus der Kundert in den vergangenen Jahren nichts weniger als den Totalumbau der Basler Kirche gesteuert hat.
Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, präsentiert Kundert in der folgenden Stunde soziologische Modelle, Marktanalysen und Grafiken. Eine davon zeigt die 18 Kirchenstandorte in der Stadt Basel als farbige Kreise. Jede Farbe steht für ein soziales Milieu. «Da wollen wir hin», erläutert Kundert. «Weg von der Monokultur, hin zu einer vielfältigen Kirche, die unterschiedliche Zielgruppen anspricht.»
Kundert spricht in diesem Zusammenhang vom Übergang zu einer volkskirchlich geprägten Mitgliederkirche. Um die Jahrtausendwende stand die Basler Kirche am Scheideweg. Als städtische Kantonalkirche bekam sie die Säkularisierung schmerzhaft zu spüren. Der Mitgliederschwund hatte zu einem dramatischen Einbruch bei den Steuereinnahmen geführt, Stellenabbau und Gemeindefusionen schienen die logische Folge. Für den neu gewählten Kirchenratspräsidenten war klar, dass dies nicht der Weg der Basler Kirche sein konnte. «Fusionen führen nur zu immer weiteren Strukturreformen. Das wollte ich verhindern», sagt Kundert.
Freikirchen als Vorbild
Der Synode präsentierte Kundert ein Modell, das bislang vor allem aus den Freikirchen bekannt war. Die Idee: In den Kirchgemeinden sollte nur noch die Grundversorgung wie Gottesdienste und Seelsorge aus der Kirchensteuer finanziert werden. Die sogenannte Gemeinschaftsarbeit, die Angebote für bestimmte Zielgruppen wie Jugendliche oder Seniorinnen umfasst, sollte hingegen von den damit Angesprochenen selbst getragen werden. «In jeder Gemeinde gibt es engagierte Mitglieder, die bereit sind, für solche Angebote zu zahlen. Das setzt voraus, dass diese Gruppen gezielt angesprochen werden», sagt Kundert.
Damit begannen für den Kirchenratspräsidenten lange Jahre der Überzeugungsarbeit. Damals waren die Angebote in den Kirchgemeinden noch wenig ausdifferenziert. Kundert ermunterte die Kirchenleitungen, verstärkt bestimmte Milieus in den Blick zu nehmen. «Mit der Zeit kam Bewegung in die Sache, und die Kirchgemeinden entwickelten Ideen, wie sie eine bestimmte Klientel an sich binden konnten», sagt Kundert. Mitglieder solcher Gemeinden seien dann nicht nur bereit, von ausserhalb anzureisen, sondern auch für die erbrachten Leistungen zu zahlen.
Widerstand in der Synode
Wenn Lukas Kundert in seinem Büro über das Basler Kirchenmodell spricht, wirkt es ein wenig, als erläutere er ein Naturgesetz. Für ihn bestehen keine Zweifel, dass das Modell funktioniert. Gerade in den Anfangsjahren stiess er damit aber auf viel Skepsis. «Viele hielten mich für einen Spinner», schmunzelt er. In der Synode war der Widerstand zeitweise so gross, dass Kundert lediglich mit rund 60 Prozent wiedergewählt wurde – ein für Kirchenverhältnisse aussergewöhnlich schlechtes Ergebnis.
Tatsächlich aber geben ihm die Zahlen Recht. Von den rund 10 Millionen Franken Steuereinnahmen, die die Basler Kirche heute im Vergleich zum Jahr 2004 weniger in der Kasse hat, konnten 8 Millionen Franken durch Mitgliederspenden und andere Massnahmen kompensiert werden. «In allen unseren Kirchenstandorten ist die Gemeinschaftsarbeit heute zu 75 Prozent drittfinanziert. Lediglich 25 Prozent stammen noch aus den Steuern», sagt Kundert.
Der Erfolg dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein steiniger Weg war. Anders als ein KMU lasse sich eine Kirche nicht in zwei Monaten umbauen, sagt Kundert. «Kirche ist langsam. Um Veränderungen durchzusetzen, braucht es einen langen Schnauf.»
Lukas Kundert (58) studierte Evangelische Theologie in Basel und Judaistik in Jerusalem. Bevor er 2004 zum Kirchenratspräsidenten gewählt wurde, war er fünf Jahre lang Industriepfarrer im Basler Pfarramt für Industrie und Wirtschaft, das in diesem Jahr aus finanziellen Gründen seinen Betrieb einstellen musste. Seit 2009 amtet Kundert als Pfarrer am Basler Münster, ausserdem ist er Titularprofessor an der Universität Basel.
Gemeinsam mit anderen Pfarrpersonen gründete Kundert den «Verein Evangelische Schweizer Kirche in Israel», dem er auch vorsteht. Ziel ist unter anderem, in Jerusalem ein reformiertes Pfarramt einzurichten. Ausserdem macht sich der Verein für die Antisemitismus-Prävention stark. Lukas Kundert ist geschieden und hat einen Sohn. (no)
Mit Kippa auf dem Barfüsserplatz
Dass ihm dieser in den 20 Jahren nicht ausgegangen ist, erklärt Kundert mit den schönen Seiten des Jobs, zu dem auch ein kleines Pensum als Pfarrer am Münster gehört. «Ich kann sowohl betriebswirtschaftlich wie auch seelsorgerlich arbeiten, das ist eine tolle Kombination.» Als wäre das nicht schon genug, unterrichtet Kundert zudem als Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.
Bleibt bei einer so eng getakteten Agenda überhaupt noch freie Zeit? Wenn Lukas Kundert über Privates spricht, wird seine Stimme leise, fast sanft. Seine freien Stunden verbringt der geschiedene Vater gerne mit seinem inzwischen 22jährigen Sohn, zu dem er ein enges Verhältnis hat. Viel Kraft holt Kundert aus dem Lesen der Bibel oder in seinem Ferienhaus im Toggenburg, wo seine Mutter herkommt. Manchmal trifft man ihn rauchend an einer lauschigen Stelle am Rhein.
Besonders am Herzen liegen Kundert, der in Jerusalem Judaistik studierte, seine Freunde in Israel. Der Krieg im Nahen Osten und der grassierende Antisemitismus gehen ihm nahe. In solchen Momenten ist sich der Kirchenratspräsident auch für medienwirksame Auftritte in der Öffentlichkeit nicht zu schade. So trat er anlässlich einer Aktion auf dem Basler Barfüsserplatz mit Kippa auf und rief die Bevölkerung dazu auf, es ihm gleichzutun – damit Juden für Terroristen nicht mehr identifizierbar wären (ref.ch berichtete).
Mission noch nicht vollendet
Dabei zögert Kundert nicht, Kritik zu äussern, wenn ihm etwas missfällt. Ein von ihm mitorganisiertes interreligiöses Treffen mit Bundesrat Jans im Basler Rathaus geriet zum Fiasko, nachdem die eingeladenen Imame abgesagt hatten, woraufhin auch der Rabbiner seine Zusage zurückzog. Dass die Vertreter der Moscheevereine kein Interesse zeigten, ärgerte Kundert. «Anscheinend redet man in der Schweiz mit den Falschen, nämlich mit denjenigen, die nicht bereit sind, für die jüdische Gemeinschaft einzustehen», sagt er.
Inzwischen ist unsere Gesprächszeit abgelaufen. Im Treppenhaus, zwischen den Ölgemälden der Basler Kirchenvorsteher, erklärt Kundert, dass er gerne noch eine weitere Legislatur anhängen würde. Nach dem Umbau in den Gemeinden müsse nun auch der kantonalkirchliche Teil neu geplant werden, dafür wolle er noch die Verantwortung übernehmen. «Ich bin wahrscheinlich ein Sesselkleber», lacht er.
Gedanken über eine Nachfolge hat er sich dennoch gemacht. «Es wäre schön, wenn hier einmal das Bild einer Frau hängen würde», sagt er und blickt nachdenklich auf die Galerie seiner Vorgänger. Dann schaut Lukas Kundert auf die Uhr, verabschiedet sich freundlich und eilt zum nächsten Termin.