Ausstellung
Wie man einen Kaiser empfängt
Wo immer Haile Selassie I. aus dem Hause Salomon, Kaiser von Äthiopien, König der Könige, Löwe von Juda und in den Augen Mancher die «Wiederkehr von Jesus Christus», im Winter 1954 Halt machte, waren alle Leute auf den Beinen.
Am 25. November traf er mit seinem Gefolge am Bahnhof Basel ein, «fahrplanmässig punkt neun Uhr», wie die NZZ damals schrieb. Eine Menschenmenge erwartete ihn, die Bahnhofshalle war mit Blumen, Lorbeerbäumen und Fahnen geschmückt und «ein riesiger Teppich lag ausgebreitet auf dem Perron». Ein Bundesrat und hohe Offiziere des Militärs begrüssten den Kaiser, bevor er eine Ehrenwache von 140 Soldaten abschritt.
Ein Lebkuchen als Geschenk
Später bestieg Haile Selassie mit seinem Gefolge den Roten Doppelpfeil der SBB, der ihn nach Hindelbank brachte. Das nahegelegene Schloss Jegenstorf war für den Monarchen hergerichtet worden als Residenz während seines Aufenthalts in der Schweiz. Man schenkte ihm Blumen und einen grossen Lebkuchen, der mit einem Berner Bären verziert war – «eine Aufmerksamkeit, die dem Gast sichtlich Freude bereitete», schrieb die NZZ.
Jeden Tag erschien nun ein Artikel über den äthiopischen Kaiser: Als er in Zürich die Waffenfabrik Bührle besuchte, fuhren er und seine Begleiter in neun Limousinen durch die Stadt. Die Menschen am Strassenrand seien ratlos gewesen, bei welchem Fahrzeug sie klatschen sollten. Nur wenige hätten «einen Blick auf das charaktervolle Antlitz erhascht», heisst es.
Der Journalist vermutet, die Zürcherinnen und Zürcher seien nicht nur aus Sensationslust Spalier gestanden, sondern: «Sie begrüssten in dem sympathischen Monarchen den Staatsmann, der zähe um die Freiheit seines Landes gekämpft hatte.» Unter Selassie hatte Äthiopien seine erste Verfassung erhalten, die Sklaverei abgeschafft und sich von der Kolonialmacht Italien befreit.
Mordwaffe und Souvenir
Der Kaiser reiste später nach Bern und Genf, machte einen Abstecher nach Wien und kehrte nochmals in die Schweiz zurück, um von hier nach Äthiopien zu fliegen.
Dieser hohe Besuch ist Teil der neuen Ausstellung «Royals zu Besuch – von Sisi bis Queen Elizabeth» im Schweizer Landesmuseum in Zürich. Sie zeigt, wie eng manche Adlige mit der Schweiz verbunden waren und wie ihnen das Land als Rückzugsort, Bühne oder Verhandlungsplatz gedient hat.
Der bayrische König Ludwig II., Erbauer des Schlosses Neuschwanstein, wollte auf dem Rütli ein Schloss bauen. Kaiserin Sisi von Österreich suchte in der Schweiz Ruhe und Distanz zum Leben am Hof. Am Ende wurde sie in Genf ermordet. Die Tatwaffe – eine Feile – ist ebenso Teil der Ausstellung wie ein Löwenhaar. Dieses hatte ein Offizier als Andenken heimlich vom Hut des selbsternannten 225. Nachfolgers König Salomons vom Hut gezupft: Kaiser Haile Selassie.