Äthiopien
Ein Riss geht durch eine der ältesten Kirchen der Welt
In Äthiopien findet Weihnachten am 6. und 7. Januar statt – und es ist ein Fest, das gründlich gefeiert wird. Am Abend des 6. Januars kleiden sich die Menschen in Weiss und gehen in die Kirche. Der Gottesdienst – so heisst es – kann bis zu sechs Stunden dauern. Er markiert das Ende einer 43-tägigen Fastenzeit vor Weihnachten und gleichzeitig den Beginn der Festlichkeiten im Zusammenhang mit Christi Geburt. Anschliessend treffen sich die Familien zuhause zu einem grossen Festmahl.
Auf eine 1700-jährige Geschichte blickt das Christentum in Äthiopien zurück. Zusammen mit Armenien und Georgien gilt das Land am Horn von Afrika als einer der ältesten christlich geprägten Staaten der Welt. Doch das hat die äthiopisch-orthodoxe Kirche nicht davor bewahrt, im Streit auseinanderzubrechen. Seit 2021 besteht ein Schisma und die Verantwortlichen scheinen unversöhnbar – daran kann auch Weihnachten nichts ändern.
Äthiopien ist so gross wie Frankreich und Spanien zusammen. Aufgrund der verschiedenen Ethnien im Land wurden elf Regionalstaaten gebildet sowie zwei Stadtstaaten. Von den rund 130 Millionen Menschen in Äthiopien gehören 44 Prozent der äthiopisch-orthodoxen Kirche an, rund 30 Prozent sind muslimisch und 23 Prozent protestantisch.
Gewalttätige Konflikte ereigneten sich regelmässig an den Grenzen zwischen den Regionalstaaten, schreibt die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) in einer Übersicht. In Tigray hätten sich ethnische Säuberungen ereignet, hält die SFH fest.
Die ehemalige italienische Kolonie war nach dem zweiten Weltkrieg ein Kaiserreich, eine sozialistische Volksrepublik, eine Militärdiktatur, schliesslich eine Demokratie. Kriege prägen die Geschichte des Landes: Gegen den Nachbarn Somalia. Eritrea kämpfte fast dreissig Jahre um seine Unabhängigkeit. In verschiedenen Provinzen waren und sind bewaffnete Truppen aktiv. 2020 entbrannte ein kriegerischer Konflikt zwischen der Zentralregierung in der Hauptstadt Addis Abeba und der Regierung der Provinz Tigray. Die Partei Volksbefreiungsfront von Tigray war nicht damit einverstanden, wegen der Corona-Pandemie die Präsidentschaftswahl um ein Jahr zu verschieben. Bis 2022 Frieden geschlossen wurde, kamen rund eine halbe Million Menschen in Tigray um, Landstriche wurden verwüstet und viele Kirchen zerstört. (dst)
Dies führte schliesslich zur Teilung der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Bischöfe aus Tigray kritisierten 2021 die Heilige Synode in Addis Abeba dafür, dass sie die damals tobende Gewalt (siehe Box) in der nördlichen Provinz nicht verurteilte. Als die Bischöfe in Tigray 2023 eine eigene Synode bildeten und elf Erzbischöfe ernannten, wurden sie von der Kirchenleitung in der Hauptstadt exkommuniziert.
Der Tigray-Konflikt, der so viele Tote gefordert und Infrastruktur vernichtet hat, steht noch immer zwischen den verkrachten Bischöfen. Als im Sommer 2024 die Heilige Synode auf die rebellischen Würdenträger in Tigray zuging, blieben diese abweisend. Die Bischöfe in Addis Abeba hatten förmlich um Entschuldigung dafür gebeten, mit ihrem Ruf nach Frieden gescheitert zu sein. Jene in Tigray entgegneten, diese Entschuldigung ginge nicht weit genug.
Der Streit innerhalb der grössten religiösen Organisation des Landes wirkt sich direkt auf die Gesellschaft aus. Vor gut einem Jahr nahm das International Center for Transitional Justice (ICTJ) seine Arbeit auf. Wie zuvor in Südafrika, Argentinien oder Chile soll es einen Prozess einleiten und begleiten, mit dem Verbrechen, Menschenrechtsverstösse oder Diskriminierungen aufgearbeitet und überwunden werden sollen.
Dieser Effort soll Frieden und Stabilität im Land ermöglichen – und hätte von der äthiopisch-orthodoxen Kirche massgeblich mitgetragen werden sollen. Der interne Konflikt in der Kirche dürfte dies zumindest einschränken.