Ein Weltbund gegen den Krieg

Vor 100 Jahren wurde der Völkerbund gegründet, die erste weltumspannende Organisation, die den Frieden sichern sollte. Die Idee war revolutionär – doch gerade im Jubiläumsjahr steht sie unter Beschuss wie lange nicht.

Eine Frau steht vor dem Woodrow Wilson Denkmal beim Palais des Nations, bis 1946 Hauptsitz des Völkerbundes, in Genf. (Bild: Keystone / Süddeutsche Zeitung Photo / Egon G. Schleinitz)

Der erste Friedensvertrag der Welt ähnelt einem angenagten Knochen: bleich, länglich und rundherum übersät mit Kerben, der sumerischen Keilschrift. «Das ist ein Friedensvertrag zwischen Uruk, einer uralten Stadt, und seiner Nachbarin», sagt Jacques Berchtold, Direktor der Genfer Fondation Martin Bodmer. Mehr als 4400 Jahre ist das Dokument alt, kaum jünger als die menschliche Schrift. «Es wäre schön zu denken, dass mit der Schrift auch der Frieden erfunden wurde.» Tatsächlich aber war die Wirklichkeit schon damals komplizierter: In diesem Vertrag schliessen sich beide Städte zum Krieg gegen eine dritte zusammen.

In der Fondation Martin Bodmer und in ganz Genf werden in diesem Jahr der Frieden und die Verständigung zwischen den Staaten gefeiert: 100 Jahre ist es her, dass nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs der Völkerbund gegründet wurde, der Vorläufer der Vereinten Nationen. Am 10. Januar 1920 nahm er seine Arbeit auf. Und damit entstand auch der Multilateralismus, wie wir ihn bis heute kennen – das Prinzip, globale Probleme gemeinsam anzugehen. «Vor der Gründung des Völkerbunds hatten Staaten sich nicht regelmässig getroffen oder überhaupt auf Augenhöhe verhandelt», sagt der Historiker Pierre-Étienne Bourneuf.

Am Anfang war der Krieg

Bis zur Verabschiedung des Versailler Vertrags, in dem der Völkerbund verankert ist, waren Grossmächte es gewohnt, sich kleinen und mittleren Mächten gegenüber durchzusetzen. Erst der Völkerbund änderte das. Ihm gehörten zunächst 45 Staaten an, das Deutsche Reich wurde 1926 Mitglied.

Am Anfang, da ist Bourneuf sich mit dem Philologen Berchtold einig, stand der Krieg: «Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs waren entscheidend.» Sie hätten dafür gesorgt, «dass der Wunsch nach Frieden sich durchsetzen konnte.» In den Anfangsjahren des Multilateralismus standen zudem Denker und Politiker in engem Austausch. Das belegen Briefe von Albert Einstein, Thomas Mann oder Béla Bartók aus dem Völkerbundarchiv. «Die Idee war, die brillantesten Köpfe zusammenzuholen, um Brücken zu bauen.»

Gescheitert und erneut unter Beschuss

Doch der Völkerbund scheiterte – weil er seine Ideale verriet. In einer Rede, die der Kaiser des heutigen Äthiopien, Haile Selassie, am 30. Juni 1936 vor dem Völkerbund hielt, rief er dazu auf, ihm gegen Mussolinis Truppen beizustehen und damit den Pakt des Völkerbunds zu verteidigen. Doch der Völkerbund liess Selassie im Stich. Drei Jahre später brach der Zweite Weltkrieg aus. Nach dessen Ende beschlossen die verbliebenen Mitglieder, die Organisation aufzulösen.

Stattdessen wurden in San Francisco die Vereinten Nationen gegründet. Auch ihnen liegt das Prinzip zugrunde, dass am Ende alle Staaten dann am meisten profitieren, wenn sie auf Grundlage gemeinsamer Regeln zusammenarbeiten. Das gilt für die Bewahrung des Friedens ebenso wie im Kampf gegen den Klimawandel und die weltweite Armut.

«Die Essenz des Multilateralismus ist der Dialog – dieses Prinzip ist bis heute das entscheidende Element der internationalen Architektur.»
(Pierre-Étienne Bourneuf, Historiker)

75 Jahre später stehen allerdings auch die UN unter erheblichem Druck. US-Präsident Donald Trump betreibt den Rückzug der USA aus multilateralen Organisationen und Vereinbarungen und setzt auf einen starken Nationalstaat. Diese Lücke füllt im System der Vereinten Nationen zunehmend China, wie Olaf Wientzek erklärt. Er leitet in Genf den multilateralen Dialog der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Wientzek sorgt sich, dass die Leitprinzipien des Multilateralismus schleichend umgedeutet werden: Menschenrechte, eine zentrale Stellung des Individuums, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. «Wir merken, dass sich die Machtgewichte in der Welt verschieben und damit auch die Deutungshoheiten in einigen Bereichen.»

Die neue Macht Chinas

Kein Land betreibt diese Umdeutung so engagiert wie China. Dessen Präsident Xi Jinping kündigte 2017 an, die UN zu unterstützen, nannte aber Bedingungen. «Niemand darf sich in die internen Angelegenheiten der Staaten einmischen, und sie dürfen selber entscheiden, welches Gesellschaftssystem und welchen Entwicklungspfad sie wählen wollen», forderte Xi – unter Applaus von UN-Generalsekretär António Guterres.

Universelle Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieft sind, sind für China entbehrlich. Und für diese Auffassung gewinnt Peking immer mehr Unterstützer innerhalb der UN, wie Olaf Wientzek beobachtet. Als im UN-Menschenrechtsrat 22 Länder die Masseninhaftierung der Uiguren in China kritisierten, organisierte Peking eine Antwort von 37 Staaten, die China eine weisse Weste bescheinigten. «Viele waren Länder aus Subsahara-Afrika – viele davon solche, wo China über Investitionen oder als Handelspartner eine herausragende Rolle spielt.»

Es bleibt die Hoffnung

Historiker Bourneuf ist trotzdem optimistisch. 193 Staaten sind heute Mitglied der Vereinten Nationen, beinahe die ganze Welt. Und darin werde auch in Zukunft die entscheidende Qualität liegen: «Die Essenz des Multilateralismus ist der Dialog – dieses Prinzip wurde vom Völkerbund entwickelt und ist bis heute das entscheidende Element der internationalen Architektur.» Nicht zuletzt, glaubt Jacques Berchtold, lässt sich aus der 4400-jährigen Geschichte von Krieg und Frieden lernen: «Am Ende kann man mit all den Überlieferungen versuchen, die Probleme von heute besser zu beantworten als damals.» (epd)