Demokratische Republik Kongo

Humanitäres Engagement im Schatten von Krieg und Rohstoffinteressen

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo dauern die Kämpfe trotz Friedensabkommen an. Kirchen und Hilfswerke wie das Heks engagieren sich für Frieden, humanitäre Hilfe und langfristige Stabilität.
Der Abbau von Kobalt in den Minen von Rubaya (Provinz Nord-Kivu) wird von der grössten Rebellengruppe im Ostkongo kontrolliert. (Foto: Moses Sawasawa/ Keystone)

«Wie eine Bijouterie unter freiem Himmel», beschreibt Slam Poet Depaul Bakulu aus Goma sein Heimatland, die Demokratische Republik Kongo (DRK). Tatsächlich stammt die Mehrheit seltener Metalle wie Kobalt oder Coltan aus dem Kongo, die Metalle sind entscheidend für die Produktion von Akkus oder Kondensatoren in Smartphones, Laptops oder Elektroautos.

Die ganze Welt greift in der «Bijouterie» zu. Dabei laufen die wirtschaftlichen Interessen den Friedensbemühungen im Land oft zuwider. Vor allem China ist in der DRK aktiv. Laut dem «Africa Center for Strategic Studies» sind 24 der 33 Kobalt-Exporteure in chinesischer Hand. Dem gegenüber stehen die USA und die EU, die den Bau einer Bahnverbindung nach Westen, an die Atlantikküste Angolas, finanziell unterstützen und das Land in seiner Entwicklung voranbringen wollen.

Spielball der Grossmächte

Auf der Berliner Konferenz von 1884 beanspruchte König Leopold II. von Belgien den Kongo als Eigentum. Seine rücksichtslose Ausbeutung verursachte unermessliches Leid für die Bevölkerung.

1908 wurde der Kongo eine belgische Kolonie, 1960 erlangte er die Unabhängigkeit. Kurz danach folgte die Ermordung des zuvor abgesetzten Premiers Patrice Lumumba. Belgien gab später eine Mitverantwortung zu. Aktuell prüft ein belgisches Gericht, ob der einzige noch lebende Verdächtige angeklagt werden soll. 1965 ergriff der von den USA unterstützte Mobutu Sese Soku die Macht, errichtete ein diktatorisches Regime, beutete das Land aus und diente den Interessen des Westens. Er wurde 1997 gestürzt.

Von 1998 bis 2003 befand sich die DR Kongo im Bürgerkrieg, in den die Nachbarländer Ruanda, Uganda und Burundi eingriffen und Rebellengruppen unterstützten, während Angola und Simbabwe auf der Seite der Regierung standen. Aufgrund der vielen Involvierten ist auch vom Afrikanischen Weltkrieg die Rede. Mit Hilfe Südafrikas wurde ein innerkongolesischer Dialog geführt, und 2003 wurde eine Koalitionsregierung gebildet, 2006 fanden Wahlen statt.

Kurz danach brach der dritte Kongokrieg aus, der bis 2009 dauerte. 2012 flammten die Kämpfe durch die Rebellengruppe M23 kurzzeitig wieder auf. 2021 wurden die Rebellen erneut aktiv. Mittlerweile kontrollieren sie einen grossen Teil des Ostkongos. (gab)

Künstler Bakulu schreibt seine Gedichte, die kürzlich auf der News-Plattform «The New Humanitarian» publiziert wurden, mittlerweile in Tansania. Der Menschenrechtsaktivist ist geflohen, nachdem Goma, die Hauptstadt von Nord-Kivu im Ostkongo, Anfang 2025 von der Rebellengruppe Mouvement du 23 mars (M23) eingenommen wurde. 

Es handelt sich dabei um die mächtigste von über hundert Milizen im Ostkongo. Sie wird von Ruanda unterstützt. Die Rebellengruppe baut einen Staat im Staat auf, mit eigener Verwaltung, Banken und einem Steuersystem.

Fehlendes Vertrauen

Daran ändern auch die Friedensabkommen nichts. Während der Unterzeichnung eines Friedensabkommens Anfang Dezember in Washington (ref.ch berichtete) blieb der symbolische Handschlag zwischen den beiden Präsidenten, Ruandas Paul Kagame und Kongos Felix Tshisekedi, aus. Auf einem Foto stehen beide mit verschränkten Armen neben US-Präsident Trump.

Zwischen den politischen Führungen fehle es an Vertrauen, sagt Jean Bisimwa Balola, Leiter des Programms für Entwicklungszusammenarbeit des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). In Goma, wo das Heks mit 15 Mitarbeitenden in der Entwicklungszusammenarbeit vor Ort ist, nimmt er ein grosses Misstrauen in der Bevölkerung wahr. «Viele wissen, dass starker Druck aus den USA zu diesem Abkommen geführt hat.»

Für Bisimwa hat das Abkommen aber auch eine erfreuliche Seite: «Die eigentlichen Ursachen des Krieges, die Wertschöpfungsketten strategischer Mineralien, sind nun in einem offiziellen Dokument festgehalten.» Früher sei oft über ethnische Konflikte und wirtschaftliche Interessen gesprochen worden, ohne diese näher zu präzisieren. «Das war für viele zu abstrakt und nicht greifbar.»

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben in Washington nebst «Frieden» auch eine Partnerschaftsvereinbarung mit der DRK beschlossen. Ein Ziel: «Einen stabilen und langfristigen Zugang für US-Bürger und verbündete Personen zu kritischen Mineralien aus der Demokratischen Republik Kongo zu ermöglichen.»

Das von Trump proklamierte «Wunder» des Friedens ist indes nicht eingetreten: die Kämpfe dauern an. Die DRK warf Ruanda kurz nach Neujahr vor, allein im Dezember 1500 Zivilisten auf dem Gewissen zu haben, weil sie die Rebellengruppe M23 unterstütze.  

Diese hatte kurz nach Unterzeichnung des Abkommens die Stadt Uvira erobert. Nach einem halbherzigen Rückzug brachen die Kämpfe am ersten Januarwochenende wieder aus. Mittlerweile soll die Stadt wieder unter Kontrolle der kongolesischen Armee sein.

Schätzungsweise sieben Millionen Menschen sind laut den Vereinten Nationen innerhalb des Kongos vertrieben worden. Ein UN-Bericht bezichtigt sämtliche Parteien der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

«Viele gescheiterte Prozesse»

Dass die Kämpfe trotz Friedensabkommen weitergehen, überrascht Heks-Programmleiter Bisimwa nicht. «Es gab schon sehr viele gescheiterte Prozesse.» Er befürchtet, dass die M23 weiter nach Süden vordringen könnte. Die dortige Region ist sehr reich an Mineralien, die Einnahmen machen die Hälfte des Staatshaushalts aus. «Wenn die M23 dort Fuss fassen würde, hätte sie Zugriff auf enorme finanzielle Mittel.»

Dazu kommt: Im September war der ehemalige Präsident der DRK, Joseph Kabila, im Kongo zum Tode verurteilt worden. Ihm wurde unter anderem eine Unterstützung der M23-Rebellen vorgeworfen. «Insbesondere im Osten, wo Kabila viele Unterstützer und Besitz hat, wurde dieses Urteil sehr schlecht aufgenommen.»

Das Heks ist seit 2010 im Ostkongo tätig. Zuvor hatte man die Hilfsaktivitäten durch die Église du Christ au Congo (ECC), der Verband der Reformierten im Land, umsetzen lassen. «Das war die direkte Schnittstelle.» Zu einem Einsatz kam es, als 2002 bei Goma ein Vulkan ausbrach und mehr als die Hälfte der Stadt zerstörte. «Das Heks leistete über die ECC Nothilfe, um Menschen unterzubringen, die ihre Häuser verloren hatten.»

Die heutige Hilfe des Heks basiere auf drei Pfeilern, erklärt Bisimwa: Erstens humanitäre Nothilfe. Dazu zählt etwa das Verteilen von Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln. Zweitens Stabilisierung, also Friedensförderung zwischen Bevölkerungsgruppen. Und drittens wirtschaftliche und ökologische Inklusion. Dabei geht es zum Beispiel um den Aufbau einer nachhaltigen, klimaresistenten Landwirtschaft.

Identitäre Konflikte als Treiber

In vielen Regionen gebe es identitäre Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien, sagt Bisimwa. Denn durch Massaker im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit des Nachbarlands Ruanda (1961) sowie des Völkermords 1994 seien viele verfolgte Tutsi in die DRK geflüchtet. Nach dem Sturz der Regierung in Ruanda flüchteten viele der Täter, vorwiegend Hutus, ebenfalls in den Osten der DRK.

Dort lebte bereits eine grosse Hutu-Gemeinschaft. Das heizte die Konflikte unter den Gemeinschaften an. Ein 2015 gestartetes Heks-Projekt habe dazu beigetragen, dass diese Konflikte nicht in offene Gewalt eskaliert seien, sagt Bisimwa.

In einem weiteren Friedensförderungsprojekt sollen Jugendliche, die aus bewaffneten Gruppen ausgeschieden sind, in die Gesellschaft reintegriert werden. Dazu erlernen sie unter Anleitung ein Handwerk, das ihren Interessen entspricht und die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt. So sollen sie später ein eigenes Einkommen haben.

In der DRK läuft seit 2004 vermutlich das langwierigste staatliche Entwaffnungsprogramm weltweit, heisst es in einem Bericht des «Conflict Prevention and Peace Forums». Über 200‘000 Personen durchliefen das Programm, jedoch noch ohne durchschlagenden Erfolg. Als Gründe zählt der Bericht das mangelnde Vertrauen in Staat und Armee auf. Oft gebe es auch ein politisches Interesse an bewaffneten Gruppen. Sie seien in lokale oder regionale Machstrukturen eingebunden, von denen auch Politiker oder Militärs profitieren würden.

Rebellen fürchten bei einer Abgabe ihrer Waffen mangelnden Schutz und gebrochene Versprechen. Eine Entwaffnung sehen deshalb viele als Sicherheitsrisiko, solange andere Gruppen bewaffnet bleiben. Auch die heute mächtige Rebellengruppe M23 entstand aus einer geplanten Entwaffnung.

Kritik an der Kirche

Das Heks ist laut Bisimwa überall dort aktiv, «wo Menschen leiden». Dazu habe man viele Gespräche mit der Regierung geführt, um sie zu überzeugen, dass man unabhängig und neutral sei. Dies habe dazu beigetragen, dass die Tätigkeit von allen Parteien akzeptiert wurde. Innerhalb der grossen Städte sei die Lage einigermassen stabil.

Die lokalen Kirchen scheinen staatsnäher zu agieren, bei Kontakten mit Rebellen wird ihre Loyalität zum Staat angezweifelt. Im Spätsommer haben die reformierten und katholischen Verbände dem Präsidenten eine Roadmap zum Frieden übergeben, berichtet die katholische Newsplattform «Aciafrica». Dieser Plan sieht zu Beginn eines Vier-Punkte-Plans einen «Friedensmonat» vor, der deeskalierend und vertrauensbildend wirken soll.

Kirchenkritische Stimmen werfen ein, dass die Kirchen angesichts ihrer grossen Vernetzung im Land mehr zur Konfliktlösung beitragen könnten. Insbesondere der Reformierten-Verband ECC könne sich stärker politisch positionieren, heisst es in einer Masterarbeit einer südafrikanischen Universität: «Die ECC tritt in ihren öffentlichen Verlautbarungen konsequent für Frieden und Gerechtigkeit ein, scheitert jedoch häufig daran, diese Anliegen in konkrete Praktiken zu übersetzen, welche die lokale Bevölkerung einbeziehen und ökologische Fragen ernsthaft berücksichtigen.»

Ein reformierter Kirchenvertreter aus der DRK entgegnet auf Anfrage, dazu fehle es an Ressourcen. Auch dem Heks fehlt es nach dem Rückzug von Usaid und weiteren Unterstützern an Geld. Projektleiter Bisimwa spricht von einem Rückgang von 30 Prozent. «Besonders betroffen sind Entwicklungsprogramme zur Stabilisierung und Resilienz.» Dabei wären ausgerechnet diese zentral, um humanitäre Krisen längerfristig zu verhindern.

Angesichts der Kämpfe, der vielen Toten und einbrechender Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft, was gibt den Menschen im Kongo Hoffnung? Für eine Slampoetin, die unter dem Pseudonym Malaika auftritt, ist die Resilienz der Bevölkerung überlebenswichtig: «Seit über einem Jahrhundert leben wir in Qualen… aber wir sind nicht tot. Das ist unser grösster Sieg.»

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema