Krieg in der Ukraine

Eine Orgel für Kiew

In Zürich wird die Kirchenorgel nicht mehr gebraucht, in Kiew sehnt man sich danach. Zur Spende des Instruments ist es auf Umwegen gekommen und in der Ukraine wird sie nun gehütet wie ein Schatz.

Sicher verpackt soll die Kirchenorgel aus Zürich-Wipkingen heil in der Ukraine ankommen (Bild: Lukas Bärlocher)

Das Nationale Haus der Musik (NHM) in Kiew ist das wichtigste Konzerthaus im Land, 130 Künstlerinnen und Künstler sind hier angestellt und treten im Chor, im Orchester, in kleinen Formationen und solo auf. Aufführungen sakraler Orgelmusik seien beim Publikum sehr beliebt gewesen, heisst es auf Anfrage von ref.ch.

Doch noch vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 war es vorbei mit den Orgelkonzerten. «Durch ein Feuer wurde unsere Orgel im September 2021 zerstört», sagt Roman Melish, Sprecher des NHM. Mit Unterstützung des Staats und Geldern aus der Privatwirtschaft wollten die Verantwortlichen des Konzerthauses eine neue Orgel anschaffen. «Aber nach der Invasion wurden alle finanziellen Mittel in die Verteidigung unseres Landes gesteckt», erklärt Melish. Der Kauf einer Orgel musste warten.

Gratis abzugeben: Eine Kirchenorgel

Szenenwechsel nach Zürich. In der Kirche im beliebten Quartier Wipkingen finden keine Gottesdienste mehr statt. Doch sie ist weiterhin ein Treffpunkt: Auf dem Vorplatz ist hin und wieder Markt, die Kinder aus dem benachbarten Schulhaus werden ausserhalb des Unterrichts in der Kirche betreut. Sie essen hier auch Zmittag.

Künftig wird die Stadt Zürich das Gebäude mieten, umbauen und ganz offiziell als Erweiterung des Schulhauses nutzen. In die Kirche wird eine Bibliothek eingebaut, ein Meerzwecksaal sowie Räume für den Mittagstisch und die Betreuung. Die fast sechzig Jahre alte Orgel wäre dabei im Weg – doch wohin mit einem solchen Instrument, wenn man es nicht mehr braucht?

Das Netzwerk der Orgelfreunde

An dieser Stelle kommt Bernhard Billeter ins Spiel. Der emeritierte Zürcher Musikprofessor, Pianist und Organist stellte den Kontakt zwischen dem NHM in Kiew und der Kirchgemeinde Zürich her.

Denn in der Ukraine hatte man schon davon gehört, dass in der Stadt an der Limmat eine Orgel verfügbar sein könnte. Die Szene der Orgelfreunde ist klein und gut vernetzt. Und der Zufall spielt auch eine Rolle. «Unser Arbeitskollege Dmytro Tytenko hat einige Jahre beim Schweizer Orgelbauer Kuhn gearbeitet», erzählt NHM-Sprecher Melish.

Die Kuhn-Orgel aus der Kirche Wipkingen stammt von 1965. (Bild: Lukas Bärlocher)

Die Leitung und die Organisten des NHM in Kiew hatten Tytenko nach dem Verlust ihrer Orgel gebeten, seine Kontakte spielen zu lassen. Tytenko meldete sich bei Freunden in der Schweiz und bei ehemaligen Arbeitskollegen bei Orgelbau Kuhn. Aus der Produktion der Firma in Männedorf am Zürichsee stammt die Wipkinger Orgel. Nach kurzer Zeit habe man den entscheidenden Hinweis erhalten, erinnert sich Roman Melish.

Spende als Zeichen der Solidarität

Nun musste Tytenko nur noch Musikprofessor Billeter darum bitten, den Kiewern bei den Verhandlungen mit der Kirchgemeinde Zürich zu helfen. Deren Sprecher Fabian Kramer sagt: «Es gab verschiedene Interessenten für die Orgel. Bernhard Billeter hat den Kontakt in die Ukraine vermittelt.» Die Kirchenpflege habe die Orgel auch als Zeichen der Solidarität in die Ukraine verschenkt.

Roman Melish vom Nationalen Haus der Musik in Kiew sagt: «Diese Geste ist sehr wichtig für uns. Wir empfinden sie als Akt der Unterstützung, der uns das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.»

Der Abbau einer Kirchenorgel und ihr Transport in ein Kriegsgebiet muss sorgfältig geplant werden. Nach einer längeren Vorbereitungszeit reisten Handwerker und Vertreterinnen des NHM nach Zürich. Ein Organist des Konzerthauses spielte die Kuhn-Orgel ein letztes Mal in der Wipkinger Kirche. Eine Handvoll Zuhörer sass im Raum, unter ihnen Res Peter, Vizepräsident der Stadtzürcher Kirchenpflege, Musikprofessor Billeter und Olga Kononenko, die Direktorin des NHM.

  • Kirchenpfleger Res Peter übergibt Konzerthausdirektorin Olga Kononenko die Schlüssel zur Orgel. Im Hintergrund ist in der Mitte Musikprofessor Bernhard Billeter zu sehen, der den Kontakt hergestellt hat. (Bilder: Lukas Bärlocher)

Nachdem die Musik verklungen war und die Schlüssel zur Orgel übergeben waren, machten sich Dmytro Tytenko und sein Team daran, das Instrument zu zerlegen. Die vielen Einzelteile verpackten sie sicher in Kisten, luden diese in einen Lastwagen und fuhren in die Ukraine. Kiew erreichte das Instrument am 3. September – just an dem Tag, an dem drei Jahre zuvor die vorherige Orgel in Flammen aufgegangen war.

Orgelkisten im Bunker

Weil seit einiger Zeit die russischen Raketenangriffe auf die ukrainische Hauptstadt wieder zugenommen haben und die Energieversorgung im Winter ungewiss ist, liegen die Kisten mit den Orgelpfeifen, der Windlade und dem Spieltisch in einem Schutzraum des NHM. «Das ist traurig für uns, aber wichtig für die Sicherheit des Instruments», sagt Melish. Denn erstens hat die Ukraine nicht viele Orgeln und zweitens wird das Instrument aus Zürich – wenn es dereinst aufgebaut ist – das mit Abstand grösste des Landes sein.

Die Pläne des NHM mit der neuen Orgel sind hochfliegend: Man wolle die bekannten Programme spielen und auch neues Material, sagt Melish. Internationale Organisten sollen nach Kiew eingeladen werden. Junge Musikerinnen und Musiker sollen auf dem Instrument üben und Meisterkurse absolvieren können. So gibt die ausgemusterte Zürcher Orgel den Verantwortlichen des NHM Hoffnung. Und wenn es nach Melish geht, nicht nur ihnen. Er sagt: «Mit der Orgelmusik werden wir denen mehr Licht bringen können, die es brauchen.»