Ein einmaliges Erlebnis
Noch ist die Kirche eine Baustelle: Zehn Meter hohe Metallgerüste reichen fast bis unter das Dach, Sperrholzböden bilden auf der Empore provisorische Zugänge, Kabelrollen laufen entlang der Bänke. Bis spätestens Ende März wollen die Handwerker in der St. Laurenzen ihre Arbeiten abschliessen. Dann soll die neue Orgel in der reformierten Kirche in der St. Galler Altstadt vervollständigt sein.
Beinahe acht Jahre hat das Projekt Bernhard Ruchti umgetrieben. Der Organist ist der «Mastermind» hinter der neuen Orgel. Bisher gab es in der Laurenzen eine Orgel. Sie war 1978 eingebaut worden, nun stand eine Revision an. «Der Bass-Bereich war sehr schwach. Ausgerechnet diese Schwingungen sind es, die an die Nieren gehen», erläutert Ruchti. «Der Klang war schön, aber nüchtern. Die emotionale Wirkung war geringer.»
Ein Gutachten hielt fest: Daran lässt sich wenig ändern. Also begann Ruchti, nach Alternativen zu suchen. Gewöhnlich orientiere sich eine Orgel an einem historischen Vorbild, sei zum Beispiel im Stil des norddeutschen Barock oder der französischen Romantik.
Die neue Laurenzen-Orgel dagegen ist nach Ruchtis Vorgaben konzipiert und zu hundert Prozent auf die Laurenzen-Kirche adaptiert. Das Besondere dabei: Die Orgel wird erst durch den Zusammenklang im Raum vollständig, sie beschallt Zuhörerinnen von vier Seiten. «Weltweit kenne ich keine andere Kirche, die so ein Surround-Modell hat», sagt Ruchti.
Sponsoren stemmten Löwenanteil
Die 3011 Pfeiffen der alten, bestehenden Orgel blieben an ihrem Standort im Osten. Hinzu kamen 2460 Pfeiffen der neuen Orgel, gefertigt vom Luzerner Unternehmen Goll. Sie verteilen sich auf die drei bisher leeren Emporen im Westen, Norden und Süden der Kirche: Der Prinzipal, der bekannte, feierliche Orgelklang, erklingt im Westen. Die Streicher sind im Norden angeordnet und die Flöten erklingen aus dem Süden. Wie genau er auf die Idee kam, die neue Orgel an verschiedenen Standorten anzuordnen, weiss Ruchti nicht mehr. «Es gab nicht den einen grossen Moment. Meine Tagebuch-Einträge zeigen, dass der Entstehungsprozess sehr intuitiv war.»
Er habe lose Gedanken aufgeschrieben, diese gesammelt und sortiert. In enger Zusammenarbeit mit Goll-Geschäftsführer Simon Hebeisen sei das Projekt bis ins Detail ausgearbeitet worden. Das Zusammenspiel habe er als «sehr kreativ und fruchtbar» erlebt, sagt der Organist. Probleme gab es bei der Umsetzung kaum. «Einzig bei der Statik im Westen mussten wir Wege finden, die Orgel aufzuhängen. Denn für die Empore wäre sie zu schwer gewesen.» Vergleiche er seine erste Skizze mit dem Endprodukt, sei der Kern unverändert.
Eine Herausforderung war besonders die Finanzierung: Budgetiert war ein Kostenrahmen von rund zweieinhalb Millionen Franken, ausgegeben wurden schliesslich knapp drei Millionen. Die Kirchgemeinde St. Laurenzen steuert rund eine Million bei, doch der Löwenanteil von fast zwei Millionen Franken kam über Sponsoren zusammen. Ruchti weibelte bei Stiftungen, der Stadt und dem Kanton St. Gallen, aber auch bei der Ortsbürgergemeinde und bei Privatpersonen.
Die Laurenzen-Orgel wird vom 19. bis 21.4.2024 mit einem Orgelfestival eingeweiht. Geplant ist neben dem Eröffnungskonzert unter anderem ein Kinder-Konzert und eine Buchvernissage. Im September soll dann ein Chanson-Programm aufgeführt werden. Die Laurenzen-Orgel ist auch bei Instagram zu finden. (jow)
Innerhalb von vier Monaten kamen 800'000 Franken zusammen, dann wurde das Geldeintreiben harziger. Einem Patronatskomitee unter der Leitung eines ehemaligen St. Galler FDP-Stadtrates gelang es, den restlichen Betrag aufzutreiben. Die Spenden beginnen laut Ruchti bei hundert Franken und gehen in die Höhe von bis zu 300'000 Franken. «Vielen gefiel die Idee, in der prominenten Kirche ein Orgelprojekt umzusetzen – vielleicht auch gerade deshalb, weil heute kaum mehr jemand eine neue Orgel bauen lässt», sagt der Berufsmusiker.
Klang ohne Computer
Bernhard Ruchti studierte Orgel und Klavier, seit 20 Jahren arbeitet er in St. Gallen, seit 2013 ist er in der St. Laurenzen tätig. Die Neukonzeption der Laurenzen-Orgel sei ein Glücksfall und ein einmaliges Erlebnis in seiner Karriere als Musiker, sagt der 49-Jährige. An den Moment, als er das neue Instrument zum ersten Mal spielte, erinnert er sich nur vage. «Das muss an einem Abend im März oder April des vergangenen Jahres gewesen sein. Zwei Register im Süden waren fertig, und ich wollte ausprobieren, wie es klingt, wenn ich Töne mische. Zu hören, dass es funktioniert, war fantastisch. Das hat mich sehr berührt.» Natürlich sei die Akustik zuvor getestet worden. Dennoch sei die Erleichterung gross gewesen, als das Ensemble als Ganzes funktionierte.
Anders als bisher wird Ruchti nicht mehr versteckt spielen, sondern einen prominenten Platz einnehmen. Der Spieltisch ist mobil, er kann beim Taufstein oder neben dem Abendmahltisch platziert werden. Zudem ist die Orgel elektronisch statt mechanisch: Theoretisch hätten die Verstrebungen durch die Kirche verlegt werden können, praktikabel war das allerdings nicht. «Wir haben die Mechanik ausgebaut. Der Computer am Spieltisch sammelt die Informationen, leitet sie durch ein Glasfaserkabel an eine Schaltstelle und verteilt die Impulse auf die vier Standorte.»
Analog bleibt dagegen die Klangerzeugung: Bei jedem Ton öffnet und schliesst ein Motor ein Ventil, künstlich ist hier nichts. Das Instrument hat nun 89 Register, eine «gewöhnliche» Orgel verfügt über dreissig bis fünfzig Register. «Es braucht einen Sinn für Klang und Orchestralität, um das Instrument zu spielen – und Erfahrung», sagt Ruchti, der seit mehr als dreissig Jahren spielt.
Eine Zwickmühle
Die neue Orgel enthält auch technische Raffinessen. Sie ermöglicht etwa, zweistimmig zu spielen, ohne dass ein zweiter Organist mitmacht. Zudem hat sie eine «Autopilot»-Funktion: Das «Sostenuto» sorgt dafür, dass ein Ton nach Druck bestehen bleibt, auch wenn die Taste losgelassen wird. Möglich wäre damit auch, Register zu programmieren und abzuhören – also Stücke vorzuproduzieren.
Diese Funktion begeistert Ruchti nicht nur. «Es kam die Idee auf, ich könne für Touristen Stücke einspielen, die sich auf Knopfdruck abrufen liessen.» Vielleicht sei er etwas konservativ, aber der Anspruch auf eine ständige Verfügbarkeit widerstrebe ihm.
Mehr Schein als sein, davon gebe es schon ausreichend, findet Bernhard Ruchti. Diese Ansicht teilt wohl auch eine Besucherin zu sein, die mit ihrem Begleiter Platz nimmt und zuhört, als Bernhard Ruchti einige kurze Stücke spielt. «Der Klang ist imposant, das Erlebnis einmalig, ganz toll», schwärmt sie. Eine Show ganz ohne Zirkus, nicht weniger als das soll die Laurenzen-Orgel Besuchern bieten.









