Krieg in der Ukraine

Nothilfe kann auch Geld für einen Sprachkurs sein

Das Heks porträtiert in einem neuen Dok geflüchtete Ukrainerinnen, die sich ein neues Leben aufbauen. Der Film zeigt auf, wie mit wenig Geld viel bewirkt werden kann.

Olena Shevchenko hat in Rumänien eine Krippe für ukrainische Kinder aufgebaut. Diese lernen dort ihre Muttersprache, während ihre Mütter arbeiten gehen oder Rumänisch lernen können. (Bild: Christian Bobst/ Heks)

In den Räumen der reformierten Kirchgemeinde Cluj in Rumänien sitzt Olena Shevchenko und ringt mit den Tränen. Die junge Frau trägt eine weisse Bluse, ihr dunkles Haar schulterlang – sie könnte auch in Bern oder Zürich leben und ein Interview geben.

Das Leben der Ukrainerin wurde durch den Angriff der russischen Armee auf ihr Land in ein Davor und Danach zerrissen. Davor hatte sie in Kiew Wirtschaft studiert, in einer Werbeagentur gearbeitet, eine Familie gegründet. Danach muss sie nach Rumänien fliehen, während ihr Mann in der ukrainischen Armee kämpft.

In Cluj hat sie eine Tagesstätte für ukrainische Kinder aufgebaut, damit deren Mütter einen Sprachkurs besuchen oder arbeiten gehen können. Shevchenko sagt: «Wir müssen etwas tun, weiterleben. Die ukrainische Gemeinschaft muss sich gegenseitig unterstützen.»

Wie das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) dabei hilft, zeigt ein Dokumentarfilm der Hilfsorganisation. Er stellt sechs Selbsthilfeinitiativen vor, die von ukrainischen Geflüchteten für ihre Landsleute auf die Beine gestellt wurden. Drei Initiativen befinden sich in Rumänien, drei in der benachbarten ukrainischen Grenzregion Transkarpatien.

Selbstvertrauen zurückgewinnen

Ihnen allen gemein ist, dass sie sich im Rahmen eines Heks-Programmes um finanzielle Unterstützung ihrer Kleinprojekte beworben und überzeugend erklärt haben, wofür sie diese einsetzen wollen. Der neue Nothilfe-Ansatz nennt sich «Survivor and Community-led Response» (SCLR) und wird vom Heks als vielversprechend angesehen.

Corina Bosshard, Kampagnenkoordinatorin beim Heks und Organisatorin des Filmdrehs, sagt im Gespräch mit ref.ch: «Für uns sind die Geldbeiträge kleine Summen, aber für die Menschen und ihre Projekte macht es einen grossen Unterschied.» Der SCLR-Ansatz ermögliche es den Betroffenen, ihre Bedürfnisse zu formulieren und dadurch ihre eigene Hilfe zu gestalten.

So wie es Olena Lyubchenko getan hat. Die Hip-Hop-Tanzlehrerin musste aus Mykolajiw fliehen und trainiert in Rumänien Hip-Hop-Dance mit geflüchteten ukrainischen Kindern. Sie beantragte unter anderem Geld für Musikboxen und einen Staubsauger. Aus den Boxen dringt die Musik, wenn sie mit ihrer Gruppe Choreographien übt. Mit dem Staubsauger putzen sie nach dem Training den Raum. Lyubchenko konnte mit ihrer Gruppe dank der Unterstützung des Heks auch an die rumänischen Meisterschaften im Hip-Hop-Tanz reisen und daran teilnehmen.

Oder die Informatikerin Olga Semernikova aus Cherson, die einen Zustupf für Computer und 3D-Drucker beantragte, damit sie Kindern Unterricht in Programmieren und 3D-Modelling geben kann. Sie sagt: «Die Unterstützung des Heks hat mir Selbstvertrauen für das Projekt gegeben.»

Was nimmt man mit auf eine Flucht?

Die eigentliche Stärke des Films liegt in der Nähe, welche die Protagonistinnen zulassen. Eine erzählt, wie sie eine Handvoll Dinge in ihre Handtasche packte und mit den Kindern flüchtete. Sie habe sich gefragt, was man auf eine Flucht mitnehme. Dann steht sie auf und holt die Handtasche. Sie ist aus beigem Leder.

In einer anderen Szene macht die Schwimmlehrerin Kseniia Karandashova vor der Kamera einen Videoanruf an die Front. Auf dem Display erscheint ihr Mann in Uniform. Sie sprechen miteinander und versuchen dabei gut gelaunt und zuversichtlich zu wirken.

Erst hätten die Frauen vor der Kamera nur über ihre Projekte sprechen wollen, erinnert sich Bosshard, und nicht über Privates. «Dann haben sich die Menschen schnell geöffnet. Es war ihnen wichtig, ihre Geschichte zu erzählen», sagt sie.

Redaktioneller Hinweis: Der Film «Don’t close your eyes – Gemeinsam Frieden finden» feiert am Montag, 26. August 2024, im Arthouse Le Paris in Zürich Premiere. Er wird in den kommenden Wochen in sechs weiteren Schweizer Städten gezeigt, Orte und Daten finden Sie hier. Zudem wird der Dok übersetzt, um in Rumänien, der Ukraine und weiteren Ländern gezeigt werden zu können.