Agrarinitiativen

Kampf um die Bewahrung der Schöpfung

Am 13. Juni stimmt die Bevölkerung über die Trinkwasser- sowie die Pestizidinitiative ab – und entscheidet so über die Zukunft der Landwirtschaft. Auch christliche Organisationen setzen sich für eine nachhaltige Agrarpolitik ein. Sie sind sich aber bei den Initiativen uneins.

Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus? Darüber wird in der Schweiz heftig gestritten. (Bild: (Keystone / Jean-Christophe Bott)

Der Abstimmungskampf um die aktuellen Agrarinitiativen wird emotional geführt. Plakate werden niedergerissen, Befürworter und Gegner bedroht. Kurz – die Nerven liegen auf beiden Seiten blank. Tatsächlich geht es bei den Vorlagen um vieles: Für die einen um eine gesunde und pestizidfreie Lebensgrundlage, für die anderen um nicht weniger als um ihre Existenz.

Für den Schutz der Umwelt engagieren sich auch kirchliche Player. Unter anderem die Fachstelle oeku – Kirchen für die Umwelt. «Für uns ist klar, dass wir uns für die Schöpfung einsetzen müssen», sagt Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle. Deshalb unterstütze oeku die Pestizid- sowie die Trinkwasserinitiative (ref.ch berichtete). «Uns geht es darum, dass wir Sorge zum Boden und zur Biodiversität tragen», sagt Zaugg-Ott. 

Die Initiativen würden wichtige Probleme angehen. Für eine nachhaltige Landwirtschaft brauche es aber noch mehr. Wichtig sei, dass man nicht nur auf die Produzenten, also die Bauern, fokussiere. «Genauso wichtig sind die Konsumentinnen, die mit ihrem Einkauf entscheiden, welche Produkte in die Läden kommen.» Denn die Bauern seien schon jetzt enorm unter Druck, preiswert zu produzieren. Hier müsse ein Umdenken stattfinden, mit Verhaltensweisen, die bereits länger bekannt seien: Weniger Fleisch essen, lokal und saisonal einkaufen. «Gerade der Fleischkonsum ist nicht nur schädlich für das Klima. Der bei der Viehzucht entstandene Dünger trägt auch schädliches Phosphat in den Boden.» Wer auf Bio setze, sorge immerhin dafür, dass weniger synthetische Pestizide eingesetzt würden. 

Es sei aber auch klar, dass alleine der Goodwill der Konsumenten nicht reiche. «Es braucht deshalb einen gesetzlichen Rahmen, der die Produzentinnen in die Pflicht nimmt.» Das würde mit den Initiativen geschehen, so Zaugg-Ott.

Mehr Auflagen, höherer Preis

Eine dieser Produzentinnen ist Vroni Peterhans, Präsidentin des Vereins oeku. Im Gegensatz zu Zaugg-Ott steht sie den Initiativen kritisch gegenüber. Peterhans ist selbst Bäuerin und führt einen Bio-Betrieb. «Die Vorlagen sind gut gemeint, spielen die Verantwortung aber ausschliesslich den Bäuerinnen und Bauern zu.» So will die Trinkwasserinitiative zum Beispiel, dass nur noch diejenigen Landwirte Direktzahlungen erhalten, die pestizidfrei produzieren und in der Tierhaltung Antibiotika weder vorbeugend noch regelmässig einsetzen. Die Pestizidinitiative wiederum will, dass der Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege verboten wird.

Für Peterhans ist klar, dass mit solch strengen Auflagen auch die Produktion aufwendiger wird. Das schlage sich unweigerlich auf den Preis nieder. «Wenn die Konsumenten bereit sind, diesen Preis mitzutragen, ist das super. Aber was ist, wenn nicht?»

Mehr Budget für Lebensmittel

Laut Peterhans gäbe es viele Bäuerinnen, die sich auch ohne Druck der Initiativen gerne für eine ökologische Landwirtschaft einsetzen und zum Beispiel auf Bio umstellen möchten. Doch der Markt sei bereits gesättigt. Deshalb brauche es eine Sensibilisierung der Konsumenten. «Der Absatz muss einfach gewährleistet sein, sonst können die Bio-Betriebe nicht überleben.»

Das bedeute auch, dass die Konsumenten bereit sein müssten, mehr Geld ihres Budgets in nachhaltig produzierte Lebensmittel zu investieren. «Wir geben immer weniger für Nahrungsmittel aus. Dafür für andere Dinge. Man sollte sich mal Gedanken über seine Prioritäten machen», sagt Peterhans.

Fokus auf Industrie

Die Agrarinitiativen

Am 13. Juni stimmen die Schweizer Stimmberechtigten über die Volksinitiative für «Sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» sowie über die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» ab.

Die Trinkwasserinitiative will, dass Direktzahlungen nur noch an Landwirtinnen und Landwirte ausgerichtet werden, die Antibiotika weder regelmässig noch vorbeugend einsetzen, die pestizidfrei produzieren und die in der Lage sind, alle Tiere mit Futter zu ernähren, das sie auf ihrem Hof produzieren. Das Initiativkomitee verlangt weiter, dass auch die landwirtschaftliche Forschung und Ausbildung sich für diese Form der Landwirtschaft einsetzen.

Die Pestizidinitiative verlangt, dass die Verwendung von synthetischen Pestiziden in der Schweiz verboten wird und dass Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten, nicht mehr eingeführt werden dürfen. Bis zur vollständigen Umsetzung des Verbots soll es eine Übergangsfrist von zehn Jahren geben.

Der Bundesrat und das Parlament lehnen beide Initiativen ab. (bat)

Auch Tina Goethe, Co-Leiterin Entwicklungspolitik und zuständig für das Thema Recht auf Nahrung bei Brot für alle, beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft aussehen kann. Im Gegensatz zu oeku hat das reformierte Hilfswerk sich nicht komplett hinter die beiden Initiativen gestellt (ref.ch berichtete).

«Man merkt, dass die Trinkwasserinitiative nicht zu Ende gedacht ist», sagt Goethe. So lasse die Initiative die importieren Lebensmittel aussen vor. «Es kann nicht sein, dass die Schweizer Bauern unter strengen Auflagen mit Lebensmitteln konkurrieren müssen, bei deren Produktion nicht die gleichen Regeln gelten.» Die Pestizidinitiative halte sie für stimmiger. Hier würde das Verbot für den Einsatz von Pestiziden auch für importierte Lebensmittel gelten.

Dennoch: Goethe findet es falsch, dass sich die Initiativen nur auf die Produzentenseite fokussieren. Denn das Thema Nachhaltigkeit in der Agrar- und Ernährungspolitik sei eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit, und besonders bei der Industrie müsse mehr passieren. «Wenn wir nachhaltige Ernährungssysteme wollen, müssen wir davon wegkommen, auf die Interessen der Investoren und Dividenden der Grosskonzerne Rücksicht zu nehmen», sagt Goethe. Brot für alle setze sich für eine Land- und Ernährungswirtschaft ein, die nicht nur ökologisch und regional sei, sondern auch sozial fair. «Uns ist wichtig, dass die Bauern gut von ihrer Arbeit leben können.»

Nachhaltigkeit dank weniger Auswahl

Eine Möglichkeit, um als Konsumentin die Landwirtschaft zu unterstützen, seien zum Beispiel Gemüseabos. «Ich bekomme ein Paket mit Saisongemüse, das auch mal unterschiedliche Qualität haben kann.» Damit seien die Bauern nicht von einzelnen Grossverteilern abhängig, bei denen sie eine vertraglich festgelegte Menge in einer definierten Qualität und zu einem bestimmten Zeitpunkt liefern müssten. «Solche Verträge setzen Bauern und Bäuerinnen unter Druck und schaffen Abhängigkeiten», sagt Goethe.

Gerade die Grossverteiler würden in der aktuellen Nachhaltigkeits-Debatte – auch ausserhalb des Abstimmungskampfes – zu wenig berücksichtigt. «Sie sind es, die bestimmen, dass in den Läden nur gerade Rüebli angeboten werden», sagt Goethe. Oft werde die Verantwortung auf den Konsumenten abgeschoben, der bewusster einkaufen soll. «Doch wie wäre es, wenn wir gar nicht erst die Wahl hätten, Lebensmittel, die unfair produziert wurden, zu kaufen?» Schliesslich gehe niemand mit dem Gedanken in den Laden, unbedingt Butter von schlecht gehaltenen Kühen kaufen zu wollen.

Wertschätzung hat gelitten

Nochmals einen anderen Standpunkt bringt die Schweizerische reformierte Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft (srakla) in die Debatte ein. Für sie ist nicht nur das zu beackernde Land Teil der Schöpfung, zu der Sorge getragen werden sollte. «Auch der Bauer und die Bäuerin als Geschöpfe Gottes dürfen in der Debatte nicht vergessen werden», sagt Präsidentin Regina Widmer. Die landwirtschaftliche Arbeit verdiene Dank und Wertschätzung, doch die komme aktuell zu kurz. «Landwirte werden heute zum Teil direkt auf dem Feld von Spaziergängern angefeindet, wenn sie ihr Gülle auf die Wiese tragen oder andere Arbeiten verrichten», sagt Widmer. «Die Bauern haben das Gefühl, dass ihr Image in den letzten Jahren stark gelitten hat. Das macht ihnen zu schaffen.»

Die srakla lehnt beide Initiativen ab. «Auch wir wollen gesunde Böden, sauberes Trinkwasser und eine nachhaltige Biodiversität. Aber die Initiativen schiessen deutlich über das Ziel hinaus», sagt Widmer. «Was nützt es, wenn wir den Bauern extrem strikte Rahmenbedingungen vorschreiben und die Konsumenten dann ausländische Lebensmittel kaufen?»

Zu beachten sei, dass Bäuerinnen für die Versorgung der Bevölkerung hart arbeiten würden, und das zu einem bescheidenen Lohn. Zudem gehe vergessen, dass auch die Landwirte Sorge zum Land tragen wollten. Schliesslich sei das der Ort, der ihnen ihre Lebensgrundlage sichert. Dabei hätten sie auch spätere Generationen im Blick. «Der Boden ist nur eine Leihgabe, ein wertvolles Gut, das weitervererbt wird», sagt Widmer.