Notlage

Kirchlicher Appell an die Politik

Kirchliche Organisationen und Netzwerke in der Schweiz fordern die Aufnahme von afghanischen Flüchtlingen. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) äussert sich jedoch nicht zu der Krise in Afghanistan.

Tausende Afghaninnen und Afghanen versuchen auf dem Flughafen Kabul zu einem Flugzeug zu kommen. Sie wollen vor den Taliban flüchten, die das Land nun kontrollieren. (Bild: Keystone/ AP/ Shekib Rahmani)

Der Bundesrat verzichtet vorerst darauf, eine grössere Gruppe von Flüchtlingen aus Afghanistan in der Schweiz aufzunehmen, wie er am 18. August mitgeteilt hat. Die Voraussetzungen für die Aufnahme eines Kontingents von Flüchtlingen seien aktuell nicht erfüllt.

SP, Grüne und Flüchtlingsorganisationen hatten schon Anfang Woche die Aufnahme von Flüchtlingen gefordert. Nun appellieren auch kirchliche Kreise an den Bundesrat. So zeigt sich das «Netzwerk Migrationscharta», eine Gruppierung von evangelisch-reformierten und römisch-katholischen Theologen und Theologinnen, entsetzt über die Machtübernahme der Taliban, wie es in einer Mitteilung vom 18. August heisst.

«Als kirchliches Netzwerk, das sich in der Schweiz für geflüchtete Menschen engagiert, sind wir besonders betroffen durch diese schlimme Situation, in der eine religiöse Radikalisierung droht, oder bereits im Gange ist.» Das Netzwerk macht vor allem auf das Schicksal von Frauen und Mädchen aufmerksam, die akut gefährdet seien. Flüchtlinge aus Afghanistan, zu denen das Netzwerk in der Schweiz Kontakt hat, berichteten, dass sich ihre Mütter und Geschwister nicht mehr aus dem Haus trauten. Sie hätten keinen Kontakt zu ihnen, weil das Internet nicht funktioniere.

Deshalb fordert das Netzwerk den Bundesrat zu schnellem Handeln auf. Es schliesst sich den Forderungen des «Bündnis unabhängiger Rechtsarbeit im Asylbereich» an (ref.ch hat berichtet). So sollen alle Afghanen und Afghaninnen in der Schweiz eine vorläufige Aufnahme erhalten. Weiter fordert das «Netzwerk Migrationscharta» humanitäre Visa für die Familienangehörigen von in der Schweiz lebenden afghanischen Staatsangehörigen. Zudem soll der Bundesrat «mit gutem Beispiel vorangehen» und ein Kontingent von 10'000 Flüchtlingen aufnehmen.

Auch Heks und EVP wollen Flüchtlinge aufnehmen

Ähnliche Forderungen stellt das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Die Schweiz solle mindestens 5000 Flüchtlinge aufnehmen, den Familiennachzug für vorläufig Aufgenommene erleichtern sowie legale und sichere Fluchtwege gewährleisten, heisst es in einem Communiqué.

Die EVP schliesst sich dieser Aufforderung an. Die Schweiz müsse handeln und ihre «guten Dienste» anbieten, um die Bildung einer stabilen Regierung «unter Einbezug aller politischen und zivilgesellschaftlichen Kräfte» zu erreichen, schreibt die Partei in einer Mitteilung.

Klare Statements aus Deutschland

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat bisher kein Statement zur Krise in Afghanistan abgegeben. Auf Nachfrage von ref.ch liess der Kommunikationsverantwortliche der EKS ausrichten, dass sich der EKS-Rat nicht zu Afghanistan äussern werde.

Ganz anders Kirchenvertreter in Deutschland. Dort forderte etwa der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, die Bundesrepublik explizit zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan auf. Das Land trage eine Mitverantwortung, deshalb müsse es auch einen Beitrag zur Bewältigung der Folgen leisten.

Es brauche jetzt unmittelbare Hilfe für die Bevölkerung und alle nur denkbaren diplomatischen Aktivitäten, um befürchtete Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, sagte Bedford-Strohm gemäss der Nachrichtenagentur epd. Auch die stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD, Annette Kurschus, forderte eine unkomplizierte Aufnahme von Flüchtlingen. Die Bilder und Geschichten aus Afghanistan seien erschütternd. Es gelte, so viele Menschen wie möglich zu retten, betonte Kurschus.