«Ich bin ein typischer Bündner Durchschnittschrist»

Nach gut sieben Jahren an der Spitze der Bündner Landeskirche tritt Andreas Thöny per Ende Juni zurück. Im Interview erzählt der SP-Grossrat, wie er sich als Nicht-Theologe in der Kirchenpolitik zurechtfand und was er gerade an dieser Konstellation geschätzt hat.

Erlebte die Kirchenpolitik als sinnhaft, wenn auch manchmal etwas träge: Der zurücktretende Bündner Kirchenratspräsident Andreas Thöny. (Bild: Stefan Hügli)

Herr Thöny, Sie waren während knapp zwei Amtszeiten Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Graubünden. War Ihr Weg zur Kirche eigentlich vorgezeichnet?
Nein, er hat sich eher zufällig ergeben. Ich bin ein typischer Bündner Durchschnittschrist. Als Kind besuchte ich die Sonntagsschule und wurde konfirmiert. Mein Interesse für Religion erwachte erst im Lehrerseminar. Neben meinem Job wurde ich politisch aktiv, zuerst in der Kommunalpolitik und dann auf kantonaler Ebene. Als ich 2006 in den Grossen Rat gewählt wurde, fragte mich die Kirche an, ob ich gleichzeitig in den Evangelischen Grossen Rat wolle. Das habe ich getan, weil ich die Kirche gesellschaftlich wichtig fand.

Ist das in der Bündner Kirche so üblich, dass neu gewählte Parlamentarier auch für das Kirchenparlament angefragt werden?
Ja, das ist eine Besonderheit unserer Kirche. Diese Tradition stammt aus der Zeit, als die Kirchen noch kein eigenes Parlament hatten. Damals trafen sich die Parlamentarier jeweils am Ende ihrer Session, um über kirchliche Angelegenheiten zu beraten. Heute kommt uns dieses Modell zugute, weil es dafür sorgt, dass wir im Grossen Rat gehört werden. Als man mich ins Präsidium wählte, hat man von mir genau diesen Brückenschlag zwischen Kirche und Politik erwartet.

Wie unterscheiden sich kantonale und Kirchenpolitik?
Die Kantonalpolitik dreht sich mehr um abstrakte Fragen, um Strukturen und gesetzliche Bestimmungen. In der Kirchenpolitik geht es hingegen ganz konkret um Menschen. Zum Beispiel, wenn wir darüber entscheiden, welche sozialen Projekte wir unterstützen wollen. In unserer Arbeit im Kirchenrat erleben wir sehr direkt, welche Auswirkungen unsere Entscheide auf Menschen haben. Das macht es schwierig, einen bestimmten Gesetzesartikel einfach zu vollziehen. Kirchenpolitik ist dadurch sicher etwas träger, aber auch sinnhaft.

Sie sind ursprünglich Primarlehrer. Konnten Sie als Nicht-Theologe in kirchlichen Debatten überhaupt mitreden?
Manchmal war das wirklich eine Herausforderung. Zum Beispiel, wenn wir uns auf nationaler Ebene mit den kantonalen Präsidien getroffen haben. Ein Vorteil war, dass ich als Primarlehrer Religion unterrichtete und dadurch einige Vorkenntnisse hatte. Allerdings ist es auch eine Eigenschaft der reformierten Theologie, dass sie sich als Ringen um Wahrheit versteht und Stimmen von Nicht-Theologen willkommen sind. In der Bündner Kirche ist das ein wichtiger Teil unserer Kultur. Deshalb wird unser Kirchenratspräsidium schon seit Jahrzehnten ausschliesslich von Nicht-Theologen bekleidet. Dahinter steckt auch der Gedanke der gemeinsamen Gemeindeleitung, wie sie in den Kirchgemeinden praktiziert wird. Das sollte sich auch auf landeskirchlicher Ebene spiegeln. Ich finde, das ist ein sehr schöner Zug.

Sie haben Ihre Arbeit auf nationaler Ebene, also auf der Ebene der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), angesprochen. Dort ist gerade einiges los. Sehen Sie das Konzept der EKS durch die Vorfälle um Gottfried Locher in Frage gestellt?
Nicht grundsätzlich. Was in den vergangenen Wochen passiert ist, hat in meinen Augen weniger mit den Strukturen der EKS zu tun. Es geht vor allem um die Amtsführung von Locher. Ein notwendiger Schritt war sicher, die ursprünglich vorgesehene starke Stellung des Ratspräsidenten einzugrenzen. Das hat man getan. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Strukturen unter einem neuen Präsidium bewähren werden.

In den Diskussionen gehörten Sie aber immer zu den Kritikern einer zentralistischen EKS.
Es stimmt, unsere Kirche war skeptisch, wenn es darum ging, Kompetenzen an die EKS, damals noch Kirchenbund, abzugeben. Ich glaube aber, dass auf dem Weg vom Kirchenbund zur EKS eine gute Lösung gefunden wurde und der Föderalismus in dem neuen Modell spielen kann. Dass die Kantonalkirchen auf nationaler Ebene eine gemeinsame Stimme und ein gemeinsames Auftreten haben, finde ich nach wie vor wichtig. Nun geht es darum, eine Nachfolge für das Präsidium zu finden, die dieser Aufgabe gerecht wird.

Sollte das eine Frau sein?
Ja, das ist in meinen Augen das Gebot der Stunde.

Kehren wir zu Ihrer Person zurück. Wie fällt Ihre Bilanz nach gut sieben Jahren als Kirchenratspräsident aus?
Grösstenteils positiv. Ich konnte zu einigen Erfolgen unserer Kirche beitragen. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit hat das Bündner Stimmvolk die Initiative zur Abschaffung der Kirchensteuer abgelehnt. Als Kirche konnten wir die Bevölkerung überzeugen, dass wir einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Und dass wir Aufgaben wahrnehmen, die sonst die öffentliche Hand übernehmen müsste. Das hat unsere Akzeptanz in der Gesellschaft gestärkt.

Einbussen bei den Steuereinnahmen drohten auch wieder im vergangenen Jahr.
Bei der Teilrevision des kantonalen Steuergesetzes im vergangenen Jahr ging es darum, die Unternehmen steuerlich zu entlasten. Mit finanziellen Folgen für die Kirchen. Regierung und Parlament waren bereit, den Kirchen eine Kompensation zu gewähren. Das klingt unspektakulär, aber es ging um beträchtliche Mittel. Dieser Kompromiss war für mich ebenfalls ein Meilenstein in meiner Amtszeit.

Sieht man sich Ihre Ämter an, verliert man schnell den Überblick. Neben Ihrer Tätigkeit in Kirche und Politik haben Sie zahlreiche weitere Mandate. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Eine gute Frage (lacht). Die Ämter waren allerdings nicht plötzlich da, sondern sind nach und nach zusammengekommen. Hilfreich war sicher, dass ich jeweils genug Zeit für das Einarbeiten in die Themenfelder hatte. Glücklicherweise konnte ich bei der Übernahme eines neuen Mandats jeweils in meinem Beruf abbauen. So habe ich zuletzt nur noch in einem 20 Prozent-Pensum als Primarlehrer gearbeitet.

Sie haben am 30. Juni Ihren letzten Arbeitstag als Kirchenratspräsident. Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf die Bündner Kirche zu?
Nachdem wir die Totalrevision unserer Kirchenverfassung abschliessen konnten, geht es nun um die Neuorganisation verschiedener Bereiche. Zum Beispiel muss der Sonderstatus der Pfarrpersonen arbeitsrechtlich den heutigen Gegebenheiten angepasst werden. Dann müssen wir beim Finanzausgleich über die Bücher, der derzeit nicht mehr optimal geregelt ist. Auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene kommt einiges auf uns zu. Zum Beispiel die Frage, ob die Kirche ihren öffentlich-rechtlichen Status behalten soll, wenn ihr Anteil an der Bevölkerung immer kleiner werden sollte. Oder ob die juristische Kirchensteuer in Frage gestellt und durch ein anderes Steuermodell ersetzt wird.

Bleiben Sie der reformierten Kirche verbunden?
Meine neue Stelle als Leiter der Sozialen Dienste der Stadt Chur wird mich ziemlich absorbieren. Deshalb wird man mich weniger in der kirchlichen Landschaft antreffen. Hin und wieder werde ich aber sicher einen Gottesdienst besuchen.