Hilfswerke verzeichnen Rekord
Im Dezember erhalten Schweizer Haushalte jeweils viel Post. Es ist die Zeit, in der Hilfswerke an die Solidarität der Menschen appellieren und um Spenden für ihre Projekte bitten. Manche Schreiben sind nüchtern gehalten, andere sollen mit ihrer Bildsprache, kleinen Geschenken oder kreativen Aktionen die Spendenbereitschaft erhöhen.
Letztes Jahr brauchte es allerdings wenig, um die Menschen vom Spenden zu überzeugen. Der Ukraine-Konflikt und seine Folgen standen im medialen Fokus. «2022 haben wir so viele Spenden erhalten wie noch nie», sagt Raymond Ruch, Leiter Kommunikation beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK).
Insgesamt rund 77 Millionen Franken seien zusammengekommen, erklärt er. Das entspricht einer Steigerung von fast 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ungefähr 41 Millionen Franken wurden an Projekte mit Bezug zur Ukraine gespendet.
Darunter fällt etwa die Hilfe vor Ort – das SRK hat beispielsweise Spezialistinnen in die Ukraine geschickt, um die humanitäre Hilfe zu koordinieren. Auch die Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge in der Schweiz mit Sprachkursen oder psychosozialer Betreuung zählt dazu.
Ruch betont, dass es sich um provisorische Zahlen handle. Überrascht über den Rekord ist er nicht. Auch in der Vergangenheit hätten die Leute bei grossen Krisen und Katastrophen viel gespendet. Den vorherigen Spendenrekord erreichte das SRK 2020, erklärt Ruch. Damals sei die Corona-Pandemie der Hauptgrund gewesen.
Viele Krisen gleichzeitig
Trotz Rekorden verzeichneten auch das SRK und das Heks saisonal einen leichten Rückgang bei den Spenden von Privatpersonen – ausgerechnet im Dezember, wenn Spenden Hochkonjunktur haben. «Die Gründe hierfür könnten in der Teuerung und den gestiegenen Energiepreisen liegen», sagt Brigitte Roth vom Heks. Hinzu komme, dass noch nie so viele Organisationen Spendenaufrufe gemacht hätten wie im Dezember des letzten Jahres. Wer spenden wollte, hatte die «Qual der Wahl», wie Roth sagt.
Beim SRK gingen die Spenden von Privaten in der Weihnachtszeit um 15 Prozent zurück. Auch das überrascht Kommunikationsleiter Raymond Ruch kaum. «Nach einem Katastrophenereignis oder einem Krisenjahr ist es üblich, dass viele Menschen über die Festtage nicht mehr spenden, wenn sie im Verlaufe des Jahres gespendet haben.»
In einem Artikel stellte der «Tages-Anzeiger» jüngst aber noch eine weitere Hypothese für den Rückgang der Spenden in den Raum: ein «massiver Reputationsschaden» des SRK. Mitte Dezember wurde bekannt, dass der langjährige Direktor des Roten Kreuzes, Markus Mader, entlassen wurde. Aus Protest gegen diese Entscheidung traten vier von zehn Mitgliedern des Rotkreuzrates – des Führungsgremiums – zurück. «Wir gehen davon aus, dass sich das auf die Spendenbereitschaft auswirkt», sagt Ruch. In welchem Ausmass, sei aber noch nicht absehbar.
Die Caritas und das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) arbeiten wie das SRK zurzeit noch an ihren Jahresabschlüssen. Klar ist jedoch: Auch bei ihnen zeichnet sich bei den Spenden ein Rekordjahr ab. Die Caritas hat mit 44 Millionen Franken so viel gesammelt wie noch nie, das Heks mit über 38 Millionen ebenfalls. Beide teilen die Analyse des SRK und führen den Anstieg des Spendenvolumens auf den Ukraine-Krieg zurück. Dieser bewege die Bevölkerung in der Schweiz, sagt Livia Leykauf, Kommunikationsleiterin der Caritas. «Die Menschen spüren, wie rasch sie plötzlich selbst auf Unterstützung angewiesen sein könnten.»
Das Jahr 2022 war aber nicht nur vom Ukraine-Krieg geprägt, sondern auch von der Dürre in Ostafrika und dem Klimawandel. «Die Caritas stellt in ihrer Kommunikation immer wieder bewusst Länder und Themen ins Zentrum, die derzeit eher im Hintergrund stehen», sagt Leykauf. Damit konnte das Hilfswerk erreichen, dass auch Projekte in diesen Bereichen weiterhin finanziell unterstützt werden.
Brigitte Roth, Abteilungsleiterin Marketing und Fundraising beim Heks, verweist in dieser Hinsicht auf den unterschiedlichen Charakter der Partnerschaften. «Der Spendenfokus bei Behörden, Stiftungen und Vereinen liegt eher in der längerfristigen und nachhaltigen Unterstützung unserer Schwerpunktthemen», sagt sie. Darunter falle unter anderem das Recht auf Nahrung und Klimagerechtigkeit. Privatspender und Firmen leisteten hingegen eher Nothilfe.
Rückgang bei Mission 21
Anders als beim Heks und der Caritas sieht die Situation bei Mission 21 aus. Das christliche Hilfswerk sei weder in der Ukraine noch im Flüchtlingsbereich in der Schweiz tätig, erklärt Sprecher Christoph Rácz. «Wir haben 2022 etwas über 11 Millionen Franken eingenommen», sagt er. Das sei weniger als in den Vorjahren.
Er bezeichnet die Fundraising-Situation als anspruchsvoll. Mit Kampagnen, Publikationen und Anlässen in den Kirchgemeinden hat das Hilfswerk auf seine Projekte aufmerksam gemacht – beispielsweise die Ausbildung von Hebammen im Südsudan oder den Schutz von Mädchen vor Gewalt in Indonesien.
«Wichtig ist, dass all unsere Projekte weiterlaufen», sagt Rácz. Abstriche musste Mission 21 bisher keine machen. Sorge bereitet ihm allerdings, dass viele Landeskirchen und Kirchgemeinden in Zukunft sparen müssen, weil sie Mitglieder verlieren. Denn aus diesem Umfeld erhält Mission 21 am meisten Spenden.