Hilfswerke
«Das humanitäre Völkerrecht erodiert»
2025 war für das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) kein einfaches Jahr. Staaten sparen Gelder in der Auslandshilfe ein. Wo spüren Sie das besonders?
Frischkopf: Die Kürzungen betreffen uns, aber wir befinden uns in einer vergleichsweise privilegierten Situation. Die grösste Gefahr lauert indirekt: Die Vereinten Nationen stehen finanziell unter enormem Druck. Sie sind in abgelegenen Krisengebieten ohne staatliche Strukturen oft die einzigen, die medizinische Grundversorgung, Ernährung, Sicherheit und Koordination der humanitären Hilfe sicherstellen. Wenn diese Strukturen zusammenbrechen, können auch andere Akteure keine Hilfe mehr leisten. Wegen der knappen Ressourcen findet eine Hyperpriorisierung statt: ‘Wir nehmen von den Hungrigen, um die Verhungernden zu ernähren’, sagte kürzlich eine Vertreterin von UN World Food Programme auf einem Panel, das ich moderiert habe.
Das Heks finanziert sich nebst öffentlichen Geldern auch über Stiftungen, Kirchen und Spenden von Privatpersonen. Wie sieht die Entwicklung dort aus?
Bei den Privatspenden ist der Dezember der wichtigste Monat, wie dieser lief können wir erst nach Abschluss beurteilen. Aber die Spendenfreudigkeit lässt ein wenig nach. Das Geld fliesst nicht immer dorthin, wo die Not am grössten ist. Es gibt viele vergessene Konflikte, jenen in der Demokratischen Republik Kongo oder im Sudan. Gaza ist zwar nicht vergessen, aber politisch stark aufgeladen und deshalb ist es sehr schwierig Geld dafür zu sammeln, obwohl die Not unbestritten ist.
Die 47-jährige Karolina Frischkopf ist seit März 2024 die erste Frau an der Spitze des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Sie hat internationale Beziehungen, Wirtschafts- und Politikwissenschaft studiert und war als Diplomatin in Mexiko, Genf, Peking und Bern tätig. Von 2019 bis 2024 arbeitete Frischkopf für das Schweizerische Rote Kreuz, das letzte Jahr als interimistische Direktorin. (gab)
Ein neuerer Ansatz ist das sogenannte «Impact Investing». Heks hat dazu im letzten Jahr ein Unternehmen mitgegründet. Was ist die Idee dahinter?
Wir haben gesehen, dass es in ruralen Gebieten in afrikanischen Ländern wie Kenia, Senegal, Tansania und Uganda kein funktionierendes Finanzsystem gibt. Kleine und mittlere Unternehmen erhalten keine Darlehen und können so ihren Betrieb nicht ausbauen. Da sind wir in die Bresche gesprungen. Oft geht es dabei um Beträge von 100'000 bis zu 500'000 Franken, damit jemand beispielsweise neue Maschinen kaufen kann. Zurzeit hat das Unternehmen rund sieben Millionen Franken an Darlehen zur Verfügung.
Stösst dieser Ansatz bei Spendern auf Nachfrage?
Es gibt Aufholbedarf. Wir sehen aber gerade bei Stiftungen grosses Potential. Sie könnten so ihr Kapital nach dem Stiftungszweck investieren. Zwar erhält man einen etwas tieferen Zins, aber vor Ort wird eine soziale Wirkung erzielt. Dazu verpflichten sich die Kreditnehmer. Das könnte auch für Kirchen interessant sein.
Ist eine solche Investition nicht mit höherem Risiko verbunden?
Dieses Argument gilt nicht mehr. Das Jahr 2025 mit Donald Trumps’ Zollpolitik hat gezeigt, dass eine Investition in eine Molkerei im Senegal nicht automatisch riskanter ist als eine in den USA.
Was sind weitere Ansätze, um an mehr Geld zu kommen?
Grundsätzlich gibt es auf der Welt nicht zu wenig Geld, es fliesst einfach nicht dorthin, wo es Entwicklung ermöglichen könnte. Es braucht noch viel Arbeit, dass Philanthropen die Arbeit eines Hilfswerks kennen und schätzen lernen.
Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) zählt rund 2000 Mitarbeitende und ist in 35 Ländern tätig.
2022 stiess Brot für alle zum Heks. Dabei trafen zwei Organisationsformen aufeinander, Brot für alle arbeitete damals schon rollenbasiert. Statt mit hierarchischen Strukturen und zugehörigen Jobfunktionen setzt man beim rollenbasierten Arbeiten dabei auf eine agile Selbstorganisation.
Nach vier Jahren des Aufbaus gehe man nun beim Heks in den Regelbetrieb des rollenbasierten Arbeitens über, sagt Direktorin Karolina Frischkopf. Wobei man auf eine Hybridform setze: Stiftungsrat, Geschäftsleitung und Abteilungsleitende blieben hierarchisch organisiert, darunter arbeite man rollenbasiert. (gab)
Das Jahr 2025 traf Heks nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Im Februar starben drei Mitarbeitende in der Demokratischen Republik Kongo. Wie geht das Heks damit um?
Das ist eine schwierige Erfahrung und belastet uns alle sehr. Aber wir haben uns auf schwer zugängliche Gebiete spezialisiert, wo der Staat nicht oder nur noch teilweise funktioniert. Wir sind in 35 Ländern tätig, in 20 haben wir ein Büro. Neun davon gehören laut der UN-Organisation OCHA zu den weltweit grössten Krisenherden. In diesen Gebieten haben wir viele Mitarbeitende vor Ort, weil es komplexe Krisen und unsere Tätigkeiten vielschichtig sind. Das Risiko ist ein Teil unserer Arbeit. Das muss man sich bewusst sein, immer wieder reflektieren und entsprechend Vorkehrungen treffen.
Welche?
Wir führen Trainings und Sicherheitsbriefings für unsere Mitarbeitenden durch. Sie wissen, wie sie in gewissen Situationen reagieren müssen. Sicherheitspläne werden regelmässig überprüft und weiterentwickelt, um rechtzeitig reagieren zu können. Vor Ort sind wir in lokale Sicherheitsnetze eingebunden, die von der UNO organisiert sind.
Nehmen Angriffe auf Hilfswerke zu?
Ja. Bis vor ein paar Jahren wurde der im humanitären Völkerrecht verbriefte Schutz von Helfenden und zivilen Einrichtungen wie Spitälern grossmehrheitlich gewährleistet. Jetzt ist das in vielen Kontexten nicht mehr der Fall. Das humanitäre Völkerrecht erodiert. Das ist ein extremer Wechsel und hat eine erschreckende Dimension angenommen.
2026 sind vier Jahre seit der Fusion zwischen Heks und Brot für alle vergangen. Welche Auswirkungen des Zusammenschlusses spürt man?
Die Fusion ist bei uns kein Thema mehr und erfolgreich abgeschlossen. Brot für alle hat die Entwicklungspolitik und das rollenbasierte Zusammenarbeiten ins Heks gebracht. Das hat die Organisation stark verändert. Das Heks ist dynamischer und politischer geworden – den einen gefällt das, den anderen weniger.
Die politischen Stellungnahmen sorgen immer mal wieder für Kritik von Kirchenmitgliedern.
Ja und es ist wichtig, dass man die kontroversen Diskussionen um das politische Engagement führen kann. Im Stiftungszweck von Heks ist das gesellschaftspolitische und entwicklungspolitische Engagement explizit festgehalten – es ist ein Auftrag der Kirchen.
Das Heks feiert 2026 sein 80-Jahr-Jubiläum. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Europa in Trümmern, Millionen Menschen waren auf der Flucht. Der damalige Schweizerische Evangelische Kirchenbund rief 1945 zu Spenden auf, um der notleidenden Bevölkerung zu helfen. Die Solidarität ist gross, innert wenigen Wochen kommen über zwei Millionen Franken zusammen. Um dieses Geld gezielt für Hilfsmassnahmen einzusetzen, gründen die Kirchen eine neue Organisation, am 1. Januar 1946 startet das Heks. (gab)
Sie sind seit März 2024 als erste Heks-Direktorin im Amt. Stösst man da auf Widerstand in männlich geprägten Führungskulturen?
Beim Heks spüre ich das überhaupt nicht, im Gegenteil: ich geniesse sehr viele Sympathien, gerade weil ich eine Frau bin. Auch im NGO-Bereich gibt es viele weibliche Führungskräfte. Aber an Wirtschaftsanlässen kommt es regelmässig vor, dass ich unter 40 CEOs die einzige Frau bin. Da staune ich schon. Ich finde es schade, dass man auf ein Potential verzichtet. Diversität ist eine Bereicherung, weil sie verschiedene Perspektiven einbringt und damit nachweislich bessere Lösungen entstehen.
Werden Sie weniger ernst genommen, weil Sie eine Frau sind?
Es kommt vor, dass Männer erstaunt sind, wenn sie merken, dass ich in meinem Alter eine Organisation in der Grösse eines Heks leite. Da hilft mir meine Erfahrung aus der Wirtschafts- und Finanzdiplomatie, da war ich als junge Frau regelmässig die Exotin im Konferenzraum. Wenn ich dann wider Erwarten das Wort ergriff und die Schweiz oder gar eine wichtige Staatengruppe vertrat, entpuppte sich für die Kollegen, dass ich nicht wie vermutet die Stagiaire, sondern die federführende Diplomatin war.
Wie schalten Sie von ihrem Job ab?
Dank meinen beiden Kindern kann ich das sehr gut. Sie fordern die ganze Aufmerksamkeit. Und weil ich in der Nähe von Lausanne wohne und in Zürich arbeite, bin ich sehr oft im Zug. Da kann ich vieles abarbeiten und wenn ich zuhause ankomme, ist das Wichtigste erledigt. Das hilft. Und wenn ich mal eine halbe Stunde für mich habe, lese ich ein Buch.