Kirchengeschichte

«Glaube und Politik gehören zusammen»

Wer eine Expertise in Schweizer Reformationsgeschichte braucht, landet früher oder später bei Peter Opitz. Jetzt geht der Theologe und Kirchenhistoriker in Pension. Im Interview erzählt er, warum Kirche politisch sein muss und wie uns die Vergangenheit dabei hilft, uns selbst zu verstehen.

Seit gut zwanzig Jahren macht Peter Opitz künftige Pfarrpersonen mit Kirchengeschichte vertraut. (Bild: Keystone / René Ruis)

Herr Opitz, gemeinsam mit anderen Schweizer Theologinnen und Theologen haben Sie in einem Brief gefordert, dass die Reformierten beim Weltkirchenrat wegen der Mitgliedschaft der russisch-orthodoxen Kirche intervenieren. Warum war Ihnen das wichtig?
Ich finde es schockierend, was sich die russisch-orthodoxe Kirche leistet. Was ist das für eine Kirche, die rechtfertigt, dass ganze Städte bombardiert und Tausende von Menschen getötet werden? Das hat rein gar nichts Christliches mehr. Im Dritten Reich sagte die Bekennende Kirche, dass die nationalsozialistische Bewegung der Deutschen Christen nicht Kirche sei. Heute haben wir mit der russisch-orthodoxen Kirche einen analogen Fall. Deshalb ist es gut, hat dieser Brief bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz Gehör gefunden.

Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Kirchengeschichte. Wie hilft uns die Vergangenheit dabei, die Gegenwart zu verstehen?
Man betrachtet Kirchengeschichte oft als Beschäftigung mit Dingen, die zeitlich weit entfernt sind und nichts mehr mit uns zu tun haben. Das ist ein Irrtum, weil wir selbst mitten in der Geschichte stehen und von der Vergangenheit bis heute geprägt sind. Wir brauchen den Blick zurück, um zu verstehen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Insofern glaube ich, dass Geschichte wichtig ist für unsere Identität. Wenn wir verstehen, woher wir kommen, hilft uns das auch dabei, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Kommen wir noch einmal auf die Gegenwart zu sprechen. Soll Kirche heute politisch sein?
Unbedingt. Pfarrpersonen müssen nicht Experten für alle politischen Sachfragen sein, auch braucht es nicht für jede Abstimmung eine Empfehlung der Kirche. Klar ist aber, dass die Kirche eine politische Botschaft hat. Sie steht für Gerechtigkeit, Humanität und ein konstruktives menschliches Zusammenleben, im Zeitalter der Globalisierung mit globaler Perspektive. Diese Werte muss sie kompromisslos verteidigen und klar dafür einstehen.

Welche Rolle spielte politisches Engagement in Ihrem eigenen Leben?
Gläubig sein und politisch aktiv sein gehörten für mich immer zusammen. Zu meiner Zeit waren viele Studierende sozial, politisch und ökologisch engagiert. Ich selber demonstrierte als Jugendlicher gegen den Betrieb von Atomkraftwerken und die Zerstörung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Aber auch gegen Banken, die mit dem Apartheitregime Geschäfte machten. Ich erinnere mich, dass ich meinem Vater ausreden musste, mir ein Auto zu schenken, ich habe nie eines besessen.

«Der Geist der Ökonomisierung und der bürgerlichen Anpassung macht auch vor der Kirche nicht halt.»

In der Öffentlichkeit sind Sie vor allem als Gesicht des Reformationsjubiläums bekannt. Was fasziniert Sie an der Reformationsgeschichte?
Als Forscher habe ich immer zwei Hüte an, ich bin Theologe und Historiker. Mich interessieren deshalb besonders jene Momente in der Geschichte, wo Theologie und Geschichte zusammenkommen. Wo es also darum ging, bestimmten theologischen Ansprüchen in der Geschichte Geltung zu verschaffen. Daher habe ich eine Affinität zu den Reformatoren, weil diese mit dem Wort Gottes die Welt verändern wollten.

Nach Ihrer Promotion haben Sie nicht sofort die Lehrtätigkeit aufgenommen, sondern waren erst fünf Jahre im Pfarramt. Wie war das für Sie?
Ich arbeitete in einer kleinen ländlichen Gemeinde im Kanton Bern. Diese Zeit habe ich in guter Erinnerung. Es war eine neue Erfahrung für mich, dass ich als Pfarrer mitten in der Dorfgemeinschaft war. Im Dorf kannten mich alle, jeder grüsste mich und ich war mit allen Familienschicksalen vertraut. Mit der Zeit habe ich jedoch die intellektuelle Auseinandersetzung vermisst. Das war auch der Grund, dass ich schliesslich zurück an die Uni gegangen bin.

Zur Person

Peter Opitz (65) ist seit 2009 Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich sowie Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte. Er studierte Theologie und Philosophie und war einige Jahre als reformierter Pfarrer tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben der Schweizerischen Reformationsgeschichte und der reformierten Theologie die Epoche der Spätaufklärung, der Schweizer Protestantismus im 19. Jahrhundert und Karl Barth. Opitz ist verheiratet und lebt in Zürich. (no)

Seit gut zwanzig Jahren bringen Sie Theologiestudierenden Kirchengeschichte näher. Wie stark hat sich das Studium verändert?
Das Theologiestudium hat sich meiner Meinung nach stark gewandelt, leider nicht nur zum Guten. Zu meiner Zeit hatten wir als Studierende viele Freiräume, das Studium war eine Zeit der Bildung und des Wachsens in eine theologische Identität hinein. Heute mit dem Bologna-System und dem erhöhten Stress ist es eher eine portionierte Ausbildung, in der man verschiedene Module absolvieren muss, um den «Ausweis» zu bekommen. Auch das Profil der Studierenden und späteren Pfarrpersonen hat sich verändert.

Inwiefern?
Ich habe sehr viele wertvolle und ernsthafte Studierende kennen gelernt, die ich sehr schätze und über die ich mich als Pfarrerinnen und Pfarrer freue, junge und ältere und ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber der Geist der Ökonomisierung, der Dienstleistungsmentalität, der Konsumgesellschaft und der bürgerlichen Anpassung macht auch vor der Kirche nicht halt. Gehört zum christlichen Bekennen nicht auch: Gegen den Strom schwimmen, Spott ertragen, Leiden für das, wofür man einsteht?

«Unsere reformierte Kirche ist bekenntnisschwach, und alle merken es – nur sie selber nicht.»

Als Historiker überblicken Sie eine lange Zeitspanne. An welchem Punkt steht die reformierte Kirche heute?
Sie steht vor grossen Herausforderungen. Sie muss akzeptieren, dass sie nicht mehr Staatskirche und auch nicht mehr Landeskirche ist. Sie ist eine Minderheit, zu der sich zunehmend nur noch die zählen, die das ganz bewusst tun. In dieser Situation wird von der Kirche immer mehr gefordert, dass sie bekennt, wofür sie steht, und das kann nicht ihre eigene Organisation als Dienstleistungsbetrieb in Sachen individueller Religion sein, sondern nur das Reich Gottes.

Können Sie das ausführen?
Die Kirche ist heute nur ein Player unter vielen. Sie muss klar machen, was das Besondere an ihr ist, und das ist einzig ihr Auftrag, Zeugin des Christus zu sein. Unsere reformierte Kirche ist bekenntnisschwach, und alle merken es – nur sie selber nicht. Ein Beispiel: Wenn die Kirche für das Quest-Studium wirbt, den Leuten Gestaltungsfreiheit und guten Lohn verspricht, und mit keinem Wort erwähnt, dass es um die Weitergabe der Christusbotschaft geht, dokumentiert sie, dass sie sich ihrer Botschaft schämt. Und das sehen auch blinde Atheisten.

Sie haben im Mai Ihre Abschiedsvorlesung gehalten. Was machen Sie mit der freien Zeit?
Ich habe seit längerem einige Forschungsprojekte pendent, für die ich jetzt hoffentlich Zeit finde. Auch versuche ich, an mein früheres Niveau im Klavierspiel anzuknüpfen. Ich bin zudem ein passionierter Velofahrer und freue mich, wieder mehr im Sattel zu sitzen – ohne Batterie, versteht sich.