«Nebensächlichkeiten lassen sich immer kritisieren»

Der Historiker Valentin Groebner äusserte in einem Interview Kritik am neuen Zwingli-Film: Dieser enthalte Fehler und zeige ein beschönigendes Bild der Epoche. Ref.ch hat drei Historiker gefragt, wie sie den Film erlebt haben. Heute: Peter Opitz, Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Universität Zürich.

«Ich freue mich, dass man in der Schweiz nun neben Filmen über Luther und Maria Stuart endlich einen Zwinglifilm sehen kann»: Der Historiker Peter Opitz. (Bild: Universität Zürich)

Herr Opitz, Sie haben den Zwingli-Film bereits im Kino gesehen. Würden Sie ihn Ihren Studierenden empfehlen?
Unbedingt. Er ist sehr spannend. Gleichzeitig habe ich noch nie einen Historienfilm gesehen, der so nahe an den Quellen ist. Diese Kombination von Unterhaltung und Faktentreue ist auf geniale Weise gelungen.

Der Historiker Valentin Groebner fand in dem Film zahlreiche historische Ungenauigkeiten. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger behauptet er, dass die Alltagssprache damals derber und obszöner gewesen sei als im Film wiedergegeben. Sie haben das Filmteam in historischen Fragen beraten. Was sagen Sie zu den Vorwürfen?
Wie die Menschen damals wirklich geredet hatten, entzieht sich unserer Kenntnis. Was wir wissen, stammt aus schriftlichen Quellen. Es stimmt, dass zum Beispiel in Gerichtsprotokollen derbe Ausdrücke vorkommen. Anderseits konnte gerichtlich verfolgt werden, wer öffentlich andere schlecht machte oder gar gotteslästerlich redete.

Groebner kritisiert weiter, das Leben in der Stadt Zürich sei in Wirklichkeit sehr viel bunter, lauter und dreckiger gewesen. Wurde da beschönigt?
Ein Stück weit gebe ich ihm Recht. Ich empfand den Film auch als etwas düster. Das war aber wahrscheinlich eine Frage des Budgets. Ein farbiges und lautes Zürich hätte noch mehr Darsteller und noch mehr Kulissen erfordert. Solche Nebensächlichkeiten lassen sich aber immer kritisieren.

Ein anderer Kritikpunkt betrifft die Darstellung der Katholiken. Diese würden stereotyp als fett, lüstern und korrupt gezeigt.
Ich kann verstehen, wenn Katholiken empfindlich reagieren. Groebners Kritik ist deutlich konfessionell gefärbt. Wir wissen in der Tat nicht, wie dick etwa der Bischof von Konstanz war. Unbestreitbar ist aber, dass es religiöse Heuchelei, kirchliche Doppelmoral und Ausbeutung des Volkes durch die Kirche nicht nur in Einzelfällen gab. Es war ein vielbeklagter Missstand, der allen vor Augen stand. Ketzerverbrennungen, Gewalt und Zwangskatholisierung auf Befehl von Papst und Bischof waren damals Alltag.

Groebner nennt den Film einen Zürcher Heimatfilm, weil er die Reformation als europäische Bewegung ausblende. Hat er recht?
Natürlich kann man einen Film über die Zürcher Reformation dafür kritisieren, dass er sich nicht mit Luther oder der englischen Reformation befasst. Aber viel Sinn macht das nicht. Ich freue mich, dass man in der Schweiz nun neben Filmen über Luther und Maria Stuart endlich einen Zwingli-Film sehen kann.

Sind Ihnen im Film Ungenauigkeiten aufgefallen?
Manchmal verschmelzen verschiedene Ereignisse zu einem Einzigen oder die Abfolge stimmt nicht ganz. Aber die historischen Pointen sind immer getroffen. Das ist die grosse Stärke des Films.