Cornelia Camichel Bromeis

«Es fällt längst nicht allen leicht, den Entscheid einer Frau mit Leitungsfunktion zu akzeptieren»

Die Bündner Reformierten verlieren mit der Dekanin Cornelia Camichel Bromeis ihr wohl bekanntestes Gesicht. Ein Gespräch über Frauen an der Macht, verletzliche Männer und Graubündens schwierige Ökumene.

Bisher Dekanin der Bündner Kirche, ab August Pfarrerin an der Kirche St. Peter in Zürich: Cornelia Camichel Bromeis. (Bild: zVg/Stefan Hügli)

Frau Camichel Bromeis, sieben Jahre haben Sie als Dekanin die Bündner Kirche geprägt, nun ist Schluss: Auf Ende Juli geben Sie das Amt ab und ziehen nach Zürich. Wie fühlt sich der Abschied an?
Es gibt immer wieder wehmütige Momente, aber das schöne Gefühl überwiegt. Auch wenn meine Jahre als Dekanin ungemein gut und lehrreich waren, so war die Zeit reif für etwas Neues. Und nun freue ich mich sehr darauf, in Zukunft als Pfarrerin an der Kirche St. Peter mitten in der Stadt Zürich wirken zu dürfen. Das ist ein Geschenk.

Was haben Sie in Graubünden gelernt, das auch an Ihrem neuen Arbeitsort in Zürich hilfreich sein wird?
Gross zu denken. Als Dekanin und Kirchenrätin ist man gezwungen, Lösungen für den ganzen Kanton zu finden. Diese müssen für die grosse Kirchgemeinde in Chur genauso wie für die kleine Gemeinde ganz hinten im Tal funktionieren.

Ihre neue Kirchgemeinde in Zürich wird mehr Mitglieder haben, als die gesamte Bündner Kirche zusammen.
Ja, es sind tatsächlich ähnliche Dimensionen, auch wenn mein neuer Arbeitsort deutlich urbaner sein wird. Was das reformierte Graubünden mit dem reformierten Zürich übrigens auch verbindet: Man möchte mehr zusammenwachsen und Ressourcen teilen. Der eine Pfarrer arbeitet vielleicht gerne mit geflüchteten Menschen, die andere Pfarrerin ist stark im Lancieren von Projekten.

Zur Person

Cornelia Camichel Bromeis, geboren 1970, ist zweisprachig im bündnerischen Tiefencastel aufgewachsen. Von 2000 bis 2011 war sie Pfarrerin in Chur, anschliessend in Davos Platz. Von 2014 bis 2021 war sie Dekanin der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden sowie Vizepräsidentin des Kirchenrats. Ab August 2021 ist sie Pfarrerin am St. Peter in Zürich. Camichel Bromeis ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. (mos)

Mit Blick auf Ihre Zeit als Dekanin: Worauf sind Sie stolz?
Stolz ist nicht das richtige Wort. Ich bin aber gerührt davon, dass mir Menschen bei meinem Abschied sagten, dass sie unsere Begegnungen und das Zusammensein geschätzt haben. Das ist keine grosse Sache, aber doch sehr wichtig. Gefreut hat mich auch, dass Pfarrkollegen mit 60 Jahren im Beruf meine Synode-Leitung gelobt haben. Solche Komplimente sind einfach schön und tun gut. Überhaupt werde ich die schweizweit einzigartige Pfarrsynode vermissen.

Warum ist sie einzigartig?
Jedes Jahr kommen alle Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kanton an einem Ort zusammen und diskutieren organisatorische und theologische Fragen. An diesen fünf Tagen entwickeln sich all die schönen Dinge zwischen den Menschen, die im Kern unser Kirche sein ausmachen.

Als Dekanin und Kirchenrätin standen Sie stark in der Verantwortung. Was hat Sie darin ausserordentlich gefordert?
Ein Fall von Grenzverletzungen. Da musste ich wahnsinnig viel dazulernen. Die belastende Situation hat die Bündner Kirche aber auch an einen Punkt geführt, an dem ich heute sagen kann: Das Thema ist überall auf dem Schirm. Wir haben ein Konzept zur Prävention und eine Handlungsanleitung für den Fall eines Übergriffs. Schwierig waren aber oft auch Probleme, die für einen einzelnen Menschen existentiell wurden.

Beispielsweise?
Wenn eine Person nicht in ein Pfarramt passte – und ich ihr dies mitteilen musste. Es war immer wieder eine Herausforderung, in solchen Momenten mein persönliches Mitgefühl und meine Funktion klar zu trennen.

«Wir Menschen sind verletzlich. Das macht uns aus. Ich will das nicht als Schwäche sehen.»

Sie waren die erste Dekanin in der Bündner Kirche. Was haben Sie als Frau in diesem Amt anders gemacht?
Ich habe sicherlich gewissen Fragen mehr Gewicht beigemessen, als das vielleicht ein Mann getan hätte. So war für mich die Care-Arbeit sehr wichtig. Ein Begriff, der Tätigkeiten des Pflegens und Sich-Kümmerns zur Sprache bringt – also all die unbezahlte Arbeit, die zu einem riesengrossen Teil von Frauen geleistet wird. In diesem Zusammenhang thematisierte ich auch immer wieder die Verletzlichkeit von uns Menschen. Dabei habe ich auch meine eigene nicht ausgespart.

Warum war Ihnen das Thema so wichtig?
Weil wir Menschen verletztlich sind. Das macht uns aus. Und ich will das nicht als Schwäche sehen, im Gegenteil. Wir sollten unbedingt mehr über unsere Verletzlichkeit sprechen. Sie macht uns am Ende stärker.

Wo genau war es schwierig, darüber zu sprechen?
Einige Männer hatten Mühe mit dem Thema. Meine Direktheit überforderte sie. In Kombination damit, dass ich in meiner Rolle auch immer wieder Entscheidungen fällen und durchziehen musste, war das manchmal für alle anspruchsvoll. Hinzu kam: Entscheidungen zu akzeptieren, die von einer Frau in einer Leitungsposition getroffen werden, fällt nicht allen Männern leicht.

«Ich habe Geschlechterfragen immer wieder aufs Tapet gebracht. Ohne eine gewisse Hartnäckigkeit geht es nicht.»

Wie sind Sie mit dieser Ablehnung umgegangen?
Indem ich Themen rund um Geschlechterfragen immer wieder aufs Tapet gebracht habe. Meine Erfahrung ist: Ohne eine gewisse Hartnäckigkeit geht es nicht, sonst rutschen diese Themen in der Priorität nach hinten. Ich wollte das aber auch mit einer gewissen Leichtigkeit angehen. Ein Hinweis mit einem Augenzwinkern kann manchmal Wunder bewirken und Situationen entspannen.

Ein heisses Eisen im Kanton Graubünden ist die Ökumene. Der Kanton gleicht einem konfessionellen Flickenteppich und der langjährige Bischof Vitus Huonder und sein Generalvikar Martin Grichting waren bekanntermassen kaum interessiert an einer Zusammenarbeit.
Unter der Leitung der beiden war die Zusammenarbeit faktisch tot. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Man liess mich gut spüren, was sie von mir als Frau und dann noch in der Rolle einer reformierten Dekanin hielten. Was solch ein Blick auf die Frau für eine Katholikin bedeuten musste, konnte ich nur erahnen. Tatsache ist, dass viel Gutes in der Ökumene über all die Jahren nicht weiter wachsen konnte, was ich sehr bedaure. Immerhin wurde die Zusammenarbeit in den Kirchgemeinden weitergeführt – an manchen Orten sehr gut, an anderen weniger.

Mit Bischof Joseph Maria Bonnemain steht seit März ein neuer Mann dem Bistum Chur vor. Stimmt Sie seine Wahl zuversichtlich?
Er scheint sicherlich offener zu sein, was die Ökumene anbelangt. Davon zeugte auch ein Grusswort, das er den reformierten Pfarrerinnen und Pfarrern der Pfarrsynode zukommen liess. Was jetzt zählt: Die Bereitschaft, miteinander zu reden. Gelingt das, dann kommt es auch mit der Ökumene in Graubünden wieder gut. Da bin ich mir sicher.

«Das Evangelium hat auch heute noch eine sehr grosse Strahlkraft. Um das zu erkennen, muss man nicht fromm sein.»

Zu Beginn des Gesprächs nannten Sie es «ein Geschenk», Pfarrerin an der Stadtzürcher Kirche St. Peter zu werden. Warum?
Ich freue mich einfach sehr auf die Basisarbeit, die kam in den letzten Jahren ein bisschen zu kurz. Also dass ich nahe bei den Leuten sein kann, mit ihnen Taufen, Hochzeiten und Gottesdienste feiern kann, Abdankungen halten – als Seelsorgerin für die Menschen da sein kann. Mich reizt aber auch, Menschen Räume für das Christliche zur Verfügung zu stellen. Das mag fromm klingen, aber letztlich hat das Evangelium auch heute noch eine sehr grosse Strahlkraft.

Sie werden nach der ersten Dekanin in Graubünden auch die erste Pfarrerin am bekannten St. Peter sein. Wird das Einfluss auf Ihre Arbeit haben?
Sicherlich in irgendeiner Form. Ich durfte bereits die Gebeine von Anna Lavater, der Frau von Johann Kaspar Lavater, rückbestatten. Diese und andere Pfarrfrauen möchte ich in den Fokus meiner Arbeit rücken und bekannter machen. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten.