Fluchtbewegung 2015

«Eine Welle der Solidarität erfasste die Schweiz»

Vor zehn Jahren stieg die Zahl der Asylgesuche in der europäischen Union und in der Schweiz sprunghaft an. Auslöser dafür waren starke Migrationsströme aus Nahost. Wie reagierte die Gesellschaft darauf? Der reformierte Pfarrer Andreas Nufer blickt zurück.
Die Bevölkerung zeigt ihre Solidarität mit Asylsuchenden, die soeben in der Schweiz angekommen sind und ins Bundesasylzentrum Buchs SG begleitet werden. (Bild: Dominic Steinmann/ Keystone)

Kaum ein Thema beherrschte die öffentliche Wahrnehmung vor zehn Jahren so stark wie die Migration. Millionen von Menschen aus Syrien und dem Irak waren gezwungen, vor dem Islamischen Staat und dem Bürgerkrieg zu fliehen. Viele von ihnen zog es in der Hoffnung auf Schutz und ein besseres Leben nach Europa.

Andreas Nufer, damals reformierter Pfarrer an der Heiliggeistkirche in der Stadt Bern, erinnert sich gut an diese Zeit. Er beschreibt sie als sehr intensiv und überraschend. «Eine grosse Welle der Solidarität erfasste die Europäische Union und die Schweiz», sagt er. Nufer engagiert sich schon seit über zwei Jahrzehnten für Menschen auf der Flucht. 2004 gehörte er zu den Mitbegründern des Solidaritätsnetzwerks Ostschweiz, das sich für eine menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik einsetzt.

Im Sommer 2015 arbeitete Nufer mit reformierten und römisch-katholischen Kolleginnen und Kollegen an einem Grundlagentext für eine neue Migrationspolitik aus biblisch-theologischer Perspektive, als plötzlich immer mehr Menschen über die Balkanroute nach Europa gelangten.

Offene Grenzen

Im Libanon, in Jordanien und der Türkei lebten zu diesem Zeitpunkt fast vier Millionen Menschen aus Syrien in prekären Verhältnissen. Die hygienischen Bedingungen waren mangelhaft. Die Flüchtlinge hatten zudem weder Zugang zum Arbeitsmarkt, noch zu Schulen. Viele sahen keinen anderen Ausweg, als nach Europa auszuweichen. Der Krieg in Syrien breitete sich aus, Nachbarländer waren mit den Menschenströmen überfordert und riegelten die Grenzen ab.

«An Bahnhöfen wurden die Geflüchteten von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen.»
Andreas Nufer, reformierter Pfarrer

Rund 900’000 Menschen nahmen bis Ende 2015 die gefährliche Reise über die Türkei nach Griechenland auf sich, um dann über die Balkanstaaten in ein west- oder nordeuropäisches Land zu gelangen – die meisten mit dem Ziel Deutschland. Der Slogan «Wir schaffen das» der damaligen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde zum Inbegriff für die Willkommenskultur. Die Grenzen nach Europa standen offen. Laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union Eurostat reichten 2015 über 1,2 Millionen Menschen einen Asylantrag in den Mitgliedstaaten ein, ein Drittel davon entfiel auf Deutschland.

Prominente Persönlichkeiten, Hilfsorganisationen, Kirchen und Parteien in zahlreichen Ländern appellierten an die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung – mit Erfolg. «An den europäischen Bahnhöfen wurden die Geflüchteten von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen», erinnert sich Andreas Nufer.

Die Schweiz als Ausnahme

Auch in der Schweiz stieg die Zahl der Asylgesuche sprunghaft an. Knapp 40’000 Menschen reichten im Jahr 2015 einen Antrag ein, das waren über 65 Prozent mehr als im Vorjahr. Anders als in der EU handelte es sich in der Schweiz zwar um keinen Rekord. 1999 registrierte die Schweiz infolge des Kosovo-Krieges über 47’000 Gesuche. Dennoch waren der Bund und die Kantone gefordert. Unter Hochdruck suchten sie nach Unterkünften für die Asylsuchenden.

Nufer erinnert sich daran, als der Bund und die Stadt Bern zur Eröffnung neuer Zentren eingeladen hatten. Auch seine Kirchgemeinde beteiligte sich an den Anlässen. «Es kamen hunderte Menschen, um ihre Hilfe anzubieten.»

Im Frühjahr 2016 wurde aus dem ehemaligen Zieglerspital in Bern ein temporäres Bundesasylzentrum, das nach wie vor in Betrieb ist. Zeitweise organisierten bis zu 400 Freiwillige Deutschkurse, Wandernachmittage, Fussballspiele oder gemeinsame Kochabende. Manche von ihnen engagieren sich heute noch.

«Für einmal stand nicht die Fremdenfeindlichkeit im Zentrum.»
Andreas Nufer, reformierter Pfarrer

Auch die Migrationscharta, wie Nufer und seine Kollegen ihren Text tauften, stiess auf eine grosse Resonanz. Über 2000 Personen hätten sie innerhalb kürzester Zeit unterzeichnet. Gefordert werden darin ein freies Niederlassungsrecht für alle Menschen und eine solidarische Migrationspolitik. «Es herrschte Aufbruchstimmung», sagt der Pfarrer.

Worauf diese genau zurückzuführen war, kann sich Nufer nicht erklären. Er betont, dass die Hilfsbereitschaft in den Kirchgemeinden und in den Städten schon immer gross war und ist. «Und es war offensichtlich, dass es den Menschen in Syrien sehr schlecht ging», sagt er.

Zu diesem Bewusstsein trug laut Nufer auch die mediale Berichterstattung bei. «Für einmal stand nicht die Fremdenfeindlichkeit im Zentrum.» Berichte über die Gräueltaten in Syrien und im Irak oder die Zustände auf der Balkanroute machten das Elend der geflüchteten Personen greifbar. Bilder wie das des leblosen Körpers eines dreijährigen Jungen, der auf der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland im Meer ertrunken ist, wühlten die Menschen auf.

Die Grenzen der Solidarität

Gleichzeitig bescherte der Fokus auf die Flüchtlingsströme rechtspopulistischen Parteien mit ihren migrationsfeindlichen Parolen in ganz Europa einen enormen Zulauf, der bis heute anhält. Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 erreichte die SVP mit über 29 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis. Worte wie «Flüchtlingskrise», «Flüchtlingswelle» oder «Asylchaos», das 2015 zum Unwort des Jahres in der Schweiz gewählt wurde, schürten Ängste in Teilen der Bevölkerung. Im Sorgenbarometer von gfs.bern rangierte das Thema Ausländer und Flüchtlinge auf dem zweiten Rang.

Auch in der EU drehte der Wind. Die migrationskritischen Stimmen wurden immer lauter, die Regierungen zogen sich von ihren Hilfsversprechen zurück. Im Herbst 2015 errichtete Ungarn an der Grenze zu Serbien und Kroatien Zäune. Bald darauf zog Slowenien nach, da es sich auf der Ausweichroute befand. Schliesslich zahlte die EU der Türkei umgerechnet rund 2,8 Milliarden Franken dafür, dass Grenzwächter Menschen an der Überfahrt nach Griechenland hinderten. Während die Zahl der Asylgesuche in den EU-Ländern 2016 noch ähnlich hoch war wie 2015, nahm sie in der Schweiz bereits merklich ab. 2017 bewegte sie sich sowohl in der Schweiz als auch den EU-Mitgliedstaaten wieder auf einem durchschnittlichen Niveau.

«Die Preise, die Schlepper verlangen, steigen»
Andreas Nufer, reformierter Pfarrer

Der Trend zur Abschottung hält an. Soeben ist Pfarrer Andreas Nufer von einer Reise aus Kroatien und Bosnien zurückgekehrt. «Die Situation an der europäischen Aussengrenze wird immer brutaler», sagt er. Mehr Grenzbeamte, mehr Überwachungsdrohnen und -Kameras und mehr illegale Pushbacks sorgten dafür, dass die Menschen auf riskantere Fluchtrouten ausweichen müssten. «Und die Preise, die Schlepper verlangen, steigen», sagt der Pfarrer.

Blickt er zurück auf die Flüchtlingskrise 2015, meint Nufer, dass vieles richtig lief. Die Hilfsbereitschaft in der Schweizer Bevölkerung sei grundsätzlich sehr stark ausgeprägt. «Sobald es zu Begegnungen zwischen Menschen kommt, entsteht eine ganz andere Stimmung, als wenn über anonyme Flüchtlinge gesprochen wird.»

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