Kirchennutzung

Eine Kirche räumt aus

Die reformierte Kirchgemeinde Felsberg im Kanton Graubünden beschreitet neue Wege und entfernt die Bänke aus ihrer Kirche. Stattdessen soll dort ein massiver Holztisch als Symbol für die Gemeinschaft aufgestellt werden. Die Idee sorgt nicht nur für Begeisterung.

Die Kirche Felsberg soll vielfältiger genutzt werden. Dafür lässt sich die Kirchgemeinde auf ein Experiment ein. (Bild: ZVg)

Der Pfarrer oben auf der Kanzel und die Besucherinnen auf den Kirchenbänken aufgereiht: Dieses Bild prägt den reformierten Gottesdienst seit Jahrhunderten. In der Bündner Kirchgemeinde Felsberg gehört es bald der Vergangenheit an. Im Zuge einer Sanierung der rund 700-jährigen Dorfkirche sollen die Bänke entfernt werden. Den frei gewordenen Raum soll stattdessen ein rund neun Meter langer Holztisch einnehmen.

Ein visionäres Vorhaben, sind sich die Mitglieder der Projektgruppe einig. Zu ihnen gehört Fadri Ratti, Pfarrer der kleinen Kirchgemeinde. Für ihn ist der Tisch ein Symbol für Gemeinschaft, für das es viele biblische Belege gebe. So lade Jesus auf Leonardo da Vincis Gemälde «Das letzte Abendmahl» mit offener Geste zum Dazusitzen ein. «Diese Gastfreundschaft wollen auch wir vermitteln. An unserem Tisch sollen alle Menschen auf Augenhöhe sitzen dürfen», sagt Ratti.

Vielfältigere Nutzung

Die Idee dazu hat sich beinahe zufällig ergeben. Die unter Denkmalschutz stehende Kirche und ihre Umgebung sind seit langem sanierungsbedürftig. Unter anderem muss die alte Heizung ersetzt werden. Von Seiten des Baufachleiters hiess es, dass dafür die Kirchenbänke demontiert werden müssten. «Für uns ergab sich daraus die grundsätzliche Frage, ob es die Bänke überhaupt weiterhin braucht», sagt Ratti.

Für eine Entfernung der Bänke sprach nicht zuletzt der Wunsch, die Kirche vielfältiger zu nutzen. Derzeit finden dort nur ein bis zwei religiöse Veranstaltungen wöchentlich statt. Aktivitäten wie Konzerte, Meditationskurse oder Konfirmationsunterricht sind aufgrund der Platzverhältnisse nicht möglich. Mit der Umgestaltung wolle man erreichen, dass die Kirche wieder zu einem lebendigen Treffpunkt wird, so Ratti.

Ein veraltetes Kirchenbild

Die Initianten wandten sich schliesslich an den Zürcher Theologen Matthias Krieg, der zum Thema Kirchennutzung geforscht hat. Bei der Neugestaltung einer Kirche sei so etwas wie eine Metapher wichtig, sagt Krieg. Im Buch Jesaja stiess er auf eine Stelle, in der beschrieben wird, wie Gott auf einem Berg ein Friedensmahl ausrichtet. «Dieses Bild schien mir auch für die Kirche Felsberg passend.»

Gestaltungsprojekt Felsberg

Im November 2020 stimmten die Evangelische Kirchgemeinde sowie die politische Gemeinde Felsberg einem Gestaltungsprojekt für die Kirche und den Friedhof zu. Vorgesehen sind unter anderem die Neugestaltung des Kircheninnenraumes mit einem massiven Tisch und ohne Bankreihen, ein Vordach über dem Kircheneingang, ein zusätzliches Nebengebäude, sowie Sanierungsarbeiten am Friedhof.

An den Gesamtkosten von insgesamt 1,7 Millionen Franken beteiligen sich neben der Kirchgemeinde die politische Gemeinde, die Bündner Landeskirche sowie Bund und Kanton. Weitere Unterstützung erhofft sich die Kirchgemeinde von Unternehmen, Stiftungen und Privatspenden. Dazu hat sie auf ihrer Website ein Crowdfunding gestartet. Die Kirche wurde zuletzt vor rund 70 Jahren renoviert. (no)

Ein Tisch anstelle von Bänken repräsentiere zudem ein zeitgemässeres Kirchenbild, so der Theologe. So stünden die starren Bankreihen ursprünglich für die Vorstellung einer Ecclesia militans, einer streitenden Kirche, wie sie im Pietismus aufkam. «Die Anordnung der Kirchenbänke entsprach der römischen Schlachtordnung, und in der Predigt erhielten die Gläubigen den Befehl, für Christus zu streiten. Das ist sicher nicht das Kirchenbild, das eine Mehrheit der Kirchenmitglieder heute vertritt», sagt Krieg.

Kirchenaustritte aus Protest

Ganz unangefochten ist das Projekt in Felsberg indes nicht. Zwar hat die Kirchgemeindeversammlung grünes Licht gegeben. Einzelnen Mitgliedern geht das Vorhaben aber zu weit. «Einige Leute finde es schade, dass die Bänke nun weichen und einem modernen Konzept Platz machen müssen. Wir hatten deswegen auch den einen oder anderen Austritt, aber auch Eintritte», sagt Ratti. Der Pfarrer ist überzeugt, auch traditionell orientierte Kirchenmitglieder ins Boot holen zu können. So werde der Tisch nicht fix installiert, sondern könne bei Bedarf umplatziert werden. «Das erlaubt uns, die Kirche auf Wunsch zu bestuhlen und zum Beispiel einen klassischen Predigtgottesdienst durchzuführen.»

Daneben will Ratti aber vor allem auch neue Gottesdienstformen erproben. Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, das Abendmahl mit den Menschen zusammen am Tisch zu feiern. Auch bei der Predigt könne er sich vorstellen, direkt am Tisch zu stehen. Noch bleibt Zeit, um weitere Ideen zu entwickeln. Bis Mitte August läuft ein Wettbewerb für die künstlerische Ausgestaltung des Innen- und Aussenbereichs. Der Start der Bauarbeiten ist für Jahr 2022 vorgesehen. Bereits im Herbst dieses Jahres will die politische Gemeinde den historisch gedeckten Treppenzugang zum Kirchenhügel renovieren.