Neue Kirchenformen

«Die Kirche muss sich neu erfinden»

Die junge Kirchgemeinde Zürich will sich in den kommenden Jahren stärker auf den urbanen Raum ausrichten. Dazu hat sie eine Studie über innovative Kirchenprojekte in Auftrag gegeben. Denn die traditionellen Kirchenformen würden immer mehr an Bedeutung verlieren, ist man überzeugt.

Die Kirchgemeinde Zürich will mit dem urbanen Wandel Schritt halten und neue Zielgruppen erreichen. (Bild: Keystone / Ennio Leanza)

Am Sonntagmorgen in den Gottesdienst und anschliessend ein gemütlicher Schwatz im Kirchenkaffee. Das stellen sich immer noch viele Menschen unter Kirche vor. Vor allem in den urbanen Zentren ist das kirchliche Leben aber längst vielfältiger geworden. In der Stadt Zürich sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte entstanden, die neue Formen von Kirche erproben.

Eine Bestandesaufnahme dieser Initiativen hat nun das Zentrum für Kirchenentwicklung im Auftrag der Kirchgemeinde Zürich erarbeitet. In dem Bericht «Vitale ekklesiale Vielfalt» werden insgesamt acht urbane Projekte vorgestellt, darunter so unterschiedliche Angebote wie das Stadtkloster, «Streetchurch» oder die Schwamendinger Ladenkirche. Grundlage der umfangreichen Studie waren Gespräche mit den Projektverantwortlichen sowie öffentliche Quellen wie Zeitungsartikel oder das Internet. Untersucht wurden unter anderem die Entstehung der einzelnen Initiativen, deren Angebote und Ressourcen sowie theologische Aspekte wie Gemeinschaft und Diakonie.

Neue Zielgruppen

Die Kirchenpflegerin Barbara Becker hat die Untersuchung als Projektleiterin begleitet. Für die neu entstandene Kirchgemeinde Zürich stelle sich die Frage, wie sie mit solchen innovativen Projekten umgehen soll, sagt sie. Denn diese würden in Zukunft zunehmend wichtig. «Die jüngeren Generationen sind mit den überkommenen kirchlichen Formen oft nicht mehr vertraut. Deshalb muss sich unsere Kirche jetzt schon neu erfinden», sagt Becker.

Allen Projekten gemeinsam ist, dass sie Zielgruppen ansprechen, die nicht zu den klassischen Gottesdienstbesuchern gehören. Die «Streetchurch» im Kreis vier zum Beispiel startete vor rund 18 Jahren mit Hip-Hop-Gottesdiensten für Jugendliche und junge Erwachsene. Über die Jahre entwickelten sich zahlreiche diakonische Angebote wie eine Sozialberatung, ein Programm zur Berufsvorbereitung oder begleitetes Wohnen.

Kirche in neuer Form will auch das «Zytlos» im Kirchgemeindehaus Enge im Kirchenkreis zwei sein. Das Angebot versteht sich als Gastronomiebetrieb und Coworking-Space in einem. Daneben finden in den Räumen aber auch Gottesdienste, Meditationen oder Achtsamkeitstrainings statt. Bewusst richtet sich das «Zytlos» nicht nur an Kirchgänger, sondern an die ganze Bevölkerung, wie auf der Webseite zu lesen ist.

Neubaugebiete als Herausforderung

Typisch für die neuen kirchlichen Räume sei, dass man sich in ihnen niederschwellig aufhalten könne, sagt Becker. Um neue Zielgruppen zu erreichen, brauche es aber Zeit. «Teilweise muss da erst Vertrauen aufgebaut werden, denn bei kirchlichen Angeboten gibt es immer noch eine Hemmschwelle.»

Laut Becker ist die Studie des Kirchenzentrums vor allem ein Instrument für die Kirchenkreise in der Stadt Zürich. Diese sollen so besser beurteilen können, welche Projekte zukunftsfähig sind. «In Zürich gibt es zum Beispiel viele Neubaugebiete, wo auf einen Schlag Tausende von Menschen zuziehen. Für die Kirchenkreise stellt sich dabei die Frage, wie sie diese Menschen erreichen können», sagt Becker.

Eine Kirchgemeinde für den urbanen Raum

Betriebswirtschaftliche Aspekte hätten in der Studie allerdings nicht im Vordergrund gestanden, betont Becker. «Wir wollten nicht einfach Köpfe zählen und die Projekte ausschliesslich aufgrund der Besucherzahlen bewerten», sagt sie. Vielmehr seien in der Studie vor allem theologische Kriterien angewandt worden. So habe man zum Beispiel danach gefragt, welche Rolle die Diakonie in einem Projekt spiele, wie Gemeinschaft gelebt werde oder wie gross die Lernbereitschaft der Beteiligten sei.

Mit der Untersuchung will die Kirchgemeinde das Bewusstsein für die neuen Formen von Kirche schärfen. In zweiter Linie gehe es auch darum, welche Projekte von der Kirchgemeinde gefördert würden, so Becker. Denn in Zukunft stünde den Kirchen allgemein weniger Geld zur Verfügung. «Deshalb brauchen wir ein gutes Instrument, um Projektanträge zu beurteilen». Wichtig sei die Studie aber vor allem für die weitere Entwicklung der jungen Kirchgemeinde Zürich, sagt Becker. «Wir wollen gesamtstädtisch denken und eine Kirchgemeinde für den urbanen Raum sein.»