«Kirche muss netzwerkartiger gedacht werden»

Seit zehn Jahren forscht das Zentrum für Kirchenentwicklung an der Kirche der Zukunft. Wie sie aussehen könnte und welche alten Zöpfe besser abgeschnitten werden sollten, erzählt die Theologische Geschäftsführerin Sabrina Müller im Interview.

Hilft Kirchen, ihre Zukunft zu gestalten: Sabrina Müller vom Zentrum für Kirchenentwicklung. (Bild: zvg)

Frau Müller, viele Kirchgemeinden übertragen wegen der Corona-Krise ihre Gottesdienste nun im Internet. Es findet sozusagen eine Zwangsdigitalisierung statt. Finden Sie das als Forscherin der Kirchenentwicklung gut?
Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Digitalisierung nun auch in der Kirche ausbreitet. Selbst bei jenen, die sich bis jetzt von ihr fernhielten. Wie sich Kirche im Digitalen zeigt und ob sie digital werden muss, wenn sie relevant sein will, wird in der Forschung schon länger untersucht. Gerade die neuen Formen von kirchlicher Gemeinschaft und Präsenz auf den sozialen Medien werfen viele theologische Fragen auf. Zum Beispiel: Wer hat die Deutungsmacht? Wie und welche Hierarchien zeigen sich, welche Form von Gemeinschaft entsteht da?

Wird dies die Kirche nachhaltig verändern?
Ja, ich denke schon. Dank den Erfahrungen, die nun mit ganz unterschiedlichen Onlinetools gemacht werden, wird man das Thema Digitalisierung nicht mehr länger ignorieren können. Es ist ein Thema, das auch im Religiösen noch an Bedeutung zunehmen wird. Das heisst aber nicht, dass nun in der Kirche alles digital stattfinden muss. Es wird Mischformen zwischen analogen und digitalen Angeboten geben.

Das Zentrum für Kirchentwicklung feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Wenn Sie zurückschauen, wie hat sich das Zentrum selbst entwickelt?
Das Thema Kirchentwicklung wurde gerade in neuerer Zeit wieder wichtig. Dabei hat sich gezeigt, dass sich Theorie und Praxis gegenseitig bereichern können. Zudem wurde klar, dass spezifische Forschung in diesem Bereich dringend gebraucht wird, wenn die Kirche zukunftsfähig sein will. Das Zentrum bietet hier eine gute Basis, auch für international vernetzte Forschung. Aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen und des öffentlichen Relevanzverlusts ist die Frage, wie die Kirche für die Gesellschaft wichtig sein und bleiben kann, aktueller denn je.

Und welche Antworten haben Sie auf diese Frage?
Prophezeien kann ich nicht, aber ein paar wesentliche Punkte benennen. Zum Beispiel bedeutet Kirche für alle nicht, dass alle am Sonntagmorgen in der Kirche sein müssen. Kirche muss kontextuell und manchmal auch kleinräumiger und netzwerkartiger gedacht und gelebt werden. Was hinderlich sein wird, sind starre Leitungsstrukturen, starre Kirchenbilder, starre Pfarrbilder, freudlose und entmutigte Mitarbeitende und eine hoffnungslose und negative Grundstimmung.

Sie beraten unter anderem Kirchgemeinden und Kirchenleitungen in Zukunftsfragen. Wie gehen Sie dabei konkret vor?
Wir denken mit ihnen über ihre Zukunft, ihr Selbstverständnis, ihre theologischen Inhalte und ihren Kontext nach. Oft werden dabei Unklarheiten aufgedeckt. Ich erlebe zum Beispiel immer wieder, dass vielen der Unterschied zwischen Tradition und Traditionalismus nicht klar ist. Will man sich verändern, ist es aber entscheidend, diese Begriffe nicht zu verwechseln.

Wie unterscheiden sie sich?
Vieles, was Kirchgemeinden für in Stein gemeisselt halten, ist nicht Tradition, sondern Traditionalismus. Dinge wie das Orgelspiel oder der Gottesdienst am Sonntagmorgen gehören nicht unveränderlich zur Kirche dazu. Unsere 2000 Jahre alte Tradition ist beweglich und kann und muss je nach Kontext neu interpretiert werden.

Stossen Sie bei Ihren Beratungen auf Widerstände?
In der Tat werden wir nicht immer gerne gehört, weil es auch unsere Aufgabe ist, kritische Fragen zu stellen. Religiosität und Glaube sind tief in der Identität der Menschen verankert. Oft werden deshalb die Formen, wie die Religiosität gelebt wird, zu etwas Heiligem gemacht. Da heisst es dann: Kirche kann nur in diesem Gebäude stattfinden, nur in einem bestimmten Musikstil oder in einer Predigt zum Ausdruck kommen.

Und das ist falsch?
Es wäre zumindest zielführender, die Gebäude, Musik und Kommunikationsformen so zu wählen, dass sie zu den Menschen und dem jeweiligen Kontext passen. Das bedeutet aber auch, dass sich kirchliche Gemeinschaftsformen logischerweise unterscheiden müssen. Je nach Zielgruppe, Altersstruktur und Milieuzugehörigkeit sehen sie anders aus. Die urbane Kaffeekultur schreit nach anderen Ausdrucksweisen gelebter Religion als diejenige der digital Affinen oder der aktiven Seniorinnengruppe.

Das klingt nach einem schwierigen Job.
Ja, aber es lohnt sich und macht viel Freude. Es würde jeder Kirchgemeinde oder Landeskirche gut tun, mal einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: In welche Richtung wollen wir uns eigentlich entwickeln? Welche Zukunftsperspektive haben wir? Und vor allem: Was ist unser Inhalt und unsere Mission?

Welche Antworten bekommen Sie, wenn Sie nach der Mission fragen?
Wenn ich die Kirchgemeinden frage, was sie zu ihren Kernaufgaben zählen, dann fangen sie an, ihre Angebote zu benennen. Sie verstehen sich als Service Public. Es gibt Landeskirchen, die, etwas überspitzt gesagt, die Durchführung von Beerdigungen zu ihrer Kernaufgabe erklärt haben. Wenn man an dem Punkt angekommen ist, dann kann man seine Kirche buchstäblich gleich begraben.

Was sollte die Kernaufgaben der Kirchen sein?
Die Kommunikation des Evangeliums. Ich sage explizit nicht Verkündigung, weil das nur ein Teil ist. Man muss sich fragen, wie man es schafft, das Evangelium so zu kommunizieren, dass Menschen an diesem Prozess partizipieren. Ich habe lange zu ganz unterschiedlichen kirchlichen Gemeinschaftsformen geforscht und bin zum Schluss gekommen, dass Kirche für mich persönlich die Zusammenkunft von Menschen um das Evangelium herum ist, in welcher Gestalt und zu welchem Zeitpunkt auch immer.

Welche Rolle spielt das Pfarramt, wenn es um die Zukunft der Kirche geht?
Pfarrpersonen habe eine zentrale Rolle. Doch viele Personen und Kirchenvorstände haben ein sehr starres Bild vom Pfarramt. Sie sehen den Pfarrer oder die Pfarrerin als Hirtin oder Seelsorger. Dabei gibt es sehr viele unterschiedliche Pfarrbilder. Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin ist eben zuerst einmal Theologe oder Theologin und nicht nur Verwalter oder soziale Animateurin. Gerade in der Ausbildung versuchen wir, den angehenden Pfarrerinnen diese Diversität zu vermitteln. Wir möchten sie zur Selbstreflexion befähigen und dazu ein eigenes Pfarrbild zu finden.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, welche Megatrends sehen Sie auf die Kirche zukommen?
Wie eingangs erwähnt, führt die Digitalisierung zu grossen Veränderungen. Sie wird zwar nicht unbedingt den Kern des Kirche-seins tangieren, aber einen Teil des Selbstverständnisses der Institution und Organisation von Kirche. So wird sich die Institution zum Beispiel je länger je mehr mit der Frage auseinandersetzen müssen, was es bedeutet und worin ihre Aufgabe besteht, wenn sie nicht mehr Deutungshoheit über das christliche Sinnsystem hat. Und Kirche als Organisation wird im Selbstverständnis in Frage gestellt sein, weil sich das religiöse Leben immer weniger organisieren lässt. Nicht nur im digitalen, sondern auch im analogen Raum wird sich die Kirche weiterentwickeln müssen.

Wo sehen Sie die Kirche in 20 Jahren?
Ich wünsche mir eine Kirche als diverses, vielfältiges und lebendiges Netzwerk, in dem unterschiedliche Formen von Glauben gelebt werden, und das sich für Gerechtigkeit und Ökologie, für Schwächere und für eine lebensfördernde gesellschaftliche Atmosphäre einsetzt. Zahlreiche Studien zeigen, dass Religion lebensdienlich und ein Resilienzfaktor ist. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Kirche auch in 20 Jahren relevant sein wird. Vielleicht werden sich die Formen oder Strukturen verändern, aber der theologische Inhalt wird bleiben. (bat)

Zur Person: Sabrina Müller (40) ist seit 2019 Theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung in Zürich. Sie promovierte in Praktischer Theologie an der Universität Zürich zum Thema Fresh Expressions of Church, Ekklesiologische Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung. Zuvor war Sabrina Müller als Pfarrerin in der reformierten Kirche Bäretswil im Kanton Zürich tätig.