In der Kirchgemeinde Straubenzell wird wieder gepredigt

Einen Monat lang hat das Pfarrteam der reformierten Kirchgemeinde Straubenzell in St. Gallen versuchsweise auf die Predigt verzichtet. Das Experiment zeigte: Viele Kirchgänger sind neuen Gottesdienstformen gegenüber aufgeschlossen. Ganz auf die Predigt verzichten wollen sie aber nicht.

Hat die Lust am Experimentieren entdeckt: Das Pfarrteam der Kirchgemeinde Straubenzell (v.l. Regula Hermann, Uwe Habenicht, Kathrin Bolt). (Bild: Kirchgemeinde Straubenzell)

Es ist der letzte Sonntag im Mai: In der reformierten Kirche Bruggen in St. Gallen versammeln sich rund fünfzig meist ältere Kirchgänger. Auch einige Familien mit Kindern sind gekommen. Es bilden sich kleine Gruppen, die sich angeregt unterhalten. Sie sei gespannt, was sich die Pfarrerin habe einfallen lassen, sagt eine ältere Frau zu ihrer Bekannten. Eine andere scherzt: «Hoffentlich wird es ruhiger als beim letzten Mal». Was die Kirchgänger heute erwartet, ist kein gewöhnlicher Gottesdienst. Pfarrerin Kathrin Bolt steigt an diesem Morgen nicht auf die Kanzel. Auch predigt sie nicht zur Gemeinde. Stattdessen betet und singt die Pfarrerin mit den Menschen, dazwischen legt sie Momente der Stille und Meditation ein.

Einen Monat lang verzichtete das dreiköpfige Pfarrteam der Kirchgemeinde Straubenzell auf die Predigt im sonntäglichen Gottesdienst. Ein Experiment, das durch einen Artikel der deutschen Theologin Hanna Jacobs im reformierten Magazin bref angeregt wurde. Jacobs vertrat die provokante These, dass die Zeit der traditionellen Predigt vorbei sei. Diese sei eine monologische Form der Verkündigung und damit nicht mehr zeitgemäss. Um ihre Inhalte zu vermitteln, müsse die Kirche vielmehr neue Formen suchen: «Je früher wir das als Kirche einsehen, desto mehr religiöses Leben können wir retten», so Jacobs.

Mit ihrer These löste die Theologin nicht nur empörte Leserreaktionen aus. In der Kirchgemeinde Straubenzell stiess sie damit auf offene Ohren. Nach intensiver Diskussion entschied sich das Pfarrteam um Kathrin Bolt, Uwe Habenicht und Regula Hermann, das Experiment zu wagen. «Wir wollten ausprobieren, ob ein Gottesdienst auch ohne Predigt funktioniert und wie das bei der Gemeinde ankommt», sagt Bolt. Dabei habe man bewusst nach dialogischen Formen gesucht. So konnten sich die Kirchgänger unter anderem an Stationen über Bibeltexte austauschen.

Gemischte Reaktionen

Nicht bei allen ist das gleich gut angekommen. An einer Pinwand in der Kirche notierten die Besucherinnen nach den Gottesdiensten ihre Eindrücke. «Es ist etwas hektisch gewesen», war da zu lesen, oder: «Super, dass ihr den Versuch gewagt habt!» Die Gestaltung dieser Gottesdienste sei «work in progress» gewesen, sagt Bolt. «Am Anfang sind wir in Aktivismus verfallen». Den letzten Gottesdienst habe sie deshalb bewusst ruhiger gestaltet.

Die Rückmeldungen der Besucher hat das Straubenzeller Pfarrteam systematisch gesammelt. Neben den Feedbacks auf der Pinwand trafen auch Kommentare per E-Mail ein. Sogar im Bus sei sie auf das ungewöhnliche Experiment angesprochen worden, sagt Bolt. Besonders gefreut habe sie, dass es kaum verärgerte oder gar gehässige Reaktionen gegeben habe. «Viele haben uns zu unserem Mut gratuliert, neue Wege zu gehen», sagt sie.

An der Tradition festhalten

Trotz des Lobs: Das Experiment machte deutlich, dass es vielen Gemeindemitgliedern schwerfällt, ganz auf die Predigt zu verzichten. Der Versuch sei zwar erfrischend, notierte ein Teilnehmer, «gleichzeitig bin ich froh, dass ihr die Predigt nicht ganz abschaffen wollt.» Ein anderer schrieb: «Es ist spannend, neue Wege zu gehen. Trotzdem: eine gute Predigt inspiriert mich allemal und eröffnet mir neue Perspektiven.» Andere hoben hervor, dass sie in der Predigt Ruhe, Besinnung und Anstoss zum eigenen Nachdenken fänden. Schliesslich gehöre das gesprochene Wort zur reformierten Tradition.

Dies war auch der Tenor an der Schlussdiskussion vom 24. Juni, zu der das Pfarrteam die Theologin Hanna Jacobs eingeladen hatte. Die meisten der rund zwanzig versammelten Gemeindemitglieder waren sich einig: Das Experimentieren mit neuen Gottesdienstformen ist zwar begrüssenswert – auch um mehr Menschen in die Kirche zu locken. Ein genereller Verzicht auf die Predigt kommt für sie aber nicht in Frage.

Mut für Neues

Gescheitert ist der Predigtverzicht für Pfarrerin Kathrin Bolt deswegen nicht. Sie sei überrascht gewesen von der grossen Resonanz, sagt sie. Auch die älteren Mitglieder seien dem Experiment mit Offenheit begegnet. «Dadurch ist ein echtes Gespräch in Gang gekommen». Genau dies sei letztlich das Ziel gewesen.

Das Pfarrteam kann sich vorstellen, auch in Zukunft sporadisch Gottesdienste ohne Predigt zu gestalten. Für sie persönlich seien diese vier Wochen sehr aufregend gewesen, sagt Bolt. Und schickt nach: «Mir hat diese Zeit Mut gemacht, weiterhin Neues auszuprobieren».