Fürsorgerische Zwangsmassnahmen

«Die Zeit im Heim hat mein ganzes Leben geprägt»

Markus Christen kam als uneheliches Kind in das katholische Kinderheim Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden. Für ungehorsame Zöglinge gab es sogar eine Gefängniszelle. Heute hat sich Christen mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt.
Markus Christen erlebte als Heimkind verbale und physische Gewalt. (Illustration: Jannis Pätzold)

«Für mich ist bis heute nicht ganz klar, warum man mich als Dreijährigen in ein Heim steckte. Viele Jahre später habe ich meine Geschichte recherchiert. Ich war das zweitjüngste von sieben Geschwistern. Angeblich soll ich entstanden sein, weil meine Mutter ‹über den Zaun gefressen› hat, das heisst, eine Affäre mit einem anderen Mann hatte. Mein Vater wollte kein uneheliches Kind in der Familie akzeptieren. So kam es, dass man mich in meinem Bürgerort Wolfenschiessen ins Heim gab.

Damals war ich nicht in der Lage, das zu verstehen. Erst mit dem Älterwerden spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Von den katholischen Ordensschwestern, die das Heim leiteten, erfuhr ich keinerlei körperliche Wärme oder Zuwendung. Nie wurde ich in den Arm genommen oder getröstet, wie ich es bei anderen Kindern sah. Stattdessen wurde ein hartes Strafregime geführt. Wenn wir Kinder ungehorsam waren, setzte es Ohrfeigen oder ‹Tatzen› auf die Handfläche.

Die härteste Bestrafung war, dass man eine Nacht in der Gefängniszelle verbringen musste. Das war ein Raum mit einem groben Wandverputz und einer Holzpritsche. Das Essen wurde durch eine Luke in der Tür gereicht. Ich war wie alle anderen öfter da drin, einmal für drei Tage. Es war immer eine düstere Situation in diesem sehr dunklen Verlies.

«Für das Schwänzen des Gottesdienstes bestrafte uns der Pfarrer mit Ohrenziehen.»
Markus Christen, ehemaliges Heimkind

Im Heim herrschte eine streng religiöse Zucht. Den Pfarrer sahen wir nie ohne seine schwarze Soutane. Schwänzten wir einmal den Gottesdienst, tauchte er sogleich auf und bestrafte uns mit Ohrenziehen. Von einer der Schwestern wurde ich auch belästigt und intim berührt. Diese Erlebnisse führten später dazu, dass ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin.

Etwas vom Schlimmsten für mich war, dass ich auch ausserhalb des Heims stigmatisiert wurde. Wir Heimkinder besuchten wie alle anderen die Dorfschule. Dort erlebten wir verbale und körperliche Übergriffe durch unsere Mitschüler. Beim Spielen wurden wir ausgeschlossen. Stellte sich ein Mitschüler einmal auf unsere Seite, wurde er gleich mitbestraft.

Anfang der 70er Jahre wurde das Kinderheim Wolfenschiessen geschlossen. Ich war damals noch nicht volljährig, also brauchte es eine Anschlusslösung für mich. So kam ich für drei weitere Jahre in eine Pflegefamilie. Dort behandelte man mich anständig, eine tiefere emotionale Beziehung entstand aber nicht.

Mit meiner Volljährigkeit hiess es, ich müsse jetzt selber weiterschauen. In Luzern fand ich meine erste eigene Wohnung. Ich machte den Führerschein und arbeitete als Bus-Chauffeur. Später zog ich nach Basel um, wo ich neben meinem Brotjob journalistisch für ein Lokalradio tätig war. Es war mir wichtig, neben meinem Hauptberuf noch etwas zu machen, das mich intellektuell forderte. Um den Job zu bekommen, musste ich als Nidwaldner erst Baseldeutsch lernen. Also hörte ich mir wochenlang Schnitzelbänke an.

«Im Heim hatte man uns vor allem Anpassung und Unterwürfigkeit eingetrichtert. Bloss nicht anecken, lautete die Devise.»
Markus Christen, ehemaliges Heimkind

Meine Zeit im Heim hat mein ganzes Leben geprägt. Die fehlende Liebe in der Kindheit machte es schwer für mich, verbindliche Beziehungen einzugehen. Das änderte sich erst, als ich mit Ende 40 meine spätere Frau kennenlernte. Lange fiel es mir auch schwer, zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen. Im Heim hatte man uns vor allem Anpassung und Unterwürfigkeit eingetrichtert. Bloss nicht anecken, lautete die Devise. Also schlängelte ich mich so durchs Leben.

Was ich im Heim auch nicht gelernt habe, war der Umgang mit Geld. Ich machte die Erfahrung, dass ich mit Geld auch Freunde hatte. Heute bin ich immer noch verschuldet. Mit Anfang 50 war ich schliesslich an einem Tiefpunkt in meinem Leben angelangt, als ich als Chauffeur einen Unfall verursachte und arbeitslos wurde.

Vor dem endgültigen Absturz bewahrten mich zwei Menschen: meine Frau und die Geschäftsführerin des Vereins Surprise. Ihnen beiden bin ich enorm dankbar. Bei Surprise bekam ich damals die Chance, soziale Stadtrundgänge in Basel zu leiten. Ich bekam grossartige Feedbacks, was mein Selbstwertgefühl stärkte. Ich merkte plötzlich: Ich habe bestimmte Fähigkeiten, die ich noch gar nicht gekannt habe. In acht Jahren habe ich rund 600 solcher Rundgänge durchgeführt.

«Es ist wichtig für mich, dass mein eigenes Leid und das aller anderen Betroffenen anerkannt wurde.»
Markus Christen, ehemaliges Heimkind

Heute bin ich mit meiner Vergangenheit ausgesöhnt, sie belastet mich nicht mehr so wie früher. Ich bin mit einer positiven Grundeinstellung unterwegs. Ein Schlüsselerlebnis war für mich die Aufarbeitung der Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Kanton Nidwalden. Es ist wichtig für mich, dass mein eigenes Leid und das aller anderen Betroffenen anerkannt wurde.

Mir ist auch bewusst: Im Vergleich mit anderen Betroffenen hatte ich noch Glück. Ich bin einigermassen rund durchs Leben gekommen. Viele Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sind komplett abgestürzt, alkoholabhängig geworden, in der Kriminalität oder auf der Strasse gelandet. Das blieb mir erspart.

Mit meinen Geschwistern hatte ich nur noch einmal Kontakt. Wir trafen uns im Säli eines Restaurants zum Essen. Ich merkte aber bald, dass von ihrer Seite keinerlei Empathie da war. Auch ich selbst habe nichts empfunden, weder Neid noch Groll. Da waren einfach keine Gefühle.»

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