«Die Pride ist ein guter Ort, um als reformierte Kirche Farbe zu bekennen»

Am 25. Zürcher Pride-Festival nahmen am Samstag auch reformierte Pfarrerinnen und Vikare mit einem Transparent teil. Über ihre Beweggründe spricht die Vikarin Priscilla Schwendimann, Initiantin der Aktion, im Interview.

Mit diesem Plakat nahmen reformierte Pfarrer, Vikarinnen sowie der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller (5. von rechts) an der Zürcher Pride teil. Mit dabei war auch Priscilla Schwendimann mit ihrem Schild «God Is Love In Rainbow Colors» (ganz rechts). (Bild: zVg)

Frau Schwendimann, Sie liefen am Wochenende mit einem Banner mit der Aufschrift «Christians for Diversity» an der Zürcher Pride mit. Wie kam es dazu?
Wir feiern in diesem Jahr drei Jubiläen, die in meinen Augen gut zusammenpassen. 25 Jahre Pride, 50 Jahre Stonewall (eine Serie gewalttätiger Konflikte zwischen Homosexuellen, Trans-Menschen und Polizeibeamten in New York, Anm. d. Red) und 500 Jahre Reformation. Bei all diesen Bewegungen ging und geht es um Aufbruch. Die Pride war ein guter Ort, um zu zeigen, dass die reformierte Kirche Farbe bekennt und dass sie für die Gleichstellung von LGBTIQ-Menschen einsteht.

Bemerkenswert ist, dass das Banner mit «Reformierte Kirche Schweiz» unterzeichnet war, die es in dieser Form als nationale Organisation gar nicht gibt. War dieses Label eine Provokation gegenüber der künftigen «Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz», die zum Beispiel beim Thema «Ehe für alle» noch um eine Position ringt?
Nein, überhaupt nicht. An der Aktion nahmen reformierte Pfarrerinnen, Theologen sowie Vikarinnen aus der ganzen Schweiz teil. Es wäre komisch gewesen, sie hinter ein Banner mit der Aufschrift «Reformierte Kirche Zürich» zu stellen. Deshalb kam mir die Idee, das Banner mit «Reformierte Kirche Schweiz» zu beschriften.

Wie kam die Aktion vor Ort an?
Sehr positiv. Das hat mich gefreut, schliesslich haben viele aus der LGBTIQ-Community keine guten Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Schön war auch, dass Kirchenratspräsident Michel Müller bei uns mitlief. Viele haben ihn erkannt und auch deshalb den Kontakt zu uns gesucht.

Wo sehen Sie beim Thema Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Transgender seitens der reformierten Kirche Handlungsbedarf?
Die reformierte Kirche von Zürich kennt seit 1999 die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Der Kirchenbund hat sich bereits 1996 positiv zum Partnerschaftsgesetz geäussert und 2005 in einem Thesenpapier seine Meinung theologisch begründet. Kirchenrechtlich hat sich also einiges getan. Wie es jedoch in den einzelnen Gemeinden aussieht, steht auf einem anderen Blatt, es gibt keine einheitliche Meinung zu diesem Thema, was auch der Vielfalt der reformierten Kirche entspricht. Ich wünschte mir jedoch, dass sich die reformierte Kirche proaktiver für LGBTIQ-Menschen einsetzt. Nicht, weil es besondere Menschen sind, sondern weil sie bis heute Benachteiligung und Diskriminierung erleben. Die Pride war hier ein erster Schritt.

Wie wurde die Aktion von reformierten Personen wahrgenommen?
Unser Mitlaufen an der Pride hat viele positive Reaktionen hervorgerufen, was mich freut. Etwas traurig gestimmt hat mich die Tatsache, dass es auch viele gab, die sich nicht trauten, dazu öffentlich Stellung zu nehmen und mitzulaufen. Das Thema ist bis heute ein «heisses Eisen» und in vielen Köpfen ist es Massstab dafür, zu welchem «theologischen Lager» man oder frau gehört. Das macht es nicht unbedingt einfacher.

Beim Thema «Ehe für alle» beispielsweise gehen die Positionen innerhalb der reformierten Kirche auseinander. Wie ist Ihre Haltung?
Man muss zwischen dem rechtlichen und dem kirchlichen Aspekt unterscheiden. Es ist sehr wichtig, dass homosexuelle Paare auf rechtlicher Ebene heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden; das hat nichts mit der Kirche, sondern mit dem staatlichen Recht zu tun. Homosexuelle haben zum Beispiel nach wie vor kein Anrecht auf Witwenrente. Das muss sich schleunigst ändern.

Und der kirchliche Aspekt?
Ich hoffe sehr, dass sich der Kirchenbund, sollte die zivilrechtliche Ehe Realität werden, für die kirchliche Ehe ausspricht. Wichtig ist mir, dass mit der Möglichkeit der kirchlichen Trauung kein Zwang für einzelne Pfarrpersonen entsteht, wie immer wieder gesagt wird. Im Gegenteil: Pfarrpersonen entscheiden immer noch selbst, ob sie homosexuelle Paare trauen wollen oder nicht. Natürlich wünsche ich mir von Herzen, dass die Mehrheit sich dafür entscheidet. Toleranz kann man jedoch niemandem aufzwingen.

Werden Sie auch nächstes Jahr an der Pride teilnehmen?
Das haben wir vor. Wir planen sogar einen Stand zu organisieren und hoffen auf mehr Teilnehmende.