Reformierte Pfarrer wollen «Ehe für alle» in ihrer Kirche

Während sich Bischof Vitus Huonder erneut in krude Äusserungen zur Homosexualität versteigt, sehen reformierte Pfarrpersonen im Kanton Zürich den Augenblick für eine «Ehe für alle» in ihrer Kirche gekommen.

Die reformierten Landeskirchen sollen die Türe zur kirchlichen Trauung auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnen, das fordern reformierte Pfarrpersonen im Kanton Zürich. (Bild: Facebook/«Jetzt die Ehe für alle öffnen»)

Nahm die reformierte Landeskirche Zürich in den 1990er-Jahren noch eine Vorreiterrolle ein, als sie eine Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare einführte, hat sich heute eher eine Haltung des Abwartens eingestellt. Egal ob kirchliche Exponenten eine «Ehe für alle» befürworten oder ablehnen, der Konsens lautet: Erst wenn auf nationaler Ebene die zivilrechtliche «Ehe für alle» kommt, sollen die reformierten Landeskirchen Stellung beziehen – und danach allenfalls die kirchliche Trauung für homosexuelle Paare öffnen. Dass die «Ehe für alle» schweizweit in naher Zukunft kommen wird, daran zweifelt allerdings kaum jemand mehr: Eine überwältigende Mehrheit sprach sich gemäss einer repräsentativen Studie für das Anliegen aus.

Anpassung der Kirchenordnung

In dieser Frage handeln, anstatt abwarten, wollen nun mehrere reformierte Pfarrpersonen. Von einer «Vorreiterrolle» spricht Pfarrerin Sibylle Forrer, sollte die Kirche unabhängig von einer staatlichen «Ehe für alle» von sich aus eine «kirchliche Trauung für alle» einführen. Forrer sprach im März dieses Jahres zum Thema «Ehe für alle» ein vielbeachtetes «Wort zum Sonntag». «Theologisch gesehen gibt es zwischen der aktuellen Segnungsfeier für gleichgeschlechtliche Paare und der kirchlichen Trauung keinen Unterschied», sagt Forrer. Eine Anpassung der Kirchenordnung in dieser Frage würde die Pfarrerin begrüssen.

Unterschied «nicht mehr tragbar»

Der Pfarrer Thomas Maurer ist Präsident der Liberalen Fraktion im Kirchenparlament und kann sich durchaus vorstellen, in absehbarer Zeit mit anderen Synodalen in dieser Frage eine Motion einzureichen. Auch für ihn ist die Unterscheidung von Segnungsfeier und Trauung «evangelisch-theologisch nicht stringent». Die Regelung sei damals ein Entgegenkommen an die konservativen Kräfte gewesen, «heute ist das aber nicht mehr tragbar». Einer Motion zu dieser Frage räumt er grosse Chancen ein: «Selbst Gegner einer Gleichstellung erkennen, dass in der Gesellschaft bei dieser Frage ein Wandel stattgefunden hat.» Zugleich kann er aber ein gewisses Verständnis aufbringen, dass es nach 2000 Jahren Ehe-Kulturgeschichte für viele konservative Menschen schwierig sei, den Begriff «Ehe» nun auch im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Paaren zu verwenden. Dennoch sei klar: «Es gibt nicht zwei theologisch-liturgische Eheverständnisse – ein Segen ist immer ein Segen.»

Kirche soll wieder Pionierrolle einnehmen

Für den reformierten Pfarrer und ehemaligen religiös-sozialen Synodalen Roland Diethelm eignet sich die «Trauung für alle» ideal, um als reformierte Landeskirche wieder in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden: «Innerkirchliche Reformprojekte in Ehren, aber es sind solche Fragen, welche die Menschen beschäftigen.» Die Kirche müsse bei Themen, wo sie auch etwas zu sagen habe, Antworten geben und endlich wieder eine Pionierrolle in der Gesellschaft einnehmen. «Auf den Staat warten ist keine Position», sagt Diethelm, der sich bereits mehrfach als «Blick am Abend»-Kolumnist zum Thema geäussert hat. Diethelm wünscht sich bei solchen Themen wieder mehr eine Reformierte Kirche, wie sie in den 1990er-Jahren der damalige Theologieprofessor Werner Kramer mitgeprägt hatte: «Sein Credo war zutiefst jesuanisch und immer mit einem gestaltenden Anspruch. Dabei wollte er die Ränder der Gesellschaft in die Mitte bringen.» Die heutige Segnungsfeier sei deshalb auch zu einem grossen Teil dem visionären Kramer zu verdanken. «Jetzt ist es aber Zeit, dass wir den nächsten Schritt gehen.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Oliver Demont/ref.ch