«Die Kirche muss sich mehr um sexuelle Vielfalt kümmern»

Mit der Abstimmung über die «Ehe für alle» wird sich die Kirche erneut mit Trauungen für homosexuelle Paare beschäftigen müssen. Genau damit setzt sich der Arbeitskreis für Zeitfragen in Biel auseinander, der ein Glossar zum Thema herausgegeben hat. Denn Sexualität sei für die Kirche ein zu wichtiges Thema, um es links liegen zu lassen, so Projektmitarbeiter Noël Tshibangu im Interview.

Ob die «Ehe für alle», queer altern oder Treue: Der Arbeitskreis für Zeitfragen in Biel will für die Sexualität in der Kirche eine Sprache finden.

Noël Tshibangu, warum hat der Arbeitskreis für Zeitfragen ein Glossar rund um die Trauung für alle herausgegeben?
Für viele ist es ein Begriffswirrwarr, was in den Medien und auf sozialen Plattformen zu lesen ist. Im Glossar erläutern wir die wichtigsten Begriffe: LGBTIQ etwa steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transmenschen und intersexuelle sowie queere Personen. Wir möchten damit die Realität und die Vielfalt abbilden. Zudem soll das Glossar Orientierung bieten und informieren. Es kommt leider immer noch vor, dass Schwule mit Pädophilen gleichgesetzt werden. Gerade Christen und Christinnen sollten solche Herabwürdigungen unterlassen.

Weshalb speziell Christen?
Weil Christinnen und Christen der Wahrheit, den Menschenrechten und der Nächstenliebe verpflichtet sind. Pädophilie ist ein Straftatbestand und hat nichts mit Homosexualität zu tun. Da sollten wir nichts vermischen. Ausserdem sind solche Aussagen sehr verletzend. Sprache transportiert immer auch Werte. Wie wir über Liebe, über den Körper, über Geschlechter und sexuelle Orientierungen sprechen, ist vielleicht wichtiger als unsere eigene Meinung. Im Christentum gilt die Liebe allen Menschen, unabhängig von der Lebensführung, und das soll sich auch in der Sprache spiegeln.

Wenn alle die Begriffe kennen und respektvoll miteinander sprechen, bringt das noch keine Lösung für die Trauung für alle. In der Kirche ist man sich darüber ja nicht einig.
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz hat sich klar dafür ausgesprochen. Wenn gewisse Kreise dagegen sind, dann ist das halt so. Die reformierte Kirche ist vielfältig, nicht uniform. Das Glossar will ausserdem keine Lösung bieten, sondern einen Beitrag zur Verständigung leisten. Wenn die Begrifflichkeiten klar sind, können die Leute in der Kirche immerhin vom Gleichen sprechen. Welche Schlüsse sie daraus ziehen, ist ihnen freigestellt. Aber die Aufklärung darüber ist so zentral, da muss in der Kirche noch einiges geschehen.

Was denn?
Wir sprechen sehr selten über Sexualität. Es ist immer noch ein Tabuthema. Man geht einfach davon aus, dass wir alle wissen, wovon die Rede ist. Wenn man nachfragt, wird aber schnell klar, dass dem nicht so ist.

«Es geht nicht darum, einander sexuelle Eskapaden zu erzählen, aber eine Sprache zu haben für das, was alle betrifft, was guttut oder wo Grenzen verletzt werden.»

Können Sie ein Beispiel nennen?
Viele definieren Sexualität als etwas, das mit den Genitalien geschieht. Dabei geht es vielmehr um Beziehungen, um Menschsein und Menschenwürde, zum Beispiel um die Fragen: Ist sexuelle Treue überholt? Wo beginnt Treue und wo hört sie auf? Darüber sollten wir sprechen können. Es geht nicht darum, einander sexuelle Eskapaden zu erzählen, aber eine Sprache zu haben für das, was alle betrifft, was guttut oder wo Grenzen verletzt werden. Sexualität muss viel weiter gefasst werden. Und genau mit solchen Fragen wollen wir uns beim Arbeitskreis beschäftigen.

Was genau tun Sie denn beim Arbeitskreis für Zeitfragen?
Wir wollen mit verschiedenen Projekten das Gespräch über Sexualität im kirchlichen Kontext fördern. So haben Luzia Sutter Rehmann und ich einen interdisziplinär zusammengesetzten Thinktank initiiert, der über das Thema nachdenkt. Wir haben fünf Videos unter dem Motto «Vorsicht Tabu» ins Netz gestellt und zusammen mit Geneva Moser Podcasts zum Thema «queer altern» produziert. Da wird etwa die Frage diskutiert, wie Altersheime den Bedürfnissen von LGBTIQ-Menschen gerecht werden können. Es geht uns aber nicht nur um Homosexualität oder um genitale Sexualität. Sondern wir wollen die Breite des Themas zeigen: Es gibt Beziehungsaspekte, juristische Aspekte, problematische Aspekte … all diese Fragen sind wichtig für die Kirche.

«In der Bibel wimmelt es von Geschichten, die sich um Liebe, Fruchtbarkeit, Beziehungsschmerz oder Freude an Sinnlichkeit drehen. Gott ist da mittendrin – nicht in einer sterilen jenseitigen Welt.»

Warum?
Wenn die Kirche diesen Bereich vernachlässigt, kümmert sie sich nicht ganzheitlich um den Menschen. In der Bibel wimmelt es von Geschichten, die sich um Liebe, Fruchtbarkeit, Beziehungsschmerz oder Freude an Sinnlichkeit drehen. Das ist eine bunte Palette von Menschlichem. Gott ist da mittendrin – nicht in einer sterilen jenseitigen Welt. Auch beim Thema Missbrauch muss man wissen, wie man über Sexualität oder allfällige Grenzüberschreitungen sprechen und den Opfern beistehen kann. Hinzu kommt: Wenn wir uns in der Kirche nicht damit beschäftigen, holen sich Christen und Christinnen ihre Informationen anderswo. Dort wird aber keine christliche Sichtweise vermittelt.

Zur Person

Noël Tshibangu ist Soziokultureller Animator und Fachperson Opferhilfe. Er arbeitet beim Arbeitskreis für Zeitfragen in Biel und ist dabei Co-Leiter des interdisziplinären Thinktanks «Sexualität im kirchlichen Umfeld». (mos)

Wie gehen Sie an diese Fragen aus christlicher Perspektive heran?
Wir werfen zunächst einmal Fragen auf: Ist Sexualität das, was in der Bibel beschrieben ist? Hat es Veränderungen gegeben? Gibt es ein Repertoire an Handlungsweisen, die für die ganze Menschheit für immer und ewig festgeschrieben sind? Wir glauben das nicht und wollen auf keinen Fall vorgeben, was man im Schlafzimmer tun und lassen soll. Sondern wir möchten Diskussionen anstossen und Leute dazu bewegen, über Sexualität nachzudenken. Die reformierte Kirche ist doch eine Bildungsreligion. Da dürfen wir auch in diesem Bereich noch dazulernen.

Wie gross ist das Interesse an Ihren Angeboten?
Es ist da, aber wir stossen auch auf Schwierigkeiten. Ich habe versucht, für den Podcast «queer altern» Altersheime für ein Interview zu gewinnen. Das war leider sehr schwierig. Die Institutionen haben uns lange warten lassen, gaben an, keine Zeit zu haben oder dass das Thema für ihre Bewohnerinnen keine Rolle spiele. Am Schluss fanden wir nur ein einziges Heim, das uns Auskunft geben wollte. Aber genau hier setzen wir an.