«Ehe für alle»

«Liebe ist Liebe – unabhängig vom Geschlecht»

Die IG feministische Theologinnen sagt in einem Positionspapier klar Ja zur «Ehe für alle». Gleichzeitig fordert die Gruppe eine Diskussion über Leihmutterschaft oder die negativen Aspekte des Ehebegriffs. Tina Bernhard-Bergmaier vom Vorstand erklärt, warum.

Männer sollen Männer und Frauen sollen Frauen heiraten dürfen – dafür plädiert die IG feministische Theologinnen. (Bild: Keystone / Britta Pedersen)

Frau Bernhard-Bergmaier, das Referendum gegen die «Ehe für alle» ist zustande gekommen. Wie beurteilt die IG feministische Theologinnen die Vorlage?
Eigentlich würden wir gerne über andere Fragen diskutieren als darüber, ob gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen oder nicht. Darauf läuft auch unser Positionspapier hinaus. Leider ist es nun aber so, dass wir über die Vorlage abstimmen werden, und da schien es uns wichtig, eine theologische Sichtweise beisteuern zu können. Mein Eindruck ist nämlich, dass sich viele Gegnerinnen und Gegner mit vermeintlich christlichen Argumenten oder aufgrund gewisser Bibelpassagen gegen die «Ehe für alle» aussprechen. Die IG feministische Theologinnen möchte hier Gegensteuer geben. Wir sagen klar Ja zur Öffnung der Ehe.

Welches sind Ihre zentralen Argumente?
Jesu wichtigstes Gebot war «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» – das hat für uns bis heute Gültigkeit. Liebe ist Liebe, ganz unabhängig vom Geschlecht. Zudem kommt Homosexualität, wie wir sie heute verstehen, in der Bibel gar nicht vor. Es geht nie um eine Beziehung zwischen zwei Menschen, in der Liebe, Vertrauen oder gegenseitige Verantwortung eine Rolle spielen, sondern immer nur um sexuelle Praktiken. Darum kann im Hier und Jetzt auch nicht auf Basis der Bibel gegen Homosexualität argumentiert werden.

Die IG feministische Theologinnen

Im Jahr 1991 wurde die IG feministische Theologinnen als ökumenisches Forum gegründet. Sie dient nach eigenen Angaben der Vernetzung feministischer Theologinnen und verfolgt das Ziel, die Anliegen feministischer Theologie in den Kirchen und in der Gesellschaft zu vertreten. Derzeit gehören der IG rund 160 Frauen an. Der Vorstand setzt sich zusammen aus Doris Strahm, Evelyne Zinsstag, Katharina Merian und Tina Bernhard-Bergmaier. (vbu)

In ihrem Positionspapier wirft die IG die Frage auf, ob man die Ehe überhaupt theologisch definieren soll. Können Sie das erklären?
Das war tatsächlich ein Punkt, über den wir lange diskutiert haben. Denn zunächst einmal ist die Ehe ein rechtliches Konstrukt. Das ist auch in der Bibel nicht anders: Es geht um Verantwortlichkeiten und Absicherung. Wir fänden es schwierig, wenn die Ehe theologisch überhöht oder als einzige Lebensform definiert würde, in der Christen und Christinnen leben können. Das sehen wir definitiv nicht so.

Gerade in feministischen Kreisen gilt die Ehe teilweise als alter Zopf. Warum überhaupt dieses Aufhebens darum?
Ich verstehe diese Stimmen. Als feministische Theologinnen finden wir die Ehe keine schlechte Institution, aber wir müssen sie auch kritisch betrachten. So wurde beispielsweile sexuelle Gewalt in der Ehe lange nicht verfolgt. Frauen mussten ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten gehen oder ein Bankkonto eröffnen wollten. Das sind Aspekte, die nichts mehr mit Absicherung zu tun hatten, sondern mit Unterordnung. Ich finde es problematisch, wenn sich Menschen dafür rechtfertigen müssen, dass sie nicht verheiratet sind. Wichtig ist doch, dass das Leben in Fülle stattfinden kann, dass alle Menschen sich so entfalten können, dass sie ihre Talente und Leidenschaften auf gute Art leben können.

Die reformierten Kirchen machen aktuell einen Unterschied zwischen Traufeiern für heterosexuelle und Segensfeiern für homosexuelle Paare. Ist das theologisch vertretbar?
Ein Segen ist ein Segen, und eine Traufeier bedeutet nichts anderes, als ein Paar zu segnen, das miteinander in Liebe und gegenseitiger Verantwortung unterwegs sein will. Insofern gibt es da theologisch gesehen keinen Unterschied.

Trotzdem wird einer gemacht: Kirchlich heiraten kann nur, wer auch zivilrechtlich getraut wurde.
Das ist historisch durch die Verknüpfung von Staat und Kirche bedingt. Dieses Zusammenspiel hat durchaus positive Seiten: Als reformierte Kirchen können wir auch deshalb wirken, weil der Staat uns Rechte gewährt und Pflichten auferlegt. In diesem konkreten Fall kann man das aber natürlich auch kritisch sehen. Wir müssen aufpassen, nicht schon dadurch zu diskriminieren, dass wir unterschiedliche Begrifflichkeiten verwenden. Worte haben Einfluss.

Die «Ehe für alle» ist mittlerweile breit akzeptiert. Bei vielen scheint aber eine Grenze erreicht, wenn Kinder ins Spiel kommen. Was entgegnen Sie jemandem, der sagt, ein Kind brauche Vater und Mutter?
Entscheidend ist doch, dass Kinder verlässliche Bezugspersonen haben, die für sie da sind. Welches Geschlecht diese haben, ist sekundär. Ausserdem ist es ja nie so, dass nur das Paar die Kinder grosszieht; auch Paten, Grosseltern, der Lehrer oder eine Trainerin in einem Verein können wichtige Bezugspersonen sein. Es gibt auch sehr viele Alleinerziehende, bei denen niemand nach dem Geschlecht fragt.

Zur Person

Tina Bernhard-Bergmaier wurde 1989 geboren, studierte evangelische Theologie und arbeitet seit Sommer 2019 als Pfarrerin in der Kirchgemeinde Gossau-Andwil. Sie ist ausserdem im Vorstand der IG feministische Theologinnen. Von sich selbst sagt sie, dass insbesondere der Kontakt «mit dem ganzheitlichen Ökofeminismus Ivone Gebaras eine Wende in ihrem theologischen Denken» bedeutete. (vbu)

Die Gegner argumentieren, dass mit der Samenspende für lesbische Ehepaare – anders als bei Einelternfamilien – die Vaterlosigkeit bewusst herbeigeführt und so institutionalisiert wird.
Ich würde dennoch das Kindswohl in den Mittelpunkt stellen. Ein Kind profitiert doch davon, wenn es verschiedene Bezugspersonen hat. Nochmals, wir argumentieren als IG feministische Theologinnen von der Liebe her, auch wenn das abgedroschen klingen mag. Und wir verstehen darunter mehr als nur die romantische Liebe. Es geht darum, Verantwortung für andere zu übernehmen, Freiräume zu schaffen, damit sich ein Kind entfalten kann. Diese Liebe ist nicht abhängig vom Geschlecht.

Ein weiteres Argument lautet, dass die jetzige Vorlage Tür und Tor öffnet für weitere Techniken der Fortpflanzungsmedizin. Was entgegnen Sie?
Aktuell sind Eizellenspende oder Leihmutterschaft in der Schweiz verboten; wenn man schaut, wer diese Techniken im Ausland in Anspruch nimmt, dann sind das mehr hetero- als homosexuelle Paare. Wir werden nicht darum herumkommen, das Thema als Gesellschaft breit zu debattieren. Ich verstehe nur nicht ganz, warum das immer auf dem Rücken von Homosexuellen geschehen muss.

In Ihrem Papier heisst es zum Thema Leihmutterschaft: «Klare Gebote könnten bei diesen Fragen auch zu menschenwürdigeren Verhältnissen führen als ein generelles Verbot.» Befürwortet die IG eine Öffnung in diesem Bereich?
Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir weder für noch gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft. Wir sind aber stark miteinander im Gespräch: Wie können die Beteiligten geschützt werden? Hat die Frau die Selbstbestimmung über ihren Körper? Was geschieht, wenn sie Schaden nimmt oder das Kind nicht gesund auf die Welt kommt? Das sind Fragen, die uns als feministische Theologinnen sehr wichtig sind. Wenn Menschen aufs Ausland ausweichen müssen, macht es das für sie sehr viel schwieriger – und wir als Gesellschaft in der Schweiz haben keinen Einfluss auf diese Aspekte. Deshalb muss das Thema endlich auf den Tisch. Und zwar unabhängig von der «Ehe für alle».