Die Gewissensfreiheit sorgt bei den Reformierten für Debatten

Reformierte Pfarrpersonen sollen die Trauung homosexueller Paare aus Gewissensgründen ablehnen dürfen. Konservative Stimmen zweifeln, ob diese Zusicherung wirklich eingehalten wird. Dagegen fordern Befürworter der Ehe für alle, Pfarrerinnen und Pfarrer in die Pflicht zu nehmen.

Warten auf die Ehe für alle: Während das Parlament erst noch über die Öffnung der Ehe entscheiden muss, hat sich die reformierte Kirche bereits dafür ausgesprochen. (Bild: KEYSTONE/Anthony Anex)

Rund einen Monat nach der Empfehlung des Kirchenbundes, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, gibt das Thema in der reformierten Kirche weiter zu reden. Für Diskussionsstoff sorgte es unter anderem in den Synoden der Landeskirchen. Im Fokus stand insbesondere die Frage, ob die Gewissensfreiheit für Pfarrpersonen auch wirklich gewährleistet werden könne.

An der St. Galler Synode forderte der Abgeordnete Hansurs Walder den Kirchenrat dazu auf, Sorge dazu zu tragen, dass die Kirche betreffend Ehe für alle pluralistisch bleibe. «Es geht mir darum, dass die St. Galler Pfarrerinnen und Pfarrer weiterhin zu ihren Überzeugungen stehen können – auch wenn diese nicht der offiziellen Haltung der Kirche entsprechen», sagt Walder.

Konkrete Anhaltspunkte, dass die Meinungsfreiheit in der St. Galler Kirche nicht mehr gegeben ist, hat der pensionierte Pfarrer aus Altstätten zwar nicht. Er befürchtet aber, dass Vertreter eines traditionellen Bibelverständnisses nach Einführung der Ehe für alle an den Rand gedrängt werden könnten. «Ich erwarte vom Kirchenrat, dass er umsichtig vorgeht und sicherstellt, dass andersdenkende Pfarrpersonen nicht ausgegrenzt werden – gerade auch beim Thema Ehe für alle.»

Positive Erfahrungen

Nicht teilen kann diese Bedenken der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. Er versichert: Pfarrpersonen, die keine Homosexuellen trauen wollen, haben keine Repressalien zu befürchten. Schmidt verweist auf Erfahrungen in der St. Galler Kantonalkirche. Dort werden bereits seit 2002 Segnungen für homosexuelle Paare durchgeführt. «Schon damals haben wir die Gewissensfreiheit eingeführt. Warum sollte sie jetzt plötzlich in Frage gestellt werden?», sagt er.

Grosses Konfliktpotential sieht Schmidt in der Frage ohnehin nicht. In der St. Galler Kirche seien in den siebzehn Jahren gerade mal fünf oder sechs gleichgeschlechtliche Paare gesegnet worden. «Zudem ist es höchst unwahrscheinlich, dass ein solches Paar ausgerechnet zu einem Pfarrer geht, der dies ablehnt», sagt Schmidt.

«Virtuelle Szenarien»

Sorgen um die Gewissensfreiheit macht man sich auch in der Aargauer Landeskirche. In einer Interpellation an den Kirchenrat forderte der Synodale Andreas Graber im Namen der Evangelischen Fraktion Aufschluss darüber, wie Pfarrpersonen von der Landeskirche unterstützt werden, wenn sie eine Trauung ablehnen. Graber befürchtet, dass nach einer zivilrechtlichen Öffnung der Ehe Druck auf diese Pfarrpersonen ausgeübt werden könnte. «Ein Pfarrer könnte schnell im Abseits stehen, vor allem dann, wenn auch noch die Medien eingeschaltet werden», sagt er.

Unbegründet findet diese Ängste der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg. Der Kirchenrat stehe klar hinter der Gewissensfreiheit für Pfarrerinnen und Pfarrer. «Wenn eine Pfarrperson ein homosexuelles Paar aus persönlichen Gründen nicht trauen will, suchen wir das Gespräch und sorgen für eine Stellvertretung», sagt er. Dass dies häufig der Fall sein wird, glaubt Weber-Berg aber nicht. «Wir konstruieren hier virtuelle Szenarien, die vermutlich gar nie eintreten werden.»

Pfarrpersonen in der Pflicht

Dass die Gewissensfreiheit einseitig als Bringschuld der Kirchenräte definiert wird, stösst aber auch auf Kritik. Der Zürcher Synodale Michael Wiesmann gehört zu den Befürwortern der Ehe für alle und ist Mitverfasser des Manifestes «Die Liebe hat den langen Atem». Wiesmann hält es für eine Notwendigkeit, dass Pfarrpersonen aus persönlichen Gründen eine Trauung – auch eines homosexuellen Paares – im Einzelfall ablehnen können. Mit ihrem Entscheid stünden sie aber auch in der Pflicht. «Die Gewissensfreiheit ist kein pauschaler Freifahrtsschein. Sie setzt voraus, dass eine Pfarrperson im konkreten Fall aus echter Gewissensnot handelt und bereit ist, sich auf einen Dialog mit allen Beteiligten einzulassen.»

Wiesmann begrüsst deshalb, dass eine Pfarrperson in der Zürcher Landeskirche die Trauung eines homosexuellen Paares nur in Rücksprache mit dem Dekan ablehnen kann. «Grundsätzlich sind alle Pfarrerinnen und Pfarrer an das Ordinationsgelübde gebunden. Das heisst, sie müssen begründen können, warum sie eine einzelne Amtshandlung nicht vornehmen wollen oder können.»

Ob eine echte Gewissensnot vorliege, müsse jeweils im Einzelfall geklärt werden, sagt Wiesmann. Er akzeptiere, wenn eine Pfarrperson aus persönlichen Gründen mit einer Trauung nicht klarkomme. Inakzeptabel sei hingegen, wenn Homosexualität pauschal verurteilt oder zur Sünde erklärt werde. «Eine solche Haltung hat bei Amtsträgern einer evangelischen Volkskirche nichts zu suchen.»