«Ehe für alle»

«Der Graben in der reformierten Kirche lässt sich nicht leugnen»

Reformierte Pfarrpersonen dürfen kirchliche Trauungen von gleichgeschlechtlichen Paaren ablehnen, wenn sie diese nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Im Interview erklärt der Aargauer Pfarrer Matthijs van Zwieten de Blom, was er daran problematisch findet und warum das Thema so polarisiert.

Ab Sommer 2022 sind in vielen Kantonalkirchen Trauungen von gleichgeschlechtlichen Paaren möglich.(Keystone/ Gaëtan Bally)

Herr van Zwieten de Blom, haben Sie schon einmal eine Amtshandlung aus Gewissensgründen abgelehnt?
Nein, bisher nicht. Einmal hatte ich bei einer Trauung ein ungutes Gefühl, weil ich mir manipuliert vorkam. Das ist mir aber erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden. Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, dass wir die Möglichkeit haben, eine Amtshandlung abzulehnen.

Warum?
Nehmen wir ein Beispiel: Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer wird angefragt, eine Person zu begleiten, die mit Exit aus dem Leben scheiden will. Das kann Seelsorgende an ihre Grenzen bringen, weil sie die Sterbehilfe nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Dank der Gewissensfreiheit haben sie die Möglichkeit, Nein zu sagen und eine Kollegin beizuziehen, die dazu bereit ist. Vorbehalte kann es auch bei einer Trauung geben.

Welche zum Beispiel?
Ich kann als Pfarrer den Eindruck haben, einer der beiden Eheleute gehe die Heirat nicht aus freien Stücken ein. Es kann auch sein, dass mich mit einem der Beteiligten eine persönliche Geschichte verbindet, vielleicht war ich selbst einmal in die Braut verliebt. Ich gehe davon aus, dass solche Fälle eher selten sind. Wenn Menschen um Begleitung bitten, hat man als Pfarrer den Wunsch, dies zu ermöglichen.

Zur Person

Matthijs van Zwieten de Blom (51) hat in Zürich und Amsterdam Theologie studiert. Seit zehn Jahren ist er Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Rein im Kanton Aargau. Zudem ist er Ausbildungspfarrer und Präsident des Aargauer Pfarrkapitels.

Die Gewissensfreiheit soll Pfarrpersonen auch bei der kirchlichen Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren zugestanden werden. Zurecht?
Grundsätzlich kann ein Pfarrer auch bei einer Trauung eines homosexuellen Paares ein schlechtes Gefühl haben. Handelt es sich um einen Einzelfall, geht das in Ordnung. Problematisch wird es, wenn die Gewissensfreiheit vorgeschoben wird, um solche Trauungen pauschal abzulehnen. In diesem Fall geht es nicht mehr um Gewissensnot, sondern um eine theologische Position, die Homosexualität kritisch oder ablehnend gegenübersteht.

Haben Sie Verständnis für Pfarrkollegen, die aus einer theologischen Position heraus kirchliche Trauungen von Gleichgeschlechtlichen ablehnen?
Da muss man stark differenzieren. Es gibt theologische Argumente gegen die «Ehe für alle», die in meinen Augen diskriminierend und homophob sind. Andere sind für mich eher nachvollziehbar, auch wenn sie nicht meinem theologischen Verständnis entsprechen. Zum Beispiel gibt es auch unter Reformierten eine Art von sakramentalem Verständnis von Ehe, das für mich zumindest diskussionswürdig ist. Deren Vertreterinnen berufen sich auf eine biblische Schöpfungsordnung und definieren die Ehe auf dieser Grundlage als etwas, das nur Mann und Frau betrifft. Das ist in meinen Augen nicht schon per se diskriminierend.

«Kollegen verweisen auf Bibelstellen, wonach Homosexualität ein sündiger Weg sei. Damit massen sie sich ein Urteil an, das nur Gott zusteht.»

Wo hört bei Ihnen das Verständnis auf?
Sobald im Zusammenhang mit Homosexualität der Begriff der Sünde ins Spiel kommt, ist für mich die Grenze erreicht. Leider verweisen Kollegen auf Bibelstellen, wonach Homosexualität ein sündiger Weg sei. Damit massen sie sich ein Urteil an, das nur Gott zusteht. Diese Haltung ist verletzend und hat dazu geführt, dass Homosexualität über Jahrhunderte als etwas Anrüchiges hingestellt wurde.

Kehren wir zurück zur Gewissensfreiheit. Im vergangenen Jahr ist die erweiterte Antirassismus-Strafnorm eingeführt worden. Sie stellt Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung unter Strafe. Steht die Gewissensfreiheit dazu nicht in Konflikt?
Das ist eine juristische Frage, die ich nicht abschliessend beantworten kann. Ich erkenne keinen Konflikt. Wenn sich die Reformierte Kirche dazu verpflichtet, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen, muss sie das als Institution sicherstellen. Konkret heisst das, dass eine Kirchgemeinde dafür sorgen muss, dass ein homosexuelles Paar in ihrer Kirche heiraten kann. Hingegen besteht kein Anspruch darauf, dass die Trauung von einer bestimmten Pfarrperson durchgeführt wird. Lehnt eine Pfarrperson ab, muss die Kirchgemeinde einen Ersatz stellen. Im Übrigen glaube ich nicht, dass das oft passieren wird.

Warum?
Die meisten Kolleginnen und Kollegen, die gegen eine Trauung von homosexuellen Paaren sind, stehen offen dazu. Sie werden wohl gar nicht erst angefragt. Hinzu kommt, dass es nur wenige gleichgeschlechtliche Liebende gibt, die sich so stark mit der Kirche verbunden fühlen, dass sie deren Segen für ihre Verbindung suchen. Und wenn doch, kennen sie bestimmt eine Pfarrperson, die bereit ist, die Trauung durchzuführen.

«Einen Konflikt offen auszutragen und um Wahrheit zu ringen, müssen wir in der Kirche erst lernen.»

Die weltweite Methodistenkirche steht wegen der Debatte über den Umgang mit Homosexualität kurz vor der Spaltung. Befürchten Sie eine ähnliche Entwicklung bei den Reformierten?
Der Graben zwischen konservativen und liberalen Positionen in der Reformierten Kirche lässt sich nicht leugnen. Differenzen gab es schon früher, aber erst in der Debatte über die «Ehe für alle» ist der Konflikt richtig aufgebrochen. Interessanterweise hat er sich am Thema Homosexualität entzündet und nicht an Fragen wie zum Beispiel dem Umgang mit Reichtum und Geld, die in der Bibel viel präsenter sind. Ob das zu einer Spaltung führt, dazu wage ich keine Prognose. Ich setze mich aber dafür ein, dass es nicht so weit kommt.

Wie könnte der Graben geschlossen werden?
Wenn ein Konflikt offen zutage tritt , bietet das die Chance, eine Debatte anzustossen. Im Kanton Aargau, wo ich Präsident des Pfarrkapitels bin, haben wir diese Diskussion begonnen. Wir üben. Einen Konflikt offen auszutragen und um Wahrheit zu ringen, das müssen wir in der Kirche erst lernen.