Weihnachtsgeschäft

«Der Black Friday führt nicht zum guten Leben für alle»

Mit dem Black Friday läutet der Detailhandel das Weihnachtsgeschäft ein. Allein an diesem Tag gibt die Schweizer Bevölkerung Hunderte Millionen Franken aus. Im Gespräch kritisiert Andrea Meier von der offenen Kirche Bern den «Konsumwahn».

Mittlerweile locken Geschäfte auch mehrere Tage vor und nach dem Black Friday Kundinnen und Kunden mit Rabatten an. (Bild: Stefan Borer/ Keystone)

Was ist falsch daran, sich am Black Friday etwas zu gönnen?
Andrea Meier: An diesem Tag wird der Konsum künstlich angekurbelt. Die Leute werden dazu verführt, Dinge zu kaufen, die sie weder brauchen noch wollen. Sie kaufen sie nur, weil sie so billig sind.

Was ist mit den Menschen, die sich Dinge kaufen, die sie brauchen, sich aber sonst nicht leisten können?
Wenn das Velo eines Kindes kaputtgegangen ist und die Eltern sich nur dank des Black Fridays ein neues leisten könnten, dann sollen sie das tun. Ich würde niemals sagen, das sei daneben. Das Problem ist, dass solche Aktionen dem «immer mehr und mehr» dienen.

Die Offene Kirche Bern hat sich bereits in den letzten Jahren am so genannten Kauf-nix-Tag beteiligt. Dieser soll ein Gegengewicht sein. Wieso unterstützen Sie das?
Mit dem Kauf-nix-Tag wird die ungesunde, übersteigerte Form des Konsums kritisiert. Als City-Kirche stellen wir uns immer wieder die Frage: Wie nehmen wir Stellung zum Konsum? Unsere Kirche an der Spitalgasse ist mitten in der Konsummeile Berns. Der Abend-, Weihnachts- oder Sonntagsverkauf sind Themen, die uns direkt betreffen. Wir schliessen uns zwar der Energie an, die in der Stadt herrscht, sagen aber: Weihnachten ist nicht nur Geschenke kaufen und Konsum. Mit dem musikalischen Adventskalender bieten wir den Menschen beispielsweise eine halbe Stunde Pause von der Hektik.

Zur Person

Andrea Meier ist katholische Theologin und Jugendarbeiterin aus Bern. Sie leitet seit zehn Jahren die Fachstelle Kinder und Jugend der katholischen Kirche Region Bern. Zudem engagiert sie sich seit vielen Jahren in der Offenen Kirche Bern und hat vor einem Jahr die Geschäftsleitung übernommen. Gemeinsam mit dem reformierten Pfarrer Andreas Nufer und vielen weiteren Engagierten hat sie Formate wie das Lichtermeer oder den Poetry-Slam-Event «Texten» ins Leben gerufen.

Viele Menschen setzen Konsum mit Glück gleich.
Es ist schön, wenn er ihnen Freude bereitet. Aber das legitimiert ihn nicht. Dieser Lebensstil verbraucht wahnsinnig viele Ressourcen. Er geht auf Kosten von Leuten auf der anderen Seite des Planeten oder auf der anderen Seite der Gesellschaft. In diesem Fall finde ich es in Ordnung, eine Spassbremse zu sein. Denn beim Kauf-nix-Tag geht es um eine Systemkritik. Wir leben in einem System, das viele Zwänge auf Menschen ausübt.

Wer trägt die Verantwortung für diesen Ressourcenverbrauch? Das Individuum oder das System?
Das individuelle Verhalten ist der Handlungsspielraum, den wir im System haben. Bei der individuellen Verantwortung gibt es für mich Abstufungen. Je grösser der Schaden, den man anrichtet, desto grösser ist auch die Verantwortung. Es geht nicht darum, den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie Turnschuhe kaufen. Für wichtiger halte ich die Systemkritik. Wie die Konzernverantwortungsinitiative gezeigt hat, ist der politische Weg jedoch sehr lang und kompliziert.

Der Black Friday und die Gegenbewegung

Der «Black Friday» stammt aus den USA. Am Tag nach Thanksgiving eröffnen Detailhändler traditionell mit Rabatten das Weihnachtsgeschäft. Mittlerweile folgen Geschäfte aus der ganzen Welt diesem Trend. Mit dem Cyber Monday – dem Montag nach dem Black Friday – kopierten zudem vorwiegend Online-Händler das Konzept.

Seit Jahren ist der Black Friday in Europa und Nordamerika für Detailhändler der umsatzstärkste Tag des Jahres. In der Schweiz gaben die Konsumentinnen und Konsumenten laut der Plattform Black Friday Deals in den letzten beiden Jahren jeweils 500 Millionen Franken aus.

Als Gegenbewegung entstand in Kanada in den 1960er Jahren der «Buy Nothing Day». Mit diesem wollen Umweltschutzorganisationen auf die Folgen des Konsums auf den Planeten und die Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Im deutschsprachigen Raum ist die Idee seit zwanzig Jahren bekannt. Vor mehreren Jahren lancierte die offene Kirche Bern gemeinsam mit NGOs in der Schweiz einen Kauf-nix-Tag.

Dieses Jahr finden verschiedene Aktionen statt. Public Eye organisiert am 26. November einen interaktiven Stadtrundgang. Die NGO will Interessierten aufzeigen, welche Handlungsmöglichkeiten sie haben, um dem Konsumwahn etwas entgegenzustellen.

Transition Bern und der Verein Burgfeld organisieren am 26. November einen Kurz-Workshop mit dem Titel «Sinnesreise statt Schnäppchenjagd» durch. Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten eine Einführung in die Themen Naturachtsamkeit und Tiefenökologie. Zusätzlich führen die beiden Organisationen am 29. November einen Upcycling-Workshop durch. Teilnehmerinnen und Teilnehmer können dabei aus alten Pullis und Jeans Kleidungsstücke für Kinder nähen. (pef)

Was lässt sich mit einem Kauf-nix-Tag konkret bewirken?
Eine Bewegung wie «Fridays-for-Future» allein stoppt den Klimawandel nicht, aber schafft Bewusstsein für Umweltanliegen. Es ist eine naheliegende Funktion der Kirche, das Geschehen zu beobachten und zu fragen: Habt ihr das gemerkt? Handelt es sich dabei um das gute Leben? Schliesslich ist eine der zentralen Aussagen des Evangeliums das gute Leben für alle. Und der Black Friday führt nicht dazu.

Sind sich die Leute dessen bewusst?
Es gibt immer sehr interessante Gespräche auf der Strasse. Die Leute unterliegen zwar den Systemzwängen, sind aber keine Schafe, die sich keine Gedanken machen. Viele sagen selbst: «Jetzt komme ich schon wieder mit einem Sack voller Dinge aus dem Geschäft, die ich gar nicht kaufen wollte.» So geht es mir auch. Schwieriger ist es, eine Veränderung des Handelns zu bewirken.

Was bräuchte es dafür?
Alternativen auszuprobieren ist eine interessante Option. Brockenhäuser und Tauschbörsen zu fördern, halte ich für vielversprechend. Es gibt Jugendliche, die sehr stark auf Secondhand setzen. Ein Hashtag auf Instagram lautet beispielsweise «normalizesecondhandgifts».

Was ist darunter zu verstehen?
Kleinkinder können Klötze erhalten, mit denen andere Kinder bereits gespielt haben. Das ist ihnen völlig egal. Aber es braucht Überwindung, etwas aus dem Estrich hervorzuholen und zu verschenken. Auch Repair-Cafés oder Bastelwerkstätte können Spass bereiten. Wichtig ist, sich immer wieder bewusst zu machen: Wo kaufe ich überall Sachen, die ich nicht brauche? Und welche Gegenstände kann ich im Kreislauf behalten, statt sie durch neue zu ersetzen?