«Unsere Gesellschaft kompensiert Stress oft mit Konsum»

In Bern organisiert die Offene Kirche einen Chouf-nüt-Tag: einen Tag, an dem nichts gekauft wird. Der Slogan solle provozieren, damit die Menschen ihr Konsumverhalten hinterfragten, sagt Projektleiterin Irene Neubauer.

Weniger kaufen, mehr hinterfragen: Am Chouf-nüt-Tag 2016 schoben konsumkritische Aktivistinnen Einkaufswägeli durch Bern. (Bild: zvg)

Frau Neubauer, Ihr Veranstaltungsflyer fragt: «Was kostet nichts und macht dich reich?» Was ist Ihre eigene Antwort darauf?
Schenken macht zum Beispiel reich. Das muss nichts kosten. Wir versuchen gerade angesichts der Vorweihnachtszeit konkrete Vorschläge zu machen. Was kann man schenken, das nicht auf Kaufen beruht? Man kann zum Beispiel Zeit schenken, indem man die Grossmutter besucht und Zeit mit ihr verbringt.

Gibt es Konsumgüter, auf die Sie persönlich verzichten könnten, es aber trotzdem nicht tun?
Meine Schwäche ist ein gewisses ästhetisches Bedürfnis. Ich kaufe gerne Kosmetika oder Blumen, um meine Wohnung schöner zu machen. Bei beidem achte ich jedoch auf die Herkunft der Produkte. Ich bewundere Menschen, die «reduce to the max» betreiben. Diese Leute reduzieren ihren Besitz zum Teil auf nur hundert Gegenstände. So betrachtet habe ich tonnenweise Zeugs, das ich nicht brauche.

Was raten Sie Menschen, die gerne einkaufen gehen und sich so «etwas gönnen»?
Mit unserer Aktion wollen wir zeigen, dass in unserer Gesellschaft Stress oft mit Konsum kompensiert wird. Am Chouf-nüt-Tag letztes Jahr schrieb jemand: «Lieber mit dem Velo an den Strand als mit dem Porsche zur Arbeit.» Das trifft etwas, das wir ansprechen wollen: Wie können wir die Arbeitswelt so gestalten, dass wir uns nicht mit Konsum für den Stress entschädigen müssen?

Am Chouf-nüt-Tag veranstalten Sie ein alternatives Programm. Das ist zwar gratis, aber irgendwer musste auch dafür zahlen. Widerspricht das nicht dem Sinn des Ganzen?
Wir bieten keine Unterhaltung an, sondern ein spielerisches Sensibilisierungsprogramm. Klar haben wir dafür einen Aufwand betrieben. Auch der Flyer kostete. Es geht uns jedoch nicht darum, überhaupt nichts zu kaufen. Wir müssen aber unsere Konsumgewohnheiten, die Produktions- und Vertriebsmethoden hinterfragen.

Wie entstand die Idee zum Chouf-nüt-Tag?
Wir sind Teil des internationalen «Buy Nothing Day». Er entstand in Kanada als Reaktion auf den «Black Friday», einen jährlichen Schnäppchen-Tag Ende November. Dort werden die Leute mit vermeintlichen Schnäppchen über den Tisch gezogen. Die sind nicht unbedingt billiger und vieles davon würden die Leute vielleicht ohne Schnäppchen-Preis gar nicht kaufen. Auf diesen krassen Konsum-Event brauchte es also eine krasse Reaktion. «Buy nothing» ist ein provokativer Anti-Slogan. Zeitlich passt der Aktionstag auch bei uns, weil mit dem Advent der grosse Kaufrausch anfängt. Und unterdessen schwappt der «Black Friday» auch zu uns rüber.

Wer interessiert sich für den Chouf-nüt-Tag? Sind das nicht ohnehin schon konsumbewusste Menschen?
Bestimmt. Aber ich war schon letztes Jahr erstaunt, wie viele Leute sich spontan auf ein Gespräch eingelassen haben und ein offenes Ohr für unser Anliegen hatten. Wer sich gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen will, geht halt einfach an uns vorbei.

Der Chouf-nüt-Tag findet schon das siebte Mal statt. Wie reagieren die Leute? Kennt man die Aktion unterdessen besser?
Die ersten drei Mal gab es am Chouf-nüt-Tag jeweils einfach eine 30-minütige Feier. Seither ist die Aktion gewachsen, mehr Organisationen arbeiten mit uns: unter anderem Public Eye, Décroissance, Gmüesgarte und Greenpeace. Sie sind gut vernetzt und verbreiten die Informationen. Am meisten freut mich, dass sich mit diesen Organisationen viele junge Leute am Chouf-nüt-Tag beteiligen. Die Sensibilität für das Thema ist auch bei den Jungen gross – oder vor allem bei den Jungen. Sie sind sehr engagiert.

Veranstaltungshinweis: Internationaler Chouf-nüt-Tag, 25. November 2017, 13 bis 17 Uhr, Heiliggeistkirche, Bern.