So legen reformierte Kirchen ihr Geld an der Börse an
«Der Protestantismus hat eine ambivalente Beziehung zum Kapitalismus.» Das sagte Rita Famos, Präsidentin der Evanglisch-reformierten Kirche Schweiz, kürzlich in einem Interview. Tatsächlich spiegelt sich diese ambivalente Beziehung auch in der Finanzstrategie vieler reformierten Landeskirchen wider. Zum einen verfügen sie oft über ein ordentliches Vermögen, zum anderen stehen sie vor der Herausforderung, ihr Geld möglichst rentabel, aber eben auch nachhaltig anzulegen.
Bis vor wenigen Jahren haben die Kirchen das Geld oft entweder auf dem Konto liegen lassen oder in Obligationen investiert. Da sich dort aber das Vermögen kaum vermehrt, überlegten sich die Verantwortlichen Alternativen. Einige Landeskirchen haben nun Gelder an der Börse angelegt.
Das Dilemma dabei: Auf dem Aktienmarkt werden auch Wertschriften von Unternehmen gehandelt, die ihr Geld damit verdienen, andere Menschen und die Umwelt auszubeuten. Deshalb haben viele Landeskirchen ein strenges Anlagereglement erarbeitet, das Inventionen in solche Firmen verbietet.
Ein solches Reglement hat zum Beispiel die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen (ref.ch berichtete). Demnach darf die Kantonalkirche nur dann Anlagen tätigen, wenn diese den sogenannten ESG-Kriterien genügen. Dieses Kürzel steht für «Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung» und definiert Standards für nachhaltige Anlagen. Das Reglement schreibt ausserdem vor, dass Anlagen menschenrechtskonform sein müssen. Zudem dürfe nicht in Branchen wie Rüstungsindustrie, Kernenergie oder Kohle investiert werden.
Gute Jahre gleichen die schlechten Zahlen aus
Unter Berücksichtigung dieser Strategie hat die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen ihr Vermögen laut Zentralkassier Herbert Weber zu gleichen Teilen in liquide Mittel und Anlagen investiert – rund 21,9 Millionen Franken in Obligationen und 2,1 Millionen Franken in Aktien. «Die Aktien wurden zum Marktwert bewertet und hatten 2022 einen nicht realisierten Verlust von rund 400'000 Franken», sagt Weber auf Anfrage von ref.ch.
Der Verlust besteht aktuell bloss auf dem Papier, real würde er erst dann werden, wenn die Landeskirche das Wertschriftenportfolio auflösen würde. Da solche Anlagen jedoch auf einen langen Zeithorizont ausgelegt sind, werden die Verluste unter dem Strich oft durch Geld aus Gewinnjahren ausgeglichen. Das ist auch in St. Gallen der Fall.
Auch die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich verfügt seit 2019 über ein neues Anlagereglement. Darin heisst es unter anderem: «Bei der Bewirtschaftung des Vermögens sind nebst finanziellen Kriterien soziale und ökologische Aspekte sowie Kriterien der Generationsgerechtigkeit und der guten Unternehmensführung (Governance) zu berücksichtigen.» Finanzielle Anlagen sollten gewünschte wirtschaftliche, gesellschaftliche und/oder ökologische Entwicklungen fördern.
«Mit diesen Grundsätzen hat die Landeskirche vier Vermögensverwalter beauftragt, die insgesamt 25 Millionen Franken investiert haben», sagt Dieter Zaugg, Leiter Ressourcen der Zürcher Landeskirche. Das Portfolio hatte im vergangenen Jahr ein Minus von 11,5 Prozentpunkten erzielt.
Keine Waffen, kein Tabak
Ethisches Investment haben sich auch die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo) auf die Fahnen geschrieben. Sie achten bei der Platzierung ihrer Finanzanlagen auf «Sicherheit und berücksichtigen kirchlich-ethische Grundsätze bezüglich Umwelt- und Sozialverantwortung», sagt Kommunikationsverantwortlicher Markus Dütschler. Anlagen in Waffenproduktion, Tabakindustrie oder solche, die mit Menschenverachtung oder Menschenrechtsverletzungen verbunden sind, würden vermieden. Das Anlagevermögen sei vergleichsweise gering, da die Anlagerichtlinien auf Werterhaltung statt auf Renditen abzielen. Auch RefBeJuSo musste im vergangenen Jahr einen nicht realisierten Verlust von 78'000 Franken hinnehmen.
Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat ihr Geld ebenfalls in Aktien und Obligationen investiert. Dafür hat sie der Berner Kantonalbank ein Vermögensverwaltungsmandat erteilt. Im Jahr 2021 hatte das Wertschriftenportfolio ein Volumen von 5,7 Millionen Franken. Dieses warf einen Gewinn von 247'000 Franken ab. Da die Rechnung 2022 von der Synode genehmigt werden muss, erläutert die EKS die Situation des Vorjahres 2021.
«Das Jahr 2021 lief aussergewöhnlich gut. Nicht jedes Jahr können wir solche Gewinne verzeichnen», sagt Sprecherin Michèle Graf-Kaiser. Auch die EKS setzt seit 2021 auf mehr Nachhaltigkeit bei ihren Finanzen. So hiess es im Bericht zur Jahresrechnung 2021: «Die EKS hat die Berner Kantonalbank beauftragt, Fondsanteile zu verkaufen und gemäss ihrer Anlagerichtlinie in nachhaltige Fonds umzuschichten.»
Ob und wie sich Nachhaltigkeit bei Investments finanziell lohnt, werden die kommenden Börsenjahre zeigen. Ideell dürften die Kirchen zumindest schon mal im Plus sein.