Mit Nachhaltigkeit zu stabilen Kirchenfinanzen?

Die reformierten Kirchen bereiten sich auf finanziell schwierige Zeiten vor. Im Zuge dessen setzen einige von ihnen auf nachhaltige Investments. Wie das genau funktioniert, erzählen Firmen, die seit Jahren in diesem Geschäft tätig sind.

Auch mit Aktien nachhaltiger Firmen lassen sich an der Börse solide Renditen erzielen. (Bild: Keystone / Laif / Tim Wegner)

Zwei Millionen Franken will die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen in den nächsten Jahren nachhaltig investieren. Das geht aus ihrem neuen Anlagereglement hervor, das die Synode vor wenigen Wochen verabschiedet hat. Laut Kirchenrat Heiner Graf, Leiter des Ressorts Finanzen und Immobilien, soll das Geld über das nächste Jahr von zwei auf Nachhaltigkeit spezialisierten Finanzinstituten angelegt werden.

«Es sind professionelle und erfahrene Firmen, die zeigen, dass nachhaltiges Anlegen genauso rentabel sein kann wie konventionelles», sagt Graf. Damit dies gelinge, müsse der Anlagezeitraum ein langer sein. «Mindestens zehn Jahre», sagt Graf. Ziel sei kein schneller Kursgewinn, sondern ein konstanter Dividendenertrag. Im Portfolio sollen gemäss Graf Aktien von Firmen vorkommen, «die umsichtig sind und hinter deren Werte wir als Kirche stehen können.»

Millionenbeträge zum Investieren

Vorwärts beim nachhaltigen Investieren macht auch die Landeskirche des Kantons Zürich. So hat der Kirchenrat im November 2019 ein neues Anlagereglement beschlossen. Im Frühling erfolgte die Ausschreibung für entsprechende Mandate bei acht Banken und Vermögensverwaltern. «Alle acht haben gute Offerten eingereicht», sagt Dieter Zaugg, Leiter Ressourcen der Landeskirche. Die Kirche habe davon fünf ausgewählt.

Grundsätzlich soll das bisher angelegte Volumen von neun Millionen Franken erhöht werden. «Gleichzeitig soll das Vermögen auf mehrere Verwaltungsmandate aufgeteilt werden, damit die Diversifikation gewährleistet ist», sagt Zaugg.

Dass die Kirchen ausgerechnet jetzt nach neuen Anlagemöglichkeiten suchen, ist kein Zufall. War es bisher gang und gäbe, das Geld entweder auf dem Konto liegenzulassen oder in Obligationen zu investieren, müssen heute vermehrt neue Optionen geprüft werden. Denn das Vermögen vermehrt sich auf dem Konto nicht mehr oder schwindet aufgrund der Minuszinsen gar (ref.ch berichtete). Die erwarteten Einbussen aufgrund der Corona-Pandemie sowie sinkende Mitgliederzahlen machen die Frage noch dringlicher.

Waffenhandel ein Ausschlusskriterium

Wie genau nachhaltiges Anlegen funktioniert, damit kennt sich Lukas Stücklin, studierter Theologe und Betriebswirtschafter, aus. Er ist einer der Gründer der Berner Invethos AG, die sich vor zwölf Jahren auf diese Art der Investments spezialisiert hat. «Als wir anfingen, waren wir Exoten», sagt Stücklin. Mittlerweile sei das nachhaltige Anlegen auch bei konventionellen Banken zum Trend geworden.

Wobei «nachhaltiges Anlegen» eine Allerweltsbezeichnung sei, die genauer umrissen werden müsse, sagt Stücklin. Bei Invethos würden für Firmen klare Ausschlusskriterien gelten: Wer etwa im Waffen- oder Suchtmittelhandel tätig ist, der kommt für uns nicht infrage.» Bei Rohstofffirmen sei man sehr zurückhaltend. Ausserdem würde man nur Vermögen betreuen, das steuerlich deklariert sei.

Zusammenspiel von Risiko und Rendite

Bevor das Geld angelegt werde, höre man den Kunden genau zu, um herauszufinden, was geht und was tabu ist. «Kirchen haben oft in ihren Anlagereglementen genaue Kriterien definiert», sagt Stücklin. Nicht immer sei es einfach, in diesem engen Rahmen ein entsprechendes Portfolio zusammenzustellen. «Sind etwa Tierversuche ein No-Go, kommt schon mal praktisch keine Pharmafirma infrage.» Dies wiederum schliesse dann einen grossen Anteil von Schweizer Aktienfonds aus, da diese in der Regel Titel grosser Pharmafirmen enthielten.

Trotz der höheren Hürden hätten sie in den vergangenen Jahren beweisen können, dass nachhaltiges Anlegen funktioniert. Grundsätzlich wolle auch Invethos Risiko und Rendite in Einklang bringen. Bei ihnen käme aber noch eine dritte Dimension hinzu: «Wir fragen nach dem Sinn und der Wirkung der Unternehmen, in die wir investieren», sagt Stücklin. «Damit haben wir auch bei der Rendite gute Erfahrungen gemacht.» Denn Umsicht bei Umwelt und Ressourcen können auf lange Sicht für Firmen ein Wettbewerbsvorteil sein.

Aktien nicht per se unethisch

Manche ihrer Kunden seien jeweils überrascht, wenn Invethos ihnen ein Aktienportfolio empfehle. «Es gibt zum Beispiel bei kritischen Anlegern das Vorurteil, dass Aktien ethisch schlechter seien als Obligationen. Aber das ist falsch.» Man müsse einfach genau hinschauen. Zudem habe man mit Aktien unter anderem an der GV ein Stimm- und Mitspracherecht. Aber auch in Immobilien könne nachhaltig investiert werden. Dann, wenn sie sozial genutzt würden und zum Beispiel Wohnungen für psychisch angeschlagene Menschen böten.

Stücklin erlebt, dass das Interesse am nachhaltigen Anlegen bei den Landeskirchen, aber auch Kirchgemeinden gestiegen ist. «Das freut uns, denn gerade sie können zum Vorreiter werden und zeigen, dass man auch mit nachhaltigen Anlagen gute Ergebnisse erzielen kann.»

Einhaltung von UN-Zielen

Auch die Zürcher Forma Futura Invest AG zählt wegen ihrer nachhaltigen Anlagestrategie Kirchen zu ihren Kunden. «Kirchenvertreter befassen sich seit vielen Jahren mit der Frage, was ethische und nachhaltige Vermögensanlagen auszeichnet», sagt Geschäftsführerin Antoinette Hunziker-Ebneter.

Sie selbst berücksichtigen bei den Anlagen einen Ansatz, in dem ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen. «Forma Futura investiert nur in börsenkotierte und finanziell solide Unternehmen, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen möglichst grossen Beitrag zur Steigerung der nachhaltigen Lebensqualität leisten», sagt Hunziker-Ebneter.

Dazu gehören auch die Förderung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die das Beenden von Hunger und Armut, die Gleichheit der Geschlechter oder den Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen beinhalten. «Wer Geld anlegt, trägt Verantwortung dafür, wohin es fliesst», ist Hunziker-Ebneter überzeugt.

Risikoprofil erarbeiten

Speziell an der Zusammenarbeit mit Kirchen sei, dass Entscheidungen oft mehrere Gremien durchlaufen, wo durchaus unterschiedliche Auffassungen über Anlagekriterien und Prioritäten vertreten werden können. Zudem seien periodische Wechsel von Verantwortlichen – zum Beispiel in der Kirchenpflege – die Regel. «Nebst administrativen Anpassungen können sich damit auch neue Schwerpunkte bei den Anlagen ergeben, die wir jeweils aufgreifen und umsetzen wollen», sagt Hunziker-Ebneter.

Bei der Beratung selbst frage Forma Futura die Gesprächspartnerinnen, was ihnen beim Anlegen in Bezug auf Nachhaltigkeit besonders wichtig sei. Gemeinsam erarbeite man dann ein Anlage- und Risikoprofil und zeige dazu ein Beispiel anhand eines anonymisierten, bestehenden Portfolios auf.

Ob die nachhaltige Anlagestrategie der St. Galler und Zürcher Landeskirchen erfolgreich sein wird, werden erst die kommenden Jahre zeigen. Denn in einem sind sich Finanzexperten einig: Ob nachhaltig oder nicht – wer eine konstante Rendite haben will, der sollte sein Geld langfristig anlegen.