Ende der Credit Suisse

«Wir klagen nicht an»

Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), warnt nach dem Niedergang der Credit Suisse vor einer «Kultur der Empörung». Jetzt mit dem Finger auf die Grossbank zu zeigen, sei falsch, meint Famos.

Die Kirche soll keine moralisierende Haltung einnehmen, findet EKS-Präsidentin Rita Famos. (Bild: Desirée Good)

Frau Famos, was sagen Sie zum Ende der Credit Suisse?
Die Credit Suisse ist ein wichtiger Arbeitgeber in diesem Land. Ich denke an die Menschen, die in einer solchen Ungewissheit zur Arbeit gehen müssen. Und ich stelle mit Schrecken fest, dass einzelne Wirtschaftsakteure so gigantisch werden können, dass sie unsere gesamte Wirtschaft gefährden und die Politik umkrempeln.

Ist es nicht skandalös, dass der Bund Milliarden Franken für Banken zur Verfügung stellt, während die Menschen mit steigenden Lebenskosten zu kämpfen haben?
Ich kann verstehen, dass eine solche Summe bei vielen Menschen für Unverständnis sorgt. Aber sie stellt nur eine Garantie dar. Das Geld wurde nicht ausgegeben. Und es stammt nicht aus den Sozialversicherungen. Wir sollten den Sozialstaat nicht gegen die Wirtschaft ausspielen. Beide sind für den sozialen Frieden und den Wohlstand unseres Landes unabdingbar. Wäre die Credit Suisse bankrott gegangen, wäre das für die Schweizer Bevölkerung viel schlimmer gewesen. Der Fall zeigt uns jedoch, wie eng Fragen der wirtschaftlichen Freiheit, des Vertrauens und der Gerechtigkeit zusammenhängen.

Bräuchte es der protestantischen Ethik zufolge Reformen beim Finanzplatz?
Es ist zu einfach, mit dem Finger auf einzelne Akteure zu zeigen. Die Kirche sollte keine solche Haltung einnehmen. Es ist in erster Linie das System, das infrage gestellt wird. Und seien wir ehrlich: Die Schweiz gehört zu den Ländern, die von diesem System profitiert haben. Es ist an der Allgemeinheit, politisch zu entscheiden, wie viel Macht sie den Grossbanken geben will. Jetzt gibt es in der Schweiz eine riesige Bank. Sie stellt ein grosses Risiko dar, das wir alle gemeinsam tragen müssen. Klare rechtliche Regeln sind notwendig, um zu verhindern, dass sich eine solche Situation wiederholt.

Zur Person

Rita Famos ist seit zwei Jahren Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und die erste Frau in dieser Funktion. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde sie in ihrem Amt bestätigt. Famos stammt aus dem Kanton Bern. Nach dem Theologiestudium in Bern und den USA war sie lange Gemeindepfarrerin in Uster, wo sie nach wie vor lebt. Sie ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter und einen erwachsenen Sohn. (jow)

Gibt es noch einen Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und Kapitalismus?
Der Protestantismus hat eine ambivalente Beziehung zum Kapitalismus, die seit Max Weber (deutscher Soziologe und Autor von «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus») diskutiert wird. Aus der Perspektive der protestantischen Ethik dürfen wir keine quasi-göttliche Haltung einnehmen und allen sagen, was richtig ist. Wir sind Teil dieser Welt und dieser Wirtschaft, wir profitieren von ihr und manchmal leiden wir unter ihr. Aber wir klagen nicht an.

Welche ethischen Herausforderungen bringt diese Krise mit sich?
Wir haben 2008 gelernt, wie wir einen weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch verhindern können. Unsere Fähigkeit, präventiv zu handeln, ist hingegen nach wie vor unzureichend. Jetzt suchen alle nach Schuldigen. Dieser Kanon der Empörung verhindert, gemeinsam über Werte und Leitlinien nachzudenken, die es braucht. Die Seelsorge lehrt uns, dass es leichter ist, Fehler zu bekennen und in einem Klima des Vertrauens Veränderungen herbeizuführen. Die «Kultur der Empörung» schafft nur Sündenböcke, ohne eine echte Lösung zu bieten.

Welche Haltung soll die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz denn vertreten?
Für mich sind nicht so sehr Erklärungen oder Forderungen wichtig. Die Kirche spielt eine wichtige Rolle in der Zivilgesellschaft. Sie sollte darauf achten, dass die Risiken für die Zivilgesellschaft in einem angemessenen Gleichgewicht zu den Möglichkeiten der politischen und sozialen Teilhabe stehen.

Hat die EKS Geld in die Credit Suisse investiert?
Nein, die EKS besitzt keine Aktien der Credit Suisse.

Welche Investitionspolitik verfolgt die EKS?
Die EKS hat die Berner Kantonalbank damit beauftragt, ihren bescheidenen Aktienbesitz zu verwalten.

Dieses Interview ist im Original auf protestinfo.ch erschienen, dem Westschweizer Pendant der Reformierten Medien.