Zwischen Rendite und Moral

Aufgrund der Minuszinsen sind Landeskirchen vermehrt gezwungen, ihr Geld in neue Anlagemodelle wie etwa Aktien zu investieren. Dabei wollen sie sich an ethische Standards halten. Eine Gratwanderung, die manche Kirchen zurzeit viel Geld kostet.

Wie soll die Kirche ihr Geld investieren? In Deutschland hat die EKD bereits Richtlinien zum ethischen Anlegen ausgearbeitet. Auch in der Schweiz treibt die Frage viele Finanzverantwortliche um. (Bild: Alamy Stock Photo)

Die Finanzverantwortlichen der reformierten Landeskirchen stehen vor grossen Herausforderungen. War es bis jetzt gang und gäbe, das Geld entweder auf dem Konto liegenzulassen oder in Obligationen zu investieren, müssen sie heute vermehrt neue Optionen prüfen. Denn das Vermögen vermehrt sich auf dem Konto nicht mehr oder schwindet aufgrund der Minuszinsen gar.

Doch wie schwierig es für Kirchen ist, ihre Anlagestrategie zu wechseln, zeigte jüngst ein Beispiel aus St. Gallen. Dort schlug der Kirchenrat der evangelisch-reformierten Landeskirche im Sommer der Synode vor, den Überschuss aus der Jahresrechnung 2018 als sogenannte Wertschwankungsreserve zu verwenden. Weil die Zinserträge bei Anlagen des Eigenkapitals eingebrochen waren, regte die Geschäftsprüfungskommission an, die Anlagestrategie der Kantonalkirche zu überdenken und alternative Anlagemöglichkeiten zu prüfen. Für ein Engagement am Aktienmarkt sei jedoch eine finanzielle Reserve unerlässlich, hiess es an der Synode.

Aktien des Teufels?

Aktien und Kirche? Das kam bei einigen Synodalen gar nicht gut an. Zwar stimmte die Synode der Verwendung des Geldes als Wertschwankungsreserve zu, beauftragte den Kirchenrat aber gleichzeitig, ein Anlagereglement auszuarbeiten und der Synode vorzulegen.

«Wir waren von der Intensität der Diskussion überrascht», sagt Heiner Graf, St. Galler Kirchenrat und Unternehmensberater. In der Vergangenheit habe man das Geld in Obligationen angelegt. Das Thema «Anlage in nachhaltige Unternehmen und Institutionen» sei bei Obligationen nie aufgekommen. «Bei den Aktien ist diese Sensibilität offenbar viel höher.»

Nun sei man daran, zusammen mit einem Gremium eine neue Anlagestrategie auszuarbeiten – inklusive der Kritiker aus der Synode und Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien. Graf gibt zu, dass das nicht ganz einfach ist. «Wir möchten in etablierte nichtzyklische Unternehmen investieren, um das Risiko gering zu halten. Gleichzeitig sollen diese Unternehmen hohe ethische Standards einhalten.»

Hoffen auf einen Mittelweg

Ginge es nach Graf, würde er das Geld am liebsten in Anlagefonds investieren, die Aktien von grossen Unternehmen wie Nestlé oder Novartis enthalten. Dabei sei zu beachten, dass das Geld langfristig – also über zehn Jahre – angelegt ist. So könnten Kursschwankungen gut ausgeglichen werden.

Insgesamt zwei Millionen Franken möchten die St. Galler investieren. Graf sagt, dass diese Summe im Vermögensverwaltungs-Business kein grosser Betrag sei. Den Vorschlag aus der Synode, dieses Geld in Immobilien zu stecken, lehnt der Kirchenrat ab. «Wir müssen liquide sein und das Geld wenn nötig zur Verfügung haben.»

Graf ist nun gespannt, auf welche Strategie man sich im Gremium einigen kann. «Ich hoffe, dass wir einen Mittelweg finden.» Spannend sei die Diskussion schon. «Ob man bei den kirchlichen Pensionskassen dann auch genauer hinschaut?», fragt sich Graf.

Verbot von Aktien

Auch bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn steht man vor ähnlichen Problemen wie in St. Gallen. Als man durch den Verkauf des GWATT-Zentrums bei Thun im Jahr 2008 zu einem grösseren Vermögen kam, musste eine Anlagestrategie her.

Damals wurde beschlossen, dass das Geld sicher, werthaltig und unter Einhaltung kirchenethischer Grundsätze angelegt werden soll. Gewinne standen dabei nicht im Fokus. «Wir haben das Geld vorwiegend in Obligationen investiert. Damals waren aber noch Zinsen bis 2,5 Prozent möglich», sagt Roger Wyss von der  Fachstelle Finanzen der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.

Mittlerweile werfen die Obligationen kaum mehr Rendite ab. Daher würden auslaufende Obligationen nicht in neue Obligationen reinvestiert. Der Synodalrat halte trotz des veränderten Zinsumfeldes an seiner Anlagestrategie fest, weshalb aus Gründen der Sicherheit und kirchenethischer Grundsätze Investitionen in Aktienfonds grundsätzlich weiterhin ausgeschlossen sind. «Die Ethik wurde klar über die Rendite und aufgrund der Negativzinsen auch über die Werthaltigkeit gestellt», sagt Wyss. Das heisst: Die Zinsen lassen das Vermögen schrumpfen.

Neues Anlagereglement in Zürich

Herausfordernd ist die Situation auch in der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Über Jahrzehnte wurde in Anlagen wie Obligationen und Aktien, früher auch in Festgelder investiert.

Doch nun zwingen Negativzinsen die Kirche zum Handeln. Deshalb hat man ein neues Anlagereglement erarbeitet, das noch diesen Herbst im Kirchenrat diskutiert werden soll. «Darin spielen Aktien klar eine Rolle. Sie sind eine wichtige Säule in jedem Anlageportfolio», sagt Dieter Zaugg, Leiter Ressourcen der Landeskirche Zürich.

Insgesamt neun Millionen Franken beträgt das heutige Anlagevolumen. «Die Hauptschwierigkeit besteht darin zu wissen, was man will. Schliesslich legt man Steuergelder an, bei denen kein Verlust gemacht werden darf», sagt Zaugg. Weiter wolle man sein Geld auch nach ethischen Standards anlegen. In Zürich habe man sich an den Richtlinien des Arbeitskreises kirchlicher Investoren der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD, siehe Kasten) orientiert. «Die halten wir für sinnvoll, weil sie pragmatische Wege aufzeigen», sagt Zaugg.

So werden unter anderem klare Ausschluss- und Positivkriterien definiert, an denen sich die Anlagestrategie ausrichten kann. «Klar ist zum Beispiel, dass Firmen, die mit Waffen handeln, ausgeschlossen werden», sagt Zaugg. Interessant seien dagegen unter anderem Investition im «Microfinancing», in dem Kleinkredite an nachhaltige Projekte in Entwicklungsländer vergeben werden. «So oder so ist klar, dass jetzt etwas passieren muss.»

Expertin rät zu klaren Regeln

Dass eine Kirche nicht in Aktien investieren dürfen soll, findet Marion Pester, Leiterin des Instituts für Wealth & Asset Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Spezialistin beim Thema nachhaltiges Anlegen, für «nicht angemessen». «Aktien sind aus ethischer Sicht nicht per se schlecht. Es gibt für Kirchen durchaus nachhaltige Anlagestrategien, in denen auch Aktien und weitere Anlageklassen eine Rolle spielen können», sagt Pester.

Allerdings seien Aktieninvestments grundsätzlich risikoreicher als Investments in Obligationen. Auch eine übermässige Konzentration auf bestimmte Branchen sei aus Gründen der Diversifikation nicht empfehlenswert.

Regelmässige Überprüfung wichtig

Wichtig sei, dass die Kirche vor der Investition klare Regeln festlegt, in welche Firmen mit welchen Werten sie investieren will – und vor allem, in welche nicht. Bei der Entwicklung eines solchen Nachhaltigkeitsfilters und der Auswahl eines geeigneten Anbieters könne man sich beraten lassen. «Wir von der Hochschule bieten sowas beispielsweise an.» Dann lasse man sich von einem Finanzexperten ein entsprechendes Portfolio zusammenstellen.

Dieses Portfolio müsse gemonitort und aktiv betreut werden. Das heisst: Sollte eine der Firmen zum Beispiel plötzlich in einen Skandal verwickelt sein, der den Titel für die Kirche nicht mehr tragbar macht, sollte der Titel aus dem Portfolio entfernt und ersetzt werden. «Man könnte sich überlegen, ob die Schweizer reformierten Landeskirchen gemeinsam ein solches Portfolio aufbauen sollten», schlägt die Expertin vor.