Vereinigte Staaten

«Es ist hochriskant, Jesus als politischen Philosophen zu lesen»

Nach einem politischen Attentat in den USA vertiefen sich die Gräben in der Gesellschaft. Theologe und Ethiker Frank Mathwig über den Umgang mit dem Tod eines Menschen, den viele als Feind ansahen.
Der US-Polit-Influencer und Gründer einer konservativen Jugendbewegung Charlie Kirk war bekannt für seine Debatten, für die er jeweils einen Uni-Campus besuchte und mit Studierenden diskutierte. Auf dem Bild verteilt er Maga-Mützen, kurz bevor er von einem Attentäter erschossen wird. (Screenshot: Youtube.com/ dst)

Vergangene Woche wurde in den USA der Influencer Charlie Kirk ermordet. Im republikanischen Lager wird er postum als Verfechter der freien Rede und konservativer Werte gelobt. Seine Kritiker streichen dessen rechtsextreme, misogynen, homophoben und verschwörungstheoretischen Ansichten heraus. Kirk soll viele junge Wähler überzeugt haben, Trump zu wählen und grossen Einfluss auf politische Entscheide des US-Präsidenten gehabt haben.

Herr Mathwig, wie reagiert man angemessen auf den Tod eines Menschen, dessen Taten und Äusserungen mutmasslich zu grossem Leid geführt haben?
Frank Mathwig: Die Frage ist falsch gestellt. Richtig müsste sie lauten, ob die Reaktion auf den Mord an einer Person davon abhängen sollte, wie ihr Verhalten beurteilt wird. Die Frage unterstellt, dass eine Person derart schlecht handeln kann, dass sie ihre Ermordung «verdient» hat oder zumindest akzeptieren müsste. So rechtfertigen Staaten die Todesstrafe. Aber: Jeder Mord ist ein Verbrechen, für das es keine Rechtfertigung gibt. Das gilt unabhängig davon, dass uns die Tatmotive nachvollziehbar erscheinen können, und unabhängig davon, dass wir erleichtert sein können, wenn eine bestimmte Person nicht mehr lebt.  

Cicero argumentierte in seiner Abhandlung über den «Tyrannenmord», dieser sei gerechtfertigt, wenn er die staatliche Ordnung rette. Eigentlich ungeheuerlich, oder?
Nein, weil Cicero nicht im demokratischen Rechtsstaat lebte, sondern ein naturrechtliches Staatsverständnis vor Augen hatte. Danach zerstört der ungerechte Herrscher die gute Natur des Staates. Der Tyrannenmord hatte den Zweck, die gute natürliche Ordnung wiederherzustellen. Dietrich Bonhoeffer beruft sich bei seiner Beteiligung am Hitler-Attentat auf keine Metaphysik und keinen Gott. Stattdessen spricht er von der freien Verantwortung, die sich auf keine Legitimation berufen kann. Es geht um die Tragik eines Handelns, das für die Person alternativlos ist, obwohl es durch kein Prinzip der Welt gerechtfertigt werden kann. Es ist ein Handeln ausserhalb der Norm, das schuldig wird vor dem Gesetz.

«Der Wunsch nach Vergeltung hat seine Berechtigung.»
Frank Mathwig

Die amerikanische Philosophin und Ethikern Martha Nussbaum warnt davor, dass Rachsucht oder Freude am Tod eines Gegners den gesellschaftlichen Dialog vergiften. Was sagen Sie als Theologe?
Die Einsicht, dass die Spirale von Gewalt, Gegengewalt, Gegengegengewalt und so fort durchbrochen werden muss, begegnet uns bereits in dem ersten Mord der Menschheitsgeschichte, der biblischen Geschichte von Kain und Abel. Allerdings zeigt Jahwes Schutz von Kain das Problem, das sich bis in die heutige Gesetzgebung durchzieht: Die Begrenzung der Selbstjustiz durch Gott und das neuzeitliche Verbot durch das staatliche Gewaltmonopol schützen die Täterinnen und Täter, aber nicht die Opfer. Das psychische Leid und die Traumatisierung der Opfer werden durch keine strafrechtliche Sanktion gesühnt, geschweige denn geheilt. Der Wunsch nach Vergeltung hat seine Berechtigung. Der Hinweis auf die christliche Nächstenliebe wird dagegen zynisch, wenn er nicht bereit ist, erlittene Gewalt in allen Dimensionen ihrer Zerstörung ernst zunehmen.

Der deutsche Komiker «El Hotzo» musste sich vor Gericht verantworten, weil er nach einem Attentat auf Donald Trump auf X einen Vergleich gezogen hatte: «Den letzten Bus» – «Donald Trump» – «leider knapp verpasst». Die Staatsanwaltschaft warf ihm «Belohnung und Billigung von Straftaten» vor, das Gericht sprach ihn frei: Der Post sei «straflose Satire». Ist es gesellschaftlich wichtig, dass eine solche Äusserung zu einer Strafverfolgung führt?
Ich bin kein Jurist. Ungleich wichtiger ist für mich die Frage, warum sich westliche Staaten weigern, Netanjahu an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern. Sich mit Nebenschauplätzen abzulenken, kann gewaltige Konsequenzen haben.

Zur Person

Frank Mathwig ist Beauftragter für Theologie und Ethik der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und Mitglied der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin. Zudem ist Mathwig Titularprofessor für Ethik an der Universität Bern. (dst)

In seinem Theaterstück «Die schmutzigen Hände», das sich um ein politisches Attentat dreht, schreibt Jean-Paul Sartre der allgemeinen Moral folgend: «Ein Mord ist kein politischer Akt, er ist bloss ein Mord.» Aber sofort schiebt er nach, um alle ins Dilemma zu stürzen: «Es sei denn, er wird im Namen einer politischen Idee begangen.» Eigentlich wären wir damit wieder bei Cicero. Aber Sartres Held tötet den politischen Gegner am Ende doch nur aus Eifersucht. Was können wir daraus lernen?
Die Pointe hat Sartre aus George Bernard Shaws Stück «The Doctor's Dilemma» geklaut. Die Moral von der Geschichte, dass Mordmotive stets auf korrumpierten Gefühlen oder Affekten beruhen, überzeugt mich nicht. Zweifellos gibt es eine Vielzahl von Antrieben und Gründen für einen Mord. Ethisch herausfordernd sind aber die Fälle, in denen nicht aus selbstsüchtigen Motiven getötet wird, sondern aus rationalen Beweggründen und mit dem Anspruch moralischer Legitimität, wie die Geschichte der Revolutionen und militanten Freiheits- und Widerstandsbewegungen zeigt. Übersehen werden darf dabei nicht die Rückseite des Mordes, auf die Picasso in seinem Triptychon «Guernica» die Aufmerksamkeit lenkt. Nach dem ersten Flächenbombardement der Kriegsgeschichte auf die «heilige» baskische Stadt entstanden, zeigt das Bild die zum Schweigen gebrachte Seite der Gewalt. Die beiden Leuchten im Zentrum des Gemäldes werfen ein kaltes, schonungsloses Licht auf die verbogenen und zerstückelten Opfer mit weit aufgerissenen Mündern. Der Zivilisationsbruch durch die Gewalt wiederholt sich mit jedem Opfer eines Mordes – völlig unabhängig von den Mordmotiven.

«Die Vorteile der christlichen Nächstenliebe erklärten stets die Mächtigen den Machtlosen.»
Frank Mathwig

In den USA nimmt die Diskussion um Kirks Tod religiöse Züge an. US-Vizepräsident Vance versuchte kürzlich, ihn während eines Podcasts in die Nähe von Jesus Christus zu rücken. Die Spitze der Republikaner kündigte an, gegen linke Organisationen und Personen vorzugehen. Hingegen bedauerten Exponenten der Demokraten den Tod des Aktivisten und verurteilten die politische Gewalt. In der Bergpredigt heisst es: «Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.» Ist das angesichts der politischen Lage in den USA nicht zu viel verlangt?
Das ist eine tugendhafte Reaktion, aber die Geschichte der Täufer hat gezeigt, dass es hochriskant ist, Jesus als politischen Philosophen zu lesen. Historisch betrachtet, erklärten stets die Mächtigen den Machtlosen die Vorteile der christlichen Nächstenliebe. Gleichzeitig sind politisch instrumentalisierte Märtyrer in ihren Wirkungen kaum berechenbar. Die Empörung, die sich daraufhin entladen kann, geht meist nach hinten los. Ich kenne nur ein bedeutendes historisches Beispiel, in dem es umgekehrt lief: Die Empörung des Menschheitsgewissens über die Grausamkeiten von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg, die den Grund der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 bildet. Empörung ist also dringend nötig, aber für die gerechte Sache!

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