Politische Partizipation
Wehret den Anfängen
Seit Monaten schaue ich fassungslos auf die Geschehnisse in den USA. Wie konnte es so weit kommen, dass Gerichte missachtet, Geschichte umgeschrieben, Schulen, Medizin und Forschung die Finanzierung entzogen und Rechte von Frauen und Minderheiten übergangen werden? Und das alles in atemberaubender Geschwindigkeit.
Da ich vor allem in den USA aufwuchs und meine weit verzweigte Familie dort lebt, bekomme ich von beiden Seiten der radikal polarisierten Gesellschaft viel mit. Ein Cousin aus West Virginia, der Trump wählte, äussert auf Facebook plötzlich Zweifel.
Ich lobe ihn für seine Ehrlichkeit. Eine tiefgläubige Cousine aus Texas springt in das Gespräch rein mit: «Ich hab dich lieb, Catherine, aber wir sind Nineveh!» Was auch immer das bedeuten soll.
«Family, faith, flag»
Sie gehört zu den frommen Anhängern, die in Trump den von Gott erkorenen Retter sehen. Ich muss im Internet eine Weile suchen, bis ich den Zusammenhang finde. Ein konservativer Theologe argumentiert, dass der Prophet Jonah den göttlichen Auftrag gehabt habe, aus der «woken», heidnischen Stadt Nineveh eine Stadt mit «gerechten», gottförmigen Gesetzen zu machen.
«Gerecht» bedeutet für diesen Theologen, dass Abtreibung verboten, LGBTQ+ und Inklusion aus den Schulen und Gesetzen verbannt werden. Dieser Theologe nimmt die Etikette «christlicher Nationalist» als Kompliment. Nicht wenige Amerikaner fassen ihre Werte so zusammen: «family, faith, flag».
Gegenposition einnehmen
Vor einem halben Jahr sass ich in einer Zoom-Sitzung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Wir sieben Reformierte aus verschiedenen Erdteilen tauschten uns aus über die volatile Weltlage. Die meisten hatten es hautnah mit Menschenrechtsverletzungen durch die eigene, zunehmend autokratisch gewordene Regierung zu tun.
Regeln werden systematisch missachtet, Richtlinien umgangen. Parlamente und Gerichte sind geschwächt. Loyalität zum Präsidenten ist gefragt. Da hatte ich einen Geistesblitz: Stammt nicht die Idee von Machtbegrenzung und gegenseitiger Kontrolle zumindest indirekt von Calvin? Ich erinnere mich, wie uns der Pfarrer im Konfunterricht erzählte, dass die Staatsform der USA auf Calvins Model von Regeln und Richtlinien, «Checks und Balances», ruhte.
Da religiöse Auffassungen und evangelikale Bibelauslegung viel mit dem Erstarken von Autokratie und der Schwächung von Demokratie in den USA zu tun hat, fragte ich meine Kollegen in der reformierten Runde, ob es nicht hilfreich wäre, im Sinne einer Ermutigung eine Gegenposition zu veröffentlichen. So kam es zum «Aufruf zur Verteidigung demokratischer Kultur» (siehe Kasten).
Reformierte Theologinnen und Theologen schlagen Alarm. Sie zeigen sich in einem Schreiben, über das ref.ch berichtete, besorgt über «Enthemmung, Verrohung und Verluderung des Zusammenlebens».
Die Kirche müsse autokratischen Tendenzen entgegenhalten. Catherine McMillan ist Mitinitiantin des Aufrufs. Sie arbeitet als reformierte Pfarrerin in Dübendorf und Schwerzenbach (ZH). (jow)
In den vergangenen Tagen erzählte mir eine amerikanische Kirchenfreundin, dass Menschen in Amerika traumatisiert und wütend sind.
Die Kirchen sind zu Zufluchtsorten geworden für Menschen, die Klarheit und Wahrheit suchen. In Kirchen wird Widerstand organisiert gegen das illegale Kidnapping von Migranten auf offener Strasse, in Schulen, Spitälern und Gemeindehäusern.
Die «No Kings»-Proteste mit gegen fünf Millionen von Marschierenden in 50 Bundesstaaten wurden massgeblich in Kirchen organisiert. Meine Freundin kennt aber auch Gemeinden, wo Pfarrpersonen sich nicht aus dem Fenster lehnen wollen und es lieber bei einem Gebet belassen: «Lasst uns einfach beten.» Meine Freundin sagt: «Ich habe mit vielen besorgten Presbyterianern gesprochen, die sich fragen: Ist dies unser Bonhoeffer-Moment?»
Kirchen als basisdemokratisches Übungsfeld
Als Beauftragte für internationale Beziehungen der Reformierten Kirche im Kanton Zürich bin ich mit Kirchenleuten auf mehreren Kontinenten in regelmässigem Austausch. Das Phänomen des religiösen Nationalismus, in Kombination mit Fundamentalismus und Rassismus hat Aufwind.
Mein Freund aus Indien, mit Verantwortung für vier Millionen Christinnen und Christen, spricht von einer Ideologie, die das wahre «indisch-sein» nur einer Religion zuordnet, nämlich dem Hinduismus.
Andersgläubige werden unterdrückt. Muslimische Politiker werden dämonisiert, christliche Anliegen auf «NGO-Themen» reduziert. Unbequeme Journalistinnen und Anwälte landen im Gefängnis.
Politisches Schweigen
Geschichte und Mythos werden vom Regime instrumentalisiert, um die demokratische Verfassung und die säkularen Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft auszuhöhlen. Minderheiten müssen beweisen, dass sie indisch genug sind.
Pastoren und Kirchen werden überfallen, Kirchgemeindeversammlungen gestört, im Namen der einzig «wahren» Religion. Die Täter ermutigt, dass sie meist strafrechtlich nicht verfolgt werden. «Wo Gerechtigkeit schläft, wird Gewalt zur Sprache der Macht», sagt mein indischer Freund.
Wie anders ist die vorherrschende Meinung in der Schweiz, die gewissermassen eine Wiege der Demokratie ist. Pfarrpersonen sollen sich nicht politisch äussern, auch wenn es um die Rechte der Schwächsten geht.
Und in der Kirche selbst? Sie ist synodal-demokratisch aufgebaut und rechnet mit einer hohen Beteiligung des Volks.
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit
Doch als Pfarrpersonen erleben wir es oft anders. Wenn von 6000 Gemeindegliedern nur 40 zu einer Kirchgemeindeversammlung kommen, muss man sich fragen, wie viel Wert einem die eigene Stimme ist.
In der Kirche können wir die Demokratie einüben. Und mit ihr können wir zur Demokratie Sorge tragen. Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.
Sie ist verletzlich und muss geschützt werden. Denn, wie mein Freund aus Indien sagt: «Wo Gerechtigkeit schläft, wird Gewalt zur Sprache der Macht.»