Vereinigte Staaten
«Hass in göttliche Worte verpackt»
Seit Wochen tobt in den USA ein Kulturkampf um den Tod des rechten Aktivisten Charlie Kirk. Auch durch die christlichen Kirchen geht ein tiefer Riss. Während evangelikale Megakirchen Kirk als «Märtyrer» des Christentums feiern und ihn als KI-Avatar
Insbesondere schwarze Pastorinnen und Pastoren stören sich an der Heroisierung Kirks, der in der Vergangenheit mit nationalistischen, rassistischen und frauenfeindlichen Parolen aufgefallen war. Der Gründer von Turning Point USA war vor einer Woche an einer Trauerfeier in Arizona von zehntausenden Menschen als «Märtyrer der Freiheit» gefeiert worden. Unmittelbar nach Kirks Ermordung hatte Trump angeordnet, die Flaggen im Land auf Halbmast zu setzen.
Kritik an weisser Vorherrschaft
Erschüttert darüber zeigte sich Howard-John Wesley, Pfarrer an der Alfred Street Baptist Church in Alexandria, Virginia. In einer in den sozialen Medien vielgeteilten Predigt kritisierte Wesley die nationale Verehrung eines Mannes, der ein «unentschuldbarer Rassist» gewesen sei. Kirk habe in seinem Leben Hass und Zwiespalt gesät. «Nirgendwo in der Bibel steht, dass wir das Böse ehren sollen. Und wie du stirbst, macht nicht wieder gut, wie du gelebt hast», sagte Wesley unter tosendem Applaus.
In die gleiche Kerbe schlug Jacqui Lewis, Pastorin an der Middle Collegiate Church in New York. In einer Botschaft auf Facebook sagte sie, das Christentum dürfe nicht mit dem weissen christlichen Nationalismus gleichgesetzt werden. «Die Vorherrschaft der weissen Rasse ist nicht einfach eine Meinung, die man haben kann. Es ist Hass. Und wenn sie sich als weisser christlicher Nationalismus manifestiert, ist sie zwar in göttliche Worte verpackt, aber sie kommt nicht von Gott», sagte Lewis.
«Nichts gemeinsam mit Martin Luther King»
Viele der Pastorinnen und Pastoren bedauerten Kirks gewaltsamen Tod, prangerten aber seine Verehrung als Held der Meinungsfreiheit an. Als besonders empörend wurde der Vergleich mit dem schwarzen Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King empfunden. «Wie könnt ihr es wagen, ihn mit Martin Luther King zu vergleichen», sagte Jamal Bryant, Pastor der New Birth Missionary Baptist Church in Seacrest, Georgia. «Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist, dass sie beide von einem Weissen erschossen wurden. Sonst haben sie überhaupt nichts gemeinsam», sagte Bryant laut einem Artikel von NBC News.
Im Netz wird Charlie Kirk immer wieder mit Martin Luther King verglichen – seine Anhänger sehen in ihm einen Freiheitshelden und Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Und dies obwohl Kirk laut Medienberichten den Bürgerrechtler als «schreckliche Person» bezeichnet hatte. Völlig abwegig ist der Vergleich für Pastorin Jacqui Lewis: «Charlie ist nicht Martin. Nicht einmal annähernd».
Liebe als Antwort
Wie andere schwarze Pastorinnen betont auch Lewis, dass Hass und Intoleranz nichts mit dem Evangelium zu tun haben. Die Antwort des Christentums auf die Gewalt in dem gespaltenem Land könne nur die Liebe sein, sagt sie in ihrem Post. «In diesen chaotischen Zeiten müssen wir unsere Mitmenschen lieben, als hinge unser Leben davon ab, denn das tut es auch. Und wir müssen es jetzt tun.»
Der ultrarechte Aktivist Charlie Kirk war am 10. September bei einem Attentat in Utah erschossen worden. 2012 gründete er die Organisation Turning Point USA, die an zahlreichen Schulen und Hochschulen aktiv ist. Mit seinen Plattformen erreichte Kirk ein Millionenpublikum, darunter vor allem jüngere konservative Männer.