Fornerods Briefe aus Beirut
Wie betreibt man protestantische Theologie im Nahen Osten?
Das Wichtigste in Kürze
Welche Rolle spielt die Near East School of Theology in Beirut?
Die Near East School of Theology (NEST) in Beirut bildet seit Jahrzehnten protestantische Pfarrerinnen, Pfarrer und kirchliche Führungskräfte für den Nahen Osten aus. Obwohl Protestanten im Libanon nur rund 0,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, geniesst die theologische Ausbildung der NEST über die eigenen Kirchen hinaus Anerkennung.
Vor welchen Herausforderungen steht die protestantische Theologie im Libanon?
Die NEST will sich stärker von westlich geprägter oder als kolonialistisch empfundener Theologie lösen und zugleich neue Ausbildungs- und Finanzierungsmodelle entwickeln. Inhaltlich muss sich die protestantische Theologie unter anderem mit christlichem Zionismus, Substitutionstheologie sowie antiarabischen und islamfeindlichen Bibelauslegungen auseinandersetzen.
Wie versteht die NEST ihre Aufgabe in der libanesischen Gesellschaft?
Die Hochschule sieht Protestanten nicht als isolierte «Minderheit der Minderheiten», sondern als Teil der libanesischen Gesellschaft. Mit einer konstruktiven Theologie, dem Dialog mit Muslimen und einem gemeinschaftlichen Campusleben will die NEST zu einer toleranten und friedlichen Gesellschaft im Libanon beitragen.
Für die nächsten Monate lebe und lerne ich in der Near East School of Theology (NEST). Sie ist die älteste theologische Ausbildungsstätte im Nahen Osten. Offiziell wurde sie 1932 gegründet – ihre Vorläufer aber reichen etwa hundert Jahre weiter zurück. Diese standen unter dem Einfluss des Optimismus des 19. Jahrhunderts, sowohl Katholiken und Orthodoxe als auch Muslime bekehren zu können.
Doch diese Erwartungen wurden rasch gedämpft: Man musste sich damit abfinden, auf Dauer eine winzige Minderheit zu bleiben – und dies auch auf ökumenischer und theologischer Ebene.
Heute machen Protestanten etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung des Libanons aus. Die evangelikalen, baptistischen und pfingstkirchlichen Kirchen haben mittlerweile mehr Mitglieder als die Nationale Evangelische, die presbyterianische und die Armenische Evangelische Kirche, die seit langem ansässig sind.
Seit mehr als hundert Jahren ist das Land Opfer regionaler Konflikte, der Protestantismus spielt eine marginale Rolle: Wie betreibt man in einem solchen Kontext protestantische Theologie?
Das Problem zeigt sich der heutigen Situation der NEST. Die Schule will ihre Flexibilität, ihre Reaktionsfähigkeit und ihren Qualitätsanspruch weiterentwickeln. Gleichzeitig möchte sie nicht länger von der westlichen Theologie abhängig sein. Diese empfindet man entweder als zu klassisch oder als kolonialistisch. Dazu kommt die Geldfrage: Denn auch wenn mehr als 80 Prozent der Pfarrer und Verantwortlichen der gesamten Region hier ausgebildet wurden und werden, reichen die Ressourcen der Kirchen nicht aus, um eine solche Fakultät zu finanzieren.
Es gilt, innovativ zu sein. Es braucht Ausbildungsangebote mit unterschiedlicher Form und Intensität sowie neue akademische Formen des Wirkens und der Kommunikation, mit denen man aktuelle Themen aufgreifen und einem breiteren Publikum zugänglich machen kann. Man muss Synergien und Allianzen schaffen und neue Wege der Finanzierung finden – etwa durch Dienstleistungen oder die Vermietung von Infrastruktur.
All dies hat auch eine theologische Grundlage. Denn natürlich müssen die Pfarrer und die Führungskräfte der Kirchen auf eine für unsere Zeit relevante Weise ausgerüstet, werden. Die Qualität der von den Protestanten vermittelten Bildung an den evangelischen Schulen und an der NEST ist noch immer ein anerkanntes und von der gesamten Bevölkerung geschätztes Markenzeichen.
Aber ist das traditionelle Modell des Gemeindepfarrers angesichts der kleinen Gemeinschaften auf Dauer tragfähig? Frauen sind zwar zum Pfarramt zugelassen, aber viele zögern, sich ohne weitere Absicherung auf ein solches Abenteuer einzulassen. Auch Männer würden gerne weltliche Berufstätigkeit und kirchlichen Dienst miteinander verbinden können. Der Austausch zwischen den Vertretern verschiedener Kirchen innerhalb der NEST regt das Nachdenken über die Zukunft an.
Die protestantische Theologie ermöglicht es auch, sich von den anderen Kirchen zu unterscheiden. Während sich die weiterverbreitete orthodoxe Tradition vor allem auf das Ritual ausrichtet, erfährt die protestantische Theologie mit ihrem Fokus auf den biblischen Text und ihrem kritischen und wissenschaftlichen Ansatz eine gewisse Anerkennung durch die anderen Kirchen.
Aber diese Konzentration auf den Text stellt die protestantische Theologie im Libanon auch vor Herausforderungen. Sie muss sich gegenüber der Substitutionstheologie und dem christlichen Zionismus positionieren. Deren Ursprünge sind eindeutig protestantisch – und direkt verknüpft mit Israel.
Die Substitutionstheologie stellt die Kirche als Nachfolgerin des jüdischen Volkes im Bund mit Gott dar. Somit lehnt sie jegliche Bedeutung Israels im Plan Gottes für die Zukunft ab. Der christliche Zionismus äussert sich in der Unterstützung des Staates Israel durch die Christen, weil erst durch die Rückkehr der Juden ins Heilige Land die Wiederkehr Christi möglich sei.
Ebenso müssen die Protestanten im Libanon einen Umgang finden mit der westlichen Ablehnung des Islam, der durch die Auslegung der Bibel legitimiert ist und in der sich antiarabischer Rassismus verbirgt. Die Dekolonisierung der protestantischen Theologie ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden.
Die traditionellen Qualitäten des Protestantismus ermöglichen es der NEST, eine gute Beziehung zum Islam zu wagen und den Protestanten dabei zu helfen, auf theologische Weise mit Muslimen zu interagieren.
Sie kämpft dafür, dass sich die Protestanten in der Region zugehörig fühlen. Deshalb lehnt sie die typisch westliche, klagende und vage paternalistische Bezeichnung «Minderheit der Minderheiten» für die Protestanten als eine depressive und abwertende Selbstdefinition ab.
Dank der Dekolonisierung des Denkens positioniert sie sich daher als Teil der Mehrheit der libanesischen Bürger und Gläubigen, die eine gerechte, tolerante und friedliche Gesellschaft wollen und für sie arbeiten. Ohne zu idealisieren oder zu dämonisieren, kritisch bleibend, ohne polemisch zu werden, versteht sich die protestantische Theologie der NEST als konstruktiv.
Sie fördert ein inklusives soziales und kulturelles Engagement für die gesamte Gemeinschaft und setzt dieses selbst um. Und zwar ganz konkret: Indem die NEST als Wohncampus funktioniert und alle Dienstleistungen vor Ort anbietet – einschliesslich eines spirituellen Lebens, sozialer Aktivitäten und Engagements sowie Freizeitangeboten, um von Anfang an das gute Zusammenleben einzuüben.
Serge Fornerod führt während seines Aufenthalts in Beirut auch einen Blog auf seiner privaten Website.