Krieg im Nahen Osten

«Hier in Beirut schlagen pausenlos Raketen ein – die Lage ist entmutigend»

Seit Ausbruch des Iran-Kriegs greift Israel auch den Libanon an. Die Offensive zielt auf die Terrororganisation Hisbollah. Die Heks-Landesdirektorin beschreibt die Lage der Zivilbevölkerung als katastrophal.
Im Libanon versorgt das Heks Menschen mit dem Nötigsten – wie auf dem Bild von 2024 in einer Flüchtlingsunterkunft. Das Hilfswerk betreut die traumatisierten Menschen auch psychologisch. (Bild: Ester Unterfinger/ Heks)

Seit Israel und die USA den Iran mit Luftschlägen angreifen, herrscht auch im Libanon Ausnahmezustand. Die Bombardierungen im Süden des Landes und in Aussenquartieren der Hauptstadt Beirut durch Israel haben sich intensiviert. Israelische Bodentruppen sind einmarschiert und Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Dima Wehbi ist Landesdirektorin im Libanon beim Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Sie lebt und arbeitet in Beirut. Das Gespräch findet per Video statt, Dima Wehbi schaltet sich aus einem kleinen Zimmer zu.

Frau Wehbi, wie ist die Lage bei Ihnen?
In den vergangenen Tagen ist die Situation eskaliert. Im Libanon war es zwar nie ruhig seit dem Krieg mit Israel 2024, es flogen weiterhin Bomben. Aber jetzt haben die Angriffe markant zugenommen. Hier in Beirut schlagen pausenlos Raketen ein, nicht nur in den südlichen Stadtteilen. In der ersten Woche des Krieges wurden 400 Menschen getötet – davon 83 Kinder – und 1000 verletzt.

Am 2. März hat die Hisbollah Israel mit Raketen beschossen, als Reaktion auf die Ermordung des obersten Führers des Irans und die anhaltenden Angriffe auf den Libanon. Israel antwortete mit verstärkten Luftschlägen. Was waren die konkreten Folgen?
Die Menschen verliessen ihre Häuser aus Angst vor den Bomben. Aus dem Süden des Landes und den südlichen Quartieren Beiruts kam ein Strom von Flüchtenden. Die Strassen waren schnell verstopft. Verletzte konnten nicht mehr ins Krankenhaus gebracht werden, manche steckten zwei Tage lang mit ihrem Auto im Stau. Derweil gingen die israelischen Angriffe weiter: Sie trafen Wohnungen und Fahrzeuge, in denen Mitglieder der Hisbollah vermutet wurden. In den Zielgebieten leben Menschen aller Herkunft. Auch in Quartieren, die als Hisbollah-Hochburgen gelten, leben vor allem Zivilisten.

Sie meinen den südlichen Vorort Dahieh?
Ja. Am Wochenende hat die israelische Armee dazu aufgefordert, ganz Dahieh zu evakuieren. Das hat es noch nie gegeben. Dort leben etwa 300'000 bis 400'000 Menschen. Die libanesische Regierung ist nicht in der Lage, die Hisbollah zu entwaffnen, was Israel als Bedingung für die Einstellung der Angriffe fordert. Die Menschen sind verzweifelt und alle Zukunftsszenarios sind schlecht. Experten erwarten, dass der Krieg noch mehrere Wochen weitergeht. Aber die Menschen im Libanon haben nicht die Mittel, um mit diesem Krieg fertig zu werden, und die Hilfe kann nicht alle Bedürfnisse decken. Es ist entmutigend.

Beirut – Paris des Ostens

Die libanesische Hauptstadt Beirut galt bis in die 1970er-Jahre als «Paris des Ostens». Sie war Universitätsstadt, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region. Mit dem libanesischen Bürgerkrieg ab 1975 änderte sich das Antlitz der Stadt. Heute ist Beirut eine gebeutelte Stadt mit über 2,3 Millionen Einwohnern (letzte Erhebung 2017). 2020 explodierten im Hafen rund 3000 Tonnen Ammoniumnitrat, was grosse Schäden verursachte. 2024 griff die israelische Armee den Libanon an und bombardierte unter anderem die Hauptstadt.

Israel hat den südlichen Vorort Dahieh als Angriffsziel bestimmt. Dort soll es Hisbollah-Hochburgen geben. In Dahieh leben 300’000 Menschen. Im Gebiet liegen auch zwei Flüchtlingscamps. (dst)

Der Angriff auf den Libanon kam überraschend. Sie sprechen von vielen Vertriebenen. Können sie versorgt werden?
In den ersten zwei Tagen war niemand darauf vorbereitet, die Geflüchteten aus dem Südlibanon aufzunehmen. Es waren noch keine Unterkünfte vorbereitet, es fehlte an Lebensmitteln und Matratzen. Am ersten Tag richtete man 50 Aufnahmestellen ein, bis heute sind es knapp über 400. Doch 390 davon sind bereits voll. In Beirut leben nun viele Geflüchtete auf der Strasse, obwohl es sehr kalt ist. Mittlerweile kümmern sich Nachbarschaftshilfen um sie, indem sie ihnen warme Suppe, Wasser und weitere Lebensmittel bringen.

Wie viele Menschen hat der Angriff zu Binnenvertriebenen gemacht?
Das weiss niemand so genau. Es werden nur jene erfasst, die sich bei den Unterkünften melden. Aktuell sind es mehr als 90'000 und es werden bis zu 150'000 Menschen erwartet. Aber man geht davon aus, dass mindestens nochmals so viele Menschen bei Verwandten, in Mietwohnungen oder in leerstehenden Gebäuden Schutz suchen.

Dima Wehbi

Dima Wehbi ist die Heks-Landesdirektorin im Libanon. Sie lebt mit ihrer Familie in Beirut und koordiniert die Zusammenarbeit des Hilfswerks mit lokalen Partnerorganisationen. (dst)

Wo setzt aktuell die Hilfe von Heks an?
Die Menschen haben sich noch nicht von den Erlebnissen im Krieg mit Israel von 2024 erholt. Viele Vertriebene von damals konnten noch nicht nach Hause zurückkehren und müssen jetzt nochmals fliehen. Die israelischen Angriffe sind nun stärker als vor zwei Jahren und die Situation ist noch katastrophaler als zu jener Zeit. Die Auswirkungen auf die Psyche der Menschen sind enorm. Das führt zu erhöhtem psychischem Druck, Gewalt gegen Frauen und Kinder, zu Depressionen und manche Menschen verletzen sich selbst. Deshalb bietet Heks Schutzmassnahmen sowie psychologische und pädagogische Unterstützung an.

Wir erfahren von einem Einmarsch israelischer Bodentruppen im Südlibanon und Besetzungen von Ortschaften. Was wissen Sie über die Situation im Grenzgebiet zu Israel?
Offenbar hat die israelische Armee im Südlibanon Flächenbombardements durchgeführt und besetzt nun einen fünf bis zehn Kilometer breiten Streifen. Was ich Ihnen erzähle, habe ich von den Medien und von Partnerorganisationen erfahren. Ich kann diese Informationen nicht weiter verifizieren. Die israelische Armee hat Flyer verteilt, auf denen sie die Bevölkerung im Süden des Litani-Flusses auffordert, aus Sicherheitsgründen das Gebiet zu verlassen. Israel hat die Absicht formuliert, eine Pufferzone im Südlibanon zu errichten, um sich vor Angriffen der Hisbollah zu schützen.

Wie schätzen Sie ein, was dort gerade geschieht?
Es ist das pure Chaos. Es wird berichtet, dass Israel mehr Land erobern will. Doch viele Menschen, die dort leben, sind nicht bereit, ihre Häuser zu verlassen. Sie haben das Gefühl, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren könnten und dass ihre Vertreibung sie einer weiteren Gefährdung aussetzen würde, da sie keinen Zugang zu Unterkünften und Grundbedürfnissen hätten. Im Gebiet, das evakuiert werden soll, liegen auch drei Flüchtlingscamps, in denen syrische und palästinensische Flüchtlinge und einige schutzbedürftige Libanesinnen und Libanesen leben. Sie sind die vulnerabelsten Gruppen. Das Heks ist dort aktiv und es ist sehr schwierig, die Camps zu räumen. Es gibt keinen Ort, wo die Menschen hinkönnen, und unsere Mitarbeiter müssen auch noch für die eigene Sicherheit und die ihrer Familien sorgen.

Wie gehen die Menschen im Libanon mit dieser Situation um?
Das ganze Land ist durch Angriffe bedroht, manche Regionen stärker als andere. Trotz der Gefahr gehen die Leute arbeiten, sie bringen ihre Kinder in die Kita. Doch sie holen sie beispielsweise früher ab, weil sie sich Sorgen um ihre Sicherheit machen. In Beirut sind die Geschäfte noch offen, doch die Menschen beschränken ihre Bewegungen auf das Nötigste. Durch den Krieg steigen die Preise. Wir hatten schon vor den Angriffen in den letzten Jahren eine Inflation von 400 Prozent auf die Lebensmittelpreise. Sie wird nun zunehmen. Die Menschen schauen nur noch von einem Tag zum nächsten.

Das Heks leistet im Libanon Nothilfe. Dafür ist eine Spendenaktion angelaufen.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema