Krieg im Nahen Osten
«Das libanesische Volk hat nicht aufgegeben»
Herr Haidostian, wie geht es den Menschen im Libanon?
Es herrscht überwiegend eine Atmosphäre der Angst. In den letzten anderthalb Monaten befindet sich das Land in einem Krieg, der sich nicht auf die Grenze beschränkt. Im Alltag hören die Menschen Bomben oder israelische Drohnen. So werden sie ständig daran erinnert, dass sie sich im Kriegszustand befinden. Noch einschneidender und trauriger sind die Vertreibungsbewegungen innerhalb des Landes. Wir haben 1,2 Millionen Menschen, die von einem Teil des Landes in einen anderen Teil vertrieben worden sind. Das ist eine grosse Herausforderung.
Wie leben Menschen in dieser ständigen Angst?
Als der Krieg begann, hörte das «normale» Leben auf. Doch nach ein paar Wochen beschlossen die Libanesen, ihr Leben weiterzuführen. Zunächst begannen beispielsweise die Schulen mit dem Online-Unterricht. Letzte Woche sagten sie dann: «Selbst wenn es Krieg gibt, werden wir unsere Kinder zurück in die Klassenräume bringen, wo es relativ sicher ist.» Die Menschen wollen Normalität. Ja, es gibt einen Krieg. Aber die Menschen versuchen, ihr Leben so normal wie möglich zu leben.
Aber wie schaffen sie das?
Sie sind widerstandsfähig. Der Libanon befindet sich seit 2019 in einer schwierigen Situation: Die libanesische Wirtschaft und das Bankensystem sind zusammengebrochen. Es folgte die Corona-Pandemie, die verheerende Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020. Das Land befand sich bereits vor dem Krieg in einem sehr schwachen Zustand. Wirtschaftlich und politisch. Seit zweieinhalb Jahren wurde kein neuer Präsident gewählt. Und die Leute müssen einfach irgendwie klarkommen. Ich glaube nicht, dass das libanesische Volk aufgegeben hat. Nicht einmal jetzt.
Paul Haidostian ist Präsident der Haigazian University in Beirut im Libanon. Er hat im Libanon und in den USA Psychologie und Theologie studiert und einen Doktortitel in Philosophie.
Der 63-Jährige ist eine führende Stimme der armenischen und nahöstlichen christlichen Gemeinschaften, er war Gast an der Herbstsynode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) in Bern. Haidostian ist verheiratet und Vater zweier Töchter, er lebt in Beirut. (red)
Der Krieg zwischen Israel und der Hamas ist ein Konflikt zwischen Juden und Muslimen. Welche Rolle spielen Christen dabei?
Für mich ist dieser Konflikt und nun der Krieg nicht in erster Linie religiöser Natur. Religion dient nur als Vorwand und zur Durchsetzung politischer Ziele. Es geht nicht um Judentum versus Islam. Es geht um Regierung gegen Regierung oder andere Mächte. Es geht um Machtkämpfe und den Kampf um Territorien. Deshalb muss man aus meiner Sicht auf den Staat Israel schauen und nicht auf das Judentum. Es ist nicht die Religion, die Probleme verursacht, sondern die Art und Weise, wie Religion verwendet wird, insbesondere in der Politik.
Wie aktiv sollte sich die Kirche in solche Diskussionen einbringen?
Die christlichen Kirchen sollten immer diejenigen unterstützen, die leiden. Egal wer leidet. Ich spreche vor allem von Zivilisten. Ich spreche von Menschen, die solchen Kriegen ausgeliefert sind. Wo Menschen leiden, muss die Kirche ihnen helfen.
Neben dem Krieg im Nahen Osten und dem Krieg gegen die Ukraine geraten andere Konflikte weltweit in Vergessenheit. Einer davon ist die Vertreibung von über 100'000 armenischen Christen aus der Region Berg-Karabach durch Aserbaidschan. Was löst das bei Ihnen aus?
Wenn es um den Konflikt in Berg-Karabach geht, ist Armenien isolierter denn je. Auch in der westlichen Welt. Als kleines Land bräuchte Armenien politische und militärische Unterstützung. Als Berg-Karabach blockiert wurde, sagte ein Grossteil der westlichen Welt nicht: «Diese Blockade muss enden», sondern: «Wir sollten Lebensmittel und Medikamente schicken.» Das wird getan, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Die Menschen im blockierten Gebiet sterben dann einfach langsamer. Es gibt auch andere vergessene Konflikte dieser Art, im Südsudan zum Beispiel.
Die Zahl der Christen im Nahen Osten ist rückläufig. Etwas, das auch die europäischen Kirchen erleben. Besorgt Sie das?
Das ist nicht angenehm. Das sage ich immer wieder. Aber: Die Zahl allein ist nicht entscheidend. Der Niedergang im Nahen Osten hat nicht den gleichen Grund wie der Niedergang in Europa. Ganz einfach: Viele Christen im Nahen Osten können leider nicht in ihrer Heimat bleiben. Es ist ein Exodus. Weil sie sich gefährdet fühlen. Es handelt sich hier nicht um Säkularisierung oder religiöse Apathie wie in Europa. Übrigens glaube ich, dass es im 21. Jahrhundert weltweit eine Sinnkrise gibt.
Was gibt ihrem Leben Sinn?
Ich könnte Ihnen jetzt einen dreistündigen theologischen Vortrag dazu halten. Aber ich werde die Frage auf persönlicher Ebene beantworten. Eine meiner Töchter hat mich kürzlich gebeten, Kurzgeschichten für eine Webseite zu schreiben. Sie fragte mich: «Worauf in deinem Leben bist du stolz? Was gibt deinem Leben eine Bedeutung?» Das ist es: Es ist mein Erbe. Es ist so reich: als Christ, als Armenier. Das Erbe meiner Familie, die so viel durchgemacht hat, die nie aufgegeben und sich nie vom Glauben abgewendet hat.