«Spiritualität keltischer Christen wirkt bis heute»

Pfarrerin Renate von Ballmoos feiert in Zürich regelmässig Jahreskreisrituale. Nun zeigt sie in einer Ausstellung über heilige Plätze und Mythen aus Irland, was sie dazu inspiriert. Die reformierte Tradition dürfe sich nicht auf ihre aufklärerischen Ideale beschränken, sagt sie.

Irland ist mit seinen wilden Landschaften und den vorchristlichen Monumente für viele ein Sehnsuchtsort. (Bild: Bruno Züttel)

Frau von Ballmoos, Zürich feiert dieses Jahr 500 Jahre Reformation. Sie schauen mit ihrer Ausstellung über keltisches Christentum in Irland bis ins Frühmittelalter zurück. Warum?
Sicher nicht in Abgrenzung zum Zwingli-Jahr. Ich will zeigen, wie das junge Christentum auf vorhandene Traditionen gestossen und sehr sorgfältig und für alle gewinnbringend damit umgegangen ist. Die Mönche haben damals die keltische Kultur schriftlich für die Nachwelt festgehalten und alte Bräuche übernommen. Aus der Göttin Brigid wurde zum Beispiel die Heilige Brigitte. Das frühe Christentum ist ein schönes Beispiel, wie Mission gelingen kann, ohne Bestehendes zu zerstören.

Sie sind reformierte Pfarrerin. Woher kommt Ihre Faszination für das keltische Christentum?
Ich habe Irland vor über 15 Jahren für mich entdeckt und mich davor schon mit keltischen Traditionen beschäftigt. Ich wollte verstehen, wie sich unsere christliche Spiritualität entwickelt hat. Diese wurde nicht nur durch jüdisch- und griechisch-biblische Traditionen geprägt, sondern auch durch die vorchristlichen Religionen Europas. Das spiegelt sich heute noch in unserem religiösen Brauchtum.

  • Das unverkennbare keltische Kreuz ziert noch heute die Friedhöfe Irlands. (Bild: Bruno Züttel)

Warum steht im Zentrum der Ausstellung eine kleine Insel vor der irischen Küste?
Auf Inishmore gibt es noch viele Plätze, zum Teil aus vorchristlicher Zeit, die von spiritueller Bedeutung sind. Ich veranstalte dort seit einigen Jahren Ritualwochen. An diesen Orten ist die friedliche Spiritualität der keltischen Christen stark spürbar. Sie wirkt bis heute.

Dient Irland nicht einfach als Projektionsfläche für spirituelle Bedürfnisse?
Ein Stück weit bestimmt. In Irland sind viele vorchristliche Stätten erhalten geblieben. Spirituell suchende Menschen merken, dass dort etwas war, das bis heute Relevanz hat. Irland spricht die menschliche Intuition an.

«Zur Reformation gehört die Freiheit, die eigene Spiritualität zu erforschen.»

Vernachlässigt die reformierte Tradition diese Intuition?
Ja, das ist aber eine ungewollte Folge der Reformation, die Moral, Arbeitsethos und Intellekt in den Vordergrund stellte. Eine reformierte Kultur, die sich jedoch nur an aufklärerischen Idealen orientiert, kann den spirituellen Bedürfnissen des Menschen nicht gerecht werden.

Moral und Arbeitsethos sind aber wesentliche Errungenschaften der Reformation.
Wurzeln zu kennen, bedeutet nicht, dass man spätere Errungenschaften ablehnt. Es ist eine Bereicherung, zu wissen, aus welchen Traditionen unser Christentum entstanden ist. Man verliert die Identität nicht, weil man die eigenen Wurzeln erforscht. Reformation steht auch für Freiheit und Mündigkeit. Dazu gehört die Freiheit, die eigene Spiritualität zu erforschen.

« Man verliert die Identität nicht, weil man die eigenen Wurzeln erforscht.»

Sie führen Rituale in ihrer Gemeinde durch, die sich an vorchristlichen Traditionen orientieren. Warum?
Ich sehe bei den Menschen ein Bedürfnis danach. Auch bei Leuten, die den Gottesdienst besuchen. Ich feiere zum Beispiel vor Weihnachten ein Ritual zur Wintersonnenwende, nach der die Tage wieder länger werden, und erkläre dabei unter anderem adventliche Lichttradition des Christentums.

Ihre Rituale sorgten bereits für Irritationen innerhalb der Kirche.
Es gibt immer wieder kritische Stimmen. Ich erkläre dann gerne, um was es bei meinen Ritualen geht. Meine Spiritualität muss jedoch nicht allen gefallen. Jeder hat seinen eigenen Zugang zum religiösen Erleben.

Sie haben sich selbst schon als «moderne Hexe» bezeichnet. Identifizieren Sie sich überhaupt noch mit der reformierten Kirche?
Ich bin eine überzeugte Reformierte. Keine Frage. Die reformierte Tradition gibt dem einzelnen Menschen die Freiheit, selber über die persönliche Spiritualität zu entscheiden. Das ist nicht immer einfach. In dieser Freiheit liegt eine neue Chance für die reformierte Kirche. Sie sollte dies stärker betonen.


Zur Person

Renate von Ballmoos ist reformierte Pfarrerin der Kirchgemeinde zu Predigern in Zürich. Sie ist zudem ausgebildet in ekstatisch-schamanischen Traditionen und organisiert jahreszeitliche Rituale in Zürich.


Ausstellungshinweis: «Irische Impressionen in Wort und Bild»

Fotografien aus Irland von Bruno Züttel und Elizabeth Zollinger. Irische Geschichten von Feen und Heiligen mit Isabelle Hauser. Zur Finissage am 21. Januar hält Elizabeth Zollinger einen Vortrag über die Geschichte der christlich-keltischen Kirche in Irland.

Predigerkirche Zürich, 17. bis 21. Januar 2019. Weitere Informationen: predigerkirche.ch.