Kirchliche Hilfsaktion
Vier Kinder in einem Treppenhaus, im Jahr 1993. Aus ihren verdunkelten, beinahe anonymen Gesichtern ist kaum herauszulesen, wie es ihnen geht. Eines nuckelt an einem Schoppen, eines spielt mit einer Kehrschaufel und eines schaukelt auf einem Pferd. Will es in seiner Gedankenwelt davongaloppieren, zurück in den Kosovo? Oder eher durch die Wiesen von Bümpliz reiten, in dem Ort, in dem es mit seinen Eltern gerade untergebracht ist? Oder noch lieber hin und her zwischen alter und neuer Heimat? Heimat – was ist das überhaupt, wenn man noch so klein ist?
Anfang der 1990er Jahre flüchteten viele Kosovo-Albaner in die Schweiz, nachdem sich der Konflikt in ihrer Region, der serbisch dominierten Provinz Kosovo, immer weiter zugespitzt hatte. Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke berichteten von einem Klima der Angst. Die mehrheitlich albanische Bevölkerung werde von der serbischen Minderheit unterdrückt. Hausdurchsuchungen, Einschüchterungen und Verhöre seien an der Tagesordnung. Die Uno-Menschenrechtskommission schrieb in einem Bericht von «einer Form ethnischer Säuberung».
«Menschenteppich» angedroht
Ungeachtet dessen schickte die Schweiz viele Asylsuchende aus dem Kosovo wieder in ihre Heimat zurück. Dagegen protestierten nebst Hilfswerken auch Kirchenvertreterinnen. 18 Kirchgemeinden im Kanton Bern – 5 katholische und 13 reformierte – beschlossen sogar, rund 100 von der Ausschaffung bedrohte Flüchtlinge bei sich aufzunehmen und ihnen Kirchenasyl zu gewähren. Vier junge Familien kamen in Bümpliz unter. Sie verbrachten mehrere Monate in der Kirche und einem Kirchgemeindehaus.
Bei den zuständigen Behörden des Kantons Bern stiess die Aktion auf wenig Gegenliebe. Sie beharrten auf der Ausschaffung. Worauf vereinzelte Kirchgemeinden ankündigten, die Flüchtlinge zu schützen und allenfalls der Polizei den Zugang zum Kirchenasyl zu versperren – wenn nötig gar durch einen «Menschenteppich mit Pfarrern und Kirchenratsmitgliedern», wie es in einem «NZZ»-Artikel von 1993 zu lesen ist.
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
Soweit kam es schliesslich nicht. «Die Staatsmacht war in einem Dilemma», schrieb «Der Bund» in einem Artikel: «Sie versucht schon gar nicht mehr, die Asylbewerber dem schützenden Schoss der Kirche zu entreissen.» Die meisten seien in der Schweiz geblieben oder weitergereist.
Vergzeigt und gebüsst
Ohne Konsequenzen blieb die Hilfsaktion allerdings nicht. Sie hatte ein juristisches Nachspiel. Mehrere Verantwortliche des Berner Kirchenasyls wurden verzeigt. Wegen «Beihilfe zum illegalen Aufenthalt von Ausländern» erhielten sie Bussen zwischen 100 und 350 Franken. Doch die Kirchenleute wehrten sich – und hatten Erfolg. Die Verfahren wurden allesamt eingestellt.
30 Jahre ist es her, dass die Kinder in Bümpliz im Treppenhaus spielten. Was wohl aus ihnen geworden ist? Sind sie mit ihren Familien später in den Kosovo zurückgekehrt? Sind sie weitergereist oder geblieben? Wer weiss, womöglich lebt das eine oder andere noch in der Schweiz, vielleicht sogar in der Nähe von Bümpliz, ganz legal, mit eigenen Kindern – und hat inzwischen seine Heimat gefunden.