Zeitzeuge

Umstrittener Kirchturm

Eine avantgardistische Kirche sollte zum Stolz einer aufstrebenden Zürcher Gemeinde werden. Bei der Enthüllung kam es zu einer bösen Überraschung.

Die futuristische Kirche in Effretikon - hier auf einer Aufnahme von 1962 - sorgte jahrelang für Diskussionen. Heute steht sie unter Denkmalschutz. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/ Comet Photo AG)

In der Nachkriegszeit erlebte die Gemeinde Effretikon im Zürcher Kemptthal einen Wachstumsschub. Moderne Wohnsiedlungen und zahlreiche Zuzüger verwandelten das beschauliche Dorf innerhalb von wenigen Jahre zur Kleinstadt. Der Platz wurde eng, auch in den bestehenden Kirchen. Die Gemeinde entschloss sich deshalb, auf der Anhöhe Rebbuck beim Bahnhof einen modernen Kirchenbau zu errichten, der bis zu 600 Gläubige aufnehmen sollte.

Als Sieger aus dem Projektwettbewerb ging der Zürcher Architekt Ernst Gisel hervor. Der damals 35-Jährige hatte sich unter anderem mit dem Parktheater in Grenchen einen Namen gemacht und galt als kreativer Kopf. Für Effretikon entwarf Gisel ein Kirchenschiff mit gestaffeltem Satteldach und freistehendem Turm. Obwohl die avantgardistische Form in der Gemeinde für Diskussionen sorgte, war man sich einig, dass der Entwurf zum Dorfbild passte. Im Sommer 1958 wurde er von der Versammlung der reformierten Kirchgemeinde schliesslich ohne grossen Widerstand gutgeheissen.

Doch die böse Überraschung folgte auf dem Fuss. Noch nicht festgelegt war zum Zeitpunkt der Abstimmung die definitive Form des Turmabschlusses. Gisel hatte während der Planungsphase seine Entwürfe mehrfach angepasst. Die Bauarbeiten liefen bereits auf Hochtouren, als er sich noch einmal für eine ganz andere Variante entschied: Anstelle der geplanten Wandschräge sollte nun eine massive, gegen den Himmel geöffnete Betonwanne den Kirchturm krönen.

Serie: «Zeitzeuge»
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)

 Als 1961 das Baugerüst entfernt wurde, war die Empörung riesig. Gemeindemitglieder, denen der Turm zu modern war, machten ihrem Ärger in Leserbriefen Luft. Von einer «Giraffentränke» und «Seelenabschussrampe» war die Rede. Beinahe wäre es sogar zum Abriss gekommen. Die Kirchgemeinde sah davon lediglich ab, weil ein neuer Turm hohe Kosten verursacht hätte und Gisel mit strafrechtlicher Verfolgung drohte.

Der junge Architekt hielt mit Selbstbewusstsein an seinem neuen Entwurf fest. Ein Abriss oder Umbau verletze seine Urheberrechte, liess er die Kirchgemeinde wissen. Zudem sei die Formgebung ausschliesslich Sache des Künstlers, wie der Historiker Michael Hanak in seiner Publikation über die Kirche Effretikon schreibt.

Heute ist der Unmut über den kühnen Kirchenbau längst verraucht, vielen Effretikern gilt er als Wahrzeichen ihrer Stadt. Auch der Kanton sah in Gisels Werk «einen der wertvollsten Zeugen der Nachkriegsmoderne» und stellte die Kirche 2008 unter Denkmalschutz.