Kunst in der Kirche
Die Kuratorin und das Krokodil
Wer in der Mitte des Kirchenschiffs der Wasserkirche in Zürich den Kopf in den Nacken legt, blickt direkt auf den Bauch des Krokodils. Das Reptil war spät dran: Die Arche war schon fast fertig, als es noch immer in Deutschland festsass. «Probleme am Zoll», erklärte Klara Piza amüsiert, als sie das aktuelle Kunstprojekt der Zürcher Altstadtkirche vorstellte.
Piza ist Programmleiterin der Wasserkirche. Dort finden immer wieder aufsehenerregende Kunstinstallationen statt, wie diejenige der bekannten Performance-Künstlerin Marina Abramović letztes Jahr zur Rolle der Frau in der Ikonografie und im Christentum.
Die Arche 2.0 – eine Konstruktion aus acht Tonnen Fichtenholz – soll dazu anregen, sich Gedanken zu den Themen Klimawandel und Hoffnung zu machen. Sie dient zudem als Kulisse für Theaterstücke, Lesungen und Ausstellungen. Dafür arbeitet die Wasserkirche mit zahlreichen externen Gruppen und Institutionen zusammen, etwa dem Naturhistorischen Museum.
Schon im 17. und 18. Jahrhundert beherbergte die Wasserkirche unter anderem ein Krokodil und einen Walfisch der naturhistorischen Sammlung. Piza sagt: «Die Wasserkirche zeichnet sich durch ihre Offenheit gegenüber Stimmen von aussen aus.» Als Resonanzraum der Stadt und Bevölkerung beschreibt sie den Ort.
Den Raum miteinbeziehen
Der Weg dahin war ein längerer Prozess. Als Piza 2019 eine Projektstelle bei der Wasserkirche antrat, ging es um die Frage, in welche Richtung sich die fast 800 Jahre alte Kirche bewegen sollte. «Uns interessierte, wie der Raum neu entdeckt werden kann», sagt Piza. Nur Bilder aufzuhängen, das sei passé. Gerade die Arche 2.0 nutzt die Höhe des Raumes aus und macht das Kirchenschiff zu einem Teil der Ausstellung, indem es Besucherinnen etwa ganz in die Nähe der von Augusto Giacometti gestalteten Chorfenstern gelangen lässt.
Nicht immer müssen die Kunstinstallationen Dimensionen annehmen wie die Arche 2.0. «Es bleibt auch Platz für leise Projekte», sagt Piza und verweist auf die Arbeit der Künstlerin Alicia Velázquez. Diese hat 2023 mit Bewohnerinnen und Bewohnern eines Seniorenheims lange Gespräche über das Leben und den Alterungsprozess geführt und anschliessend Skulpturen aus Keramik kreiert. Unter dem Titel «Unsere Zeit» wurden die Objekte letztes Jahr im Kirchenraum ausgestellt.
Inspiration von ausserhalb der Bibel
Kunst und Religion hält Piza für eine logische Kombination. «Beide setzen sich mit dem Menschsein auseinander.» Viele Kunsstschaffende würden während eines Schaffensprozesses etwas über ihre Bestimmung, ihre Essenz oder gar ihre Seele in Erfahrung bringen. Da sie sich den existenziellen Fragen zudem intuitiv annähern könnten, seien sie in der Lage, Kirchenmitgliedern neue Impulse zu liefern.
Dass solche Impulse nicht immer erwünscht sind, hat Piza in früheren Zeiten erlebt. Die gebürtige Österreicherin stieg nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften als Produktionsleiterin eines Wiener Theaters in die Welt der Kultur und Kunst ein. Es folgten Stationen in London, Berlin und Madrid. Als Mitarbeiterin eines Beratungsunternehmens für Kunstbetriebe kam sie in Kontakt mit Art Basel und Art Dubai, den grossen Kunstmessen, oder der Fondazione Prada.
Nachdem sie sich als Beraterin selbständig gemacht hatte, übernahm sie die Kommunikation für eine Initiative, die zum Ziel hatte, zeitgenössische saudische Kunst zu fördern. Im Wüstenstaat ist das Verhältnis zwischen Staat, Religion und Kunst widersprüchlich.
Kunst statt Erdöl
Während das autoritäre geführte Land derzeit viel Geld in die heimische Kunstindustrie investiert und Biennalen durchführt, um Touristen anzulocken, gelten zahlreiche geschriebene und ungeschriebene Gesetze für die Kunstschaffenden. «Kritik an der Religion ist nicht möglich», sagt Piza. Die Kunst unterstehe einer strengen Kontrolle durch die Religionspolizei, im schlimmsten Fall drohe Kunstschaffenden die Inhaftierung. Die meisten würden das Thema deswegen umgehen. «Im Kleinen gelingt es der Kunst aber auch dort, rebellisch zu sein.»
Viele Kunstschaffende würden sich der Zensur gleich ganz entziehen, indem sie im Exil lebten, erzählt Piza. So hätten die meisten Ausstellungen mit saudischen Kunstwerken, mit denen sie zu tun hatte, in Europa stattgefunden – und da sei der Religionsbezug deutlich höher ausgefallen. «Die Kunstschaffenden verspüren offenbar ein Bedürfnis, Stellung zum Thema Religion zu beziehen», sagt Piza.
Der Arche 2.0 in der Wasserkirche drohen keine Hindernisse wie Zensur. Im Gegenteil: Piza zeigt sich erfreut, dass die Installation im Anschluss an ihre Zeit in der Wasserkirche weiterziehen kann. «Von März bis Oktober 2026 wird sie in Laufen am Rheinfall stehen, etwas näher am offenen Meer», sagt Piza.
Und das Krokodil? «Das wartet noch auf seine Bestimmung», sagt Piza. Aber ob es mit der Arche 2.0 nach Laufen zieht oder sich an der Limmat niederlässt: Probleme mit dem Zoll muss das Tier aus Kunststoff keine mehr befürchten.