Marina Abramović

Grenzen sprengen in der Wasserkirche

Seit dieser Woche wird in der Zürcher Wasserkirche eine Installation von Marina Abramović gezeigt. «Four Crosses» bewegt sich im Spannungsfeld von Kult und Kultur – und fragt unter anderem nach der Rolle der Frau im Christentum.
Installationsansicht der Ausstellung in der Wasserkirche Zürich. (Marina Abramović, «Four Crosses», 2019. © Courtesy of the Marina Abramović Archives / 2024 ProLitteris, Zurich. Bild: Franca Candrian, Kunsthaus Zürich)

Wer eine Ausstellung von Marina Abramović besucht, wird herausgefordert: Es geht um Körper, Tod und emotionale Grenzen. Manche Performances beinhalten Nacktheit, andere Waffen, wieder andere eine fast schon schmerzhafte Nähe.

Ganz so dramatisch geht es in der Wasserkirche nicht zu und her. Im Rahmen der grossen Abramović-Retrospektive, die derzeit im Zürcher Kunsthaus zu sehen ist, wird dort seit dieser Woche die Installation «Four Crosses» gezeigt: Vier grosse Kreuze, leicht in den Raum geneigt, mit Bildern der Künstlerin in verschiedenen Posen.

«Das Werk braucht eine gewisse Raumhöhe, damit es wirkt», erklärt Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis die räumliche Erweiterung der Retrospektive. «Mir kam dafür sofort die Wasserkirche in den Sinn.» Zudem sei es naheliegend gewesen, das Museum zu verlassen, da Abramović selbst mit ihrer Arbeit immer wieder Grenzen sprenge. Und auch thematisch passe «Four Crosses» in die Kirche.

Grosse Retrospektive

Marina Abramović, 1946 in Belgrad geboren, gehört zu den bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart. In ihren Installationen und Performances lotet sie immer wieder körperliche und mentale Grenzen aus, Themen wie Schmerz und Tod.

Nun zeigt das Zürcher Kunsthaus viele der wichtigsten Arbeiten Abramovićs. Die Retrospektive umfasst alle Schaffensperioden sowie ein neues, eigens für Zürich konzipiertes Werk. Sie ist noch bis zum 16. Februar zu sehen. (vbu)

Eine eigene Ikonografie

Mit der Installation schafft Abramović eine Art christliche Ikonografie. Doch anders als bei klassischen Darstellungen wird sie nicht abgebildet, sondern ist selbst die Schöpferin ihres Bildnisses. Damit fragt die Künstlerin unter anderem nach der Rolle der Frau in der Ikonografie, ja im Christentum überhaupt. Zugleich thematisiert sie durch die schwarz-weissen Bilder auch die Beziehung von Leben und Tod. Die Ausstellung in der Wasserkirche sei eine Einladung, über solche Fragen nachzudenken, sagt Mirjam Varadinis.

Der Raum selbst spielt dabei ebenfalls eine Rolle: Die Wasserkirche markiert den Ort, wo die Zürcher Schutzpatrone Felix und Regula hingerichtet worden sein sollen. Während der Reformation fiel sie wie viele Gotteshäuser dem Bildersturm zum Opfer, diente später als Lagerraum und öffentliche Bibliothek. Heute ist sie mehr Kultur- als Kultort – und genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Installation «Four Crosses». Sie habe Abramović die Kirche gezeigt und von ihrer Geschichte erzählt, sagt Varadinis. «Sie war fasziniert.»

Ideale Ergänzung

Für sie sei Kunst ausserhalb des Museums immer eine Gelegenheit, ein neues Publikum zu treffen, sagt die Kuratorin. «Touristen etwa, die vielleicht nicht den Weg ins Museum gefunden hätten.» Zudem sei die Installation in der Wasserkirche eine ideale Ergänzung zur Hauptschau. Diese biete eine sehr dichte, mitunter aufwühlende Erfahrung. «Die Stimmung in der Wasserkirche ist dagegen geprägt von Ruhe und Besinnlichkeit. Das passt in diese Jahreszeit.»

Hinweis: Am 5. Dezember findet in der Wasserkirche ein Podiumsgespräch über «Four Crosses», über Kunst ausserhalb des Museums und in der Kirche statt. Es diskutieren Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis und Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch unter der Leitung von Klara Piza.

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