«Wir dulden keine Diskriminierung»

Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller gehört zu den profiliertesten Befürwortern einer vielfältigen Kirche. Zuletzt machte er sich am Swiss Diversity Award Ende September für mehr Diversität stark. Im Interview erklärt er, was ihn antreibt und warum er sich manchmal wünscht, Jesus wäre eine Frau gewesen.

«Diversität ist nicht in allen reformierten Kirchgemeinden gleich akzeptiert»: Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller. (Bild: Gion Pfander)

Herr Müller, Sie haben sich schon mehrfach sehr klar zu Diversity in der Kirche geäussert. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?
Aus religiösen und kirchlichen Kreisen sind immer wieder skeptische bis ablehnende Kommentare zu Diversity zu hören. Das verletzt die Menschen. Am Swiss Diversity Award wollte ich mit meiner Rede ein deutliches Zeichen setzen. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass es uns leid tut, wenn in der reformierten Kirche Menschen diskriminiert werden. Und zeigen, dass es auch andere Meinungen in Religion und Kirche gibt.

Die katholische Kirche steht wegen Missbräuchen in den Schlagzeilen. Und die Evangelische Kirche in Deutschland hat angekündigt, ihre Missbrauchsgeschichte aufzuarbeiten. Wie akut ist das Thema Diskriminierung in den reformierten Kirchen?
Auch bei uns in der reformierten Zürcher Landeskirche sind Menschen diskriminiert und ausgeschlossen worden. Genaue Daten dazu haben wir nicht, aber man hat mir solche Erlebnisse berichtet. Das sind Einzelfälle, die wir sehr ernst nehmen. Natürlich ist das Thema Diversity nicht in allen Kirchgemeinden gleich akzeptiert. Da und dort sind Vorbehalte zu spüren. Bis zu einem gewissen Grad müssen wir das respektieren.

Bis zu welchem?
Menschen dürfen nicht diskriminiert werden. Das können wir nicht akzeptieren.

Was hat die Zürcher Landeskirche unternommen, um Diversity zu fördern?
Wir hatten uns bereits 1999 klar für die Gleichwertigkeit homosexueller Liebe ausgesprochen. Es ist nicht so, dass wir das Thema erst jetzt neu entdeckt haben. Das ist schon lange unsere Haltung. Auch auf anderer Ebene fördern wir Diversität, etwa durch unsere Fachstellen in den Bereichen Gender, Migration und Behinderung.

Dass sich ein Kirchenratspräsident öffentlich so klar zu dem Thema äussert, ist keine Selbstverständlichkeit. Hatten Sie keine Angst, sich zu exponieren?
Zunächst schon. Aber dann habe ich nochmals das Papier von 1999 gelesen. Ich war damals ganz neu in der Synode und hatte die Tragweite dieser Stellungnahme nicht so richtig wahrgenommen. Heute überrascht mich eher, dass mein Auftritt in Bern so grosse Aufmerksamkeit erregt hat. Denn im Prinzip habe ich nur wiederholt, was wir bereits vor zwanzig Jahren festgehalten hatten.

Welche Reaktionen gab es auf Ihren Auftritt in Bern?
Ich habe das Glück, dass ich wegen meiner Stellungnahmen kaum angegriffen werde. Auch jetzt nicht. Hingegen ist das Video von meiner Rede auf Facebook sehr häufig geteilt worden.

In Ihrer Rede sprachen Sie von den Schwierigkeiten, die Religionen und Kirchen mit Diversität bekunden. Was meinen Sie damit?
Beim Thema Sexualität verhalten sich Religionen meist defensiv bis rabiat. Was der Churer Weihbischof Eleganti kürzlich über Homosexuelle äusserte, ist grauenhaft. Er machte Homosexualität verantwortlich für die Kindesmissbräuche in der katholischen Kirche. Als Reformierte wollen wir uns davon klar abgrenzen. Es ist mir ein persönliches Anliegen, deutlich zu machen, dass wir da anders ticken.

Weil Sie selbst einen homosexuellen Sohn haben?
Ja, es hat sicher eine Rolle gespielt, dass Homosexualität und Behinderung in meiner Familie vorkommt. Es ist aber nicht so, dass mir das Thema Diversität erst dadurch bewusst wurde. Ich hatte schon vorher mit diversen Menschen zu tun, beispielsweise arbeitete ich im Konfunterricht mit schwerbehinderten Jugendlichen.

Hat sich Ihre Haltung durch Ihre familiären Erfahrungen verändert?
Das Thema ist mir noch näher gekommen, weil ich es in meiner Familie mit Menschen zu tun habe, die ich bedingungslos liebe. Es sollte aber sowieso eine christlich seelsorgliche Haltung sein, dies anzunehmen statt zu verurteilen.

Wie reagieren Ihre Kinder, wenn Sie sich öffentlich zu diesen Themen äussern?
Meine Kinder wissen, dass ihr Vater manchmal in der Öffentlichkeit steht und sie damit Teil davon sind. Ich spreche aber nur über sie, wenn sie zuvor ihr Einverständnis gegeben haben. Ich werde meine Kinder nicht zu meinen Botschaftern machen.

Verächtliche Aussagen über Homosexualität sind gelegentlich auch aus evangelischen Kirchen zu hören.
Ja, es ist vorgekommen, dass von evangelikaler und freikirchlicher Seite solche Dinge geäussert wurden. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als Landeskirche immer wieder positionieren.

Wie grenzt sich die Landeskirche von solchen Äusserungen ab?
Die Schwierigkeit ist oft, dass einzelne Sätze aus der Bibel verabsolutiert werden. Das ist aus Sicht der Seelsorge nicht zu verantworten. Nehmen wir das Beispiel der Adoption eines Kindes durch ein gleichgeschlechtliches Paar. Ich kann verstehen, dass es da Vorbehalte gibt und man sie sogar mit biblischen Vorstellungen begründet. Dass man aber aufgrund von Bibelzitaten so tut, als habe man ein für alle Mal die Wahrheit gefunden, geht nicht. Das widerspricht unserem Bibelverständnis.

Sind nicht auch patriarchale Strukturen ein Hindernis für mehr Diversität?
Bei uns sind manche Funktionsweisen und Denkmuster noch stark auf Männer ausgerichtet. Patriarchale Elemente sind überall zu finden, in liturgischen Formulierungen, in biblischen Texten, in Gottesvorstellungen. Das ist nicht nur ein sprachliches Problem, das wir lösen können, indem wir neben den Vater die Mutter stellen. Vielmehr sollten wir unsere Gottesvorstellung hinterfragen.

Was ist Ihre?
Ich stelle mir Gott als ein Du vor. Diesem Du kann ich kein Geschlecht geben. Es ist ein Gegenüber, das zuhört, das reden kann, das in die Seele spricht. Bei Jesus ist das natürlich anders. Jesus war ein Mann, der immerhin sehr ungewöhnlich und überraschend mit Männern und Frauen umgegangen ist. Und doch denke ich manchmal, es wäre schön, wäre Jesus eine Frau gewesen.