Kirchenbund mag sich noch nicht bei Missbrauchsopfern entschuldigen

Die Evangelische Kirche in Deutschland will Licht ins Dunkel ihrer Missbrauchsfälle bringen. Vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund ist in dieser Sache wenig Initiative zu spüren.

Gesamtschweizerische Zahlen zu Missbrauchsopfern in den reformierten Kirchen existieren nicht. (Symbolbild: Keystone/Christof Schuerpf)

Der Druck der Öffentlichkeit hat gewirkt: Nach der katholischen Kirche will nun auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sexuelle Missbräuche in den eigenen Reihen aufarbeiten. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sagte zum Auftakt der Synode in Würzburg vom 11. bis 14. November, ihm gehe die Aufarbeitung der sexuellen Missbräuche «nicht schnell genug». Die Kirche müsse intensiver an Aufklärung und Prävention arbeiten, es brauche eine «Null-Toleranz gegenüber Tätern und Mitwissern». Im Namen der Kirche bat Bedford-Strohm die Opfer um Vergebung.

Während die Evangelische Kirche in Deutschland deutlich Stellung bezieht, mag sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) nicht bei den Opfern entschuldigen. «Geplant ist unmittelbar keine offizielle Stellungnahme», schreibt der Kirchenbund auf Anfrage von bref. Dies, obwohl er mit seiner Umwandlung in die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz verstärkt nationale Bedeutung beansprucht. Der Kirchenbund schreibt lediglich, man sei sich der Thematik des sexuellen Missbrauchs in der Kirche «sehr bewusst».

Fast nichts passiert

Weiter verweist der Kirchenbund auf einen Workshop, der Mitte Dezember zum Thema Prävention gegen sexuelle Gewalt stattfinden soll. Dabei wird das Gespräch mit den Präventionsverantwortlichen der Landeskirchen wieder aufgenommen. Hintergrund ist ein offener Brief an den Ratspräsidenten Gottfried Locher aus dem Jahr 2014. Darin forderten Theologinnen und Theologen unter anderem, dass sich der Kirchenbund auf überkantonaler Ebene verstärkt der Prävention von sexueller Gewalt widmen solle.

Passiert ist in der Zwischenzeit aber fast nichts. Sabine Scheuter, Mitunterzeichnende des offenen Briefs und Leiterin Personalentwicklung und Diversity bei der Zürcher Landeskirche, bedauert das: «Das Projekt ist nach einem ersten Treffen 2016 leider unterbrochen worden. Ich hoffe, dass der Kirchenbund nun nach Abschluss des Reformationsjubiläums wieder mehr Zeit dafür findet», sagt sie.

Aufarbeitung auf nationaler Ebene nötig

Eine weitere Mitunterzeichnende des offenen Briefs, die Theologin Judith Borter, wünscht sich, dass sexueller Missbrauch verstärkt durch den Kirchenbund thematisiert wird. Die Entwicklung in der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüsst sie. «In der Schweiz sollte dieses wichtige Thema sowohl in den Landeskirchen als auch auf nationaler Ebene angesprochen werden», sagt sie.

Dass hier noch Nachholbedarf ist, zeigen auch die fehlenden Zahlen zu Missbrauchsopfern in der Schweiz. Diese wurden lediglich von einzelnen Landeskirchen erfasst, nicht aber schweizweit, wie eine Anfrage beim Kirchenbund ergab.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.