Wenn nicht die Kirche, wer dann?
Der Krieg in der Ukraine dauert seit vier Wochen an. Wir alle sind hilflos, viele sind verzweifelt angesichts der russischen Invasion. Man möchte etwas tun, damit nicht noch mehr Zivilisten – und auch Soldaten – sterben, damit nicht noch mehr Menschen alles zurücklassen und flüchten müssen.
Aus dieser Perspektive betrachtet ist es nur verständlich, dass Deutschland hundert Millionen Euro in die Bundeswehr investieren will und Waffen in die Ukraine liefert. Die Schweiz liefert zwar keine Waffen, aber auch hier werden Rufe nach Aufrüstung laut. Verteidigungsministerin Viola Amherd hat an die Gegner der F35-Beschaffung appelliert, ihre Initiative gegen den Kauf der Kampfjets zurückzuziehen. Die Schweiz brauche das Flugzeug, um ihren Luftraum zu schützen, argumentierte die Bundesrätin.
Helden wie aus Hollywood
Das eigene Land mit Waffen zu verteidigen, ist natürlich auch in der Ukraine zentral. In der Berichterstattung wird dieser Einsatz häufig als heldenhafter Kampf dargestellt. Wir lesen Geschichten von tapferen Soldaten, die sich nicht ergeben wollten oder von mutigen Zivilisten, die ohne militärische Ausbildung in den Krieg ziehen. Und an der Spitze steht ein Präsident, der das Land nicht verlässt, sondern in den Kampf zieht, den er nie wollte.
Das Motiv ist klar. Diese Menschen – meist Männer – verteidigen ihre Heimat um jeden Preis, selbst wenn sie es mit dem Leben bezahlen. Das ist das klassische Helden-Narrativ, wie wir es aus jedem Hollywoodfilm kennen. Dass nicht alle Männer freiwillige «Helden» sind, geht dabei unter. Denn Männer zwischen 18 und 60 Jahren haben keine Wahl. Sie dürfen die Ukraine im Moment nicht verlassen.
Weltfremder Pazifismus?
Aber muss ein Mann für sein Land sterben wollen? Muss man ein mutiger Held sein in einem Krieg? Dürfen Männer nicht auch flüchten? Dürfen nicht auch sie weiterhin für den Frieden einstehen, statt die Waffen zur Hand zu nehmen? Und wir im Westen Europas: Dürfen wir auch keine Waffen liefern? Nicht hochrüsten? Dürfen wir weiterhin den Pazifismus vertreten und einfordern – oder verraten wir damit die ukrainische Bevölkerung, die sich mitten im Krieg befindet?
In der Schweiz halten zum Beispiel linke Politikerinnen am Pazifismus fest. So sagte die abtretende Juso-Präsidentin Ronja Jansen: «Pazifismus ist ein Muss». Für diese Position gibt es in diesen Zeiten bissigen Spott von Kommentatoren und rechten Politikern. Man wirft der Linken Naivität und «weltfremden Pazifismus» vor.
Frieden als notwendige Utopie
Ist diese Kritik angebracht? Ist es nicht gerade in Kriegszeiten gerechtfertigt und vor allem notwendig, auch Utopien zu haben und für «weltfremden Pazifismus» einzustehen?
Dabei geht es nicht darum, in eine Traumwelt zu flüchten, sondern darum, eine neue Realität zu denken und vielleicht auch zu erschaffen. Eine Realität, in der der Tod und das Töten nicht normal sind.
In der Männer nicht Helden spielen müssen. In der keine Waffen geliefert und keine Geschäfte mit Diktatoren gemacht werden. Denn dadurch würde ihnen wohl ziemlich schnell viel Macht entzogen, und damit auch die Möglichkeit, überhaupt in den Krieg zu ziehen.
Hier kommt die Kirche ins Spiel. Während sich Politiker um harte Fakten kümmern müssen, könnte die Kirchen solche «Utopien» oder neue Realitäten propagieren. Das «Reich Gottes», worauf Christinnen hoffen, ist ein friedliches Reich. Jesus bringt einen allumfassenden Frieden, weil er die Schuld der Menschen überwindet. Es ist die innerste Bestimmung der Kirche, zum Frieden aufzurufen. Erst recht in Zeiten, wo dies weltfremd scheint.
Stimme der Kirche muss noch lauter werden
Ohne diese Stimme besteht die Gefahr, sich zu schnell in Heldenmythen und Rachegedanken zu verlieren. Es braucht eine Instanz, die daran glaubt, dass Frieden möglich ist. Eine Instanz, die Alternativen aufzeigt zum Recht des Stärkeren und eine Instanz, die sich für die Schwachen einsetzt.
Die Kirchen haben zum Gebet aufgerufen, sie haben interreligiöse Friedensgebete organisiert, und sie haben landesweit die Glocken läuten lassen. Kirchgemeinden haben sich solidarisch gezeigt, Geld gesammelt und unkompliziert Hilfe organisiert. Das ist lobenswert, aber zu wenig. Die Stimme der Kirche muss noch lauter hörbar werden, der Ruf nach Frieden muss lauter erklingen. Wenn nicht die Kirche diesen einfordert, wer dann?